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Hannover Vorsitzender trieb VfV Hainholz fast in Ruin
Nachrichten Hannover Vorsitzender trieb VfV Hainholz fast in Ruin
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15:28 03.12.2018
Marc W. (r.) war wochenlang abgetaucht - sein Verteidiger Torsten Garbe sah in am Verhandlungstag zum ersten Mal. Quelle: Michael Zgoll
Hannover

Der ehemalige Vereinsvorsitzende des VfV von 1887 Hannover-Hainholz ist am Montag vom Amtsgericht Hannover wegen gewerbsmäßiger Veruntreuung zu einer zweijährigen Bewährungsstrafe verurteilt worden. Außerdem bekommt der 31-jährige Marc W. einen Bewährungshelfer an die Seite gestellt, muss 200 Stunden gemeinnütziger Arbeit ableisten – und 65.900 Euro an das Land bzw. den Verein zurückzahlen. Das ist die Summe, die W. im Laufe von zehn Monaten – zwischen Mai 2017 und März 2018 – veruntreut hat, indem er 86-mal auf die beiden Sparkassen-Konten des VfV zugriff und diese restlos plünderte. Der Klub schrammte nach Aussagen von Mitgliedern haarscharf an einer Insolvenz vorbei.

Verein verliert Mitglieder

Wie es aus Vereinskreisen heißt, hat der Verlust der Ersparnisse den VfV kräftig durchgeschüttelt. Von den rund 500 Mitgliedern haben etwa hundert den Verein verlassen, weil sie das Vertrauen in den Klub verloren haben, einzelne Kurse wie das Kinderturnen können derzeit nicht mehr angeboten werden. So konzentriert sich der VfV auf die wesentlichen Sparten Fußball und Handball, bemüht sich, das normale Vereinsleben wieder in Gang zu bringen. Der Ex-Vorsitzende war monatelang abgetaucht und der Kassierer wurde abgewählt; dem Vernehmen nach soll es aktuell sehr schwer sein, einen neuen Vorstand zu finden. Das an der Voltmerstraße neu gebaute Vereinsheim ist noch nicht abbezahlt; immerhin hatte die Stadt von den Baukosten rund zwei Drittel übernommen. 2014 gab es einige öffentliche Aufregung, weil diese Kosten von ursprünglich geplanten 1,26 Millionen Euro auf 1,67 Millionen gestiegen waren.

Marc W. hatte zwei Wochen, nachdem er im Mai 2017 Vorsitzender geworden war, mit den Abhebungen begonnen. Meist waren es Beträge von 500 bis 1000 Euro, die er an Geldautomaten in der hannoverschen Innenstadt, in Vinnhorst, Stöcken oder Neustadt und Mandelsloh abhob. An einigen Tagen ließ er sich mehrfach Geld auszahlen, auch kleinere Beträge von 40 oder 100 Euro waren dabei. Eine wirksame Kontrolle vonseiten des Vereins gab es offenbar nicht.

Zur Begründung seiner Taten gab der Vater von zwei kleinen Kindern Spielsucht an: Er habe sich ständig in Spielhallen in der Region Hannover herumgetrieben und dort all das Geld verzockt. Auch bei Familienmitgliedern habe er sich mit fadenscheinigen Ausreden Bargeld geliehen.

„Leide unter Depressionen“

Der jungenhaft wirkende 31-Jährige legte vor Amtsrichter Lars Römermann ein umfassendes Geständnis ab. Er leide schon länger unter Depressionen, erklärte der Angeklagte, habe aufgrund dieser Erkrankung, seiner Spielsucht und seiner notorischen Unzuverlässigkeit schon mehrere Arbeitsstellen verloren. Was er dem VfV angetan habe, tue ihm schrecklich leid; immerhin habe er dort seit seinem vierten Lebensjahr Fußball gespielt und sei später als Übungsleiter tätig gewesen.

Bei seiner Bewerbung für den Posten des Vorsitzenden, so berichteten Vereinsmitglieder, habe W. erzählt, dass er gerade ein betriebswirtschaftlich orientiertes Master-Studium absolviere. In Wahrheit hatte der Realschüler eine Ausbildung zum Speditionskaufmann begonnen, aber kurz vor der Abschlussprüfung abgebrochen. „Ich hoffe, dass ich dem Verein über die Jahre etwas zurückgeben kann“, erklärte W. im Gerichtssaal. Doch die im Zuschauerraum sitzenden Vereinsmitglieder nahmen diese Willensbekundung mit großer Skepsis zur Kenntnis.

Angeklagter war abgetaucht

Aufgeflogen war die Veruntreuung im Frühjahr, weil den VfV etliche Mahnschreiben erreichten: W. hatte Rechnungen nicht beglichen. Bis zu diesem Wochenende war der Vorsitzende dann abgetaucht und für niemanden erreichbar. Das Gericht hatte schon einen Haftbefehl vorbereitet, Pflichtverteidiger Torsten Garbe sah seinen Mandanten erstmals kurz vor der Verhandlung. Lars Römermann verhängte gegen den Betrüger eine weitere Bewährungsauflage: So muss W. binnen drei Monaten eine ambulante Therapie beginnen, sei es in Bezug auf seine Depressionen oder seine Spielsucht. Hier bewegten sich die Verfahrensbeteiligten auf sandigem Grund, denn der Angeklagte legte keinerlei Attest mit einem festgestellten pathologischen Befund vor. So brandmarkten einige Zuschauer seine diesbezüglichen Ausführungen auch als neuerliche „Schauspielerei“.

Richter Römermann warf Marc W. in scharfem Ton vor, er habe einen Sportverein „nahezu in den Ruin gestürzt“ und als „Urgestein des VfV“ die Vereinsmitglieder „nach Strich und Faden beschissen“. Der 31-Jährige sei haarscharf daran vorbeigekommen, ins Gefängnis zu wandern; erfülle er die Bewährungsauflagen nicht, käme dies aber auf ihn zu. Große finanzielle Sprünge wird W. – sollte er seine Spielsucht in den Griff bekommen – in den nächsten Jahren eh nicht machen können, denn im Zuge einer Vermögensabschöpfung schuldet der Mann, der derzeit von Arbeitslosengeld lebt, dem Staat knapp 66.000 Euro. Der VfV Hainholz könnte seine Verluste aus der Veruntreuung beim Land Niedersachsen geltend machen – wenn es bei W. etwas zu holen gibt.

Von Michael Zgoll

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