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Hannover An der Oberschule Gehrden gibt es keine Schulbücher mehr
Nachrichten Hannover An der Oberschule Gehrden gibt es keine Schulbücher mehr
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20:02 23.02.2018
Kein lästiges Diagrammezeichnen mehr: Physiklehrer Johannes Beyer (re.) erklärt  Lena (13. v.l ), Asli (16) und Emre (17) die Kurve auf dem Tablet.  Quelle: Katrin Kutter
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Hannover

 “Digitale Bildung ist nicht, in die Klassenräume Whiteboards zu hängen und die Schüler mit Tablets auszustatten“, sagt Prof. Wassilios Fthenakis, „durch Technik allein steigert man nicht die Qualität im Unterricht.“ Der Präsident des Didacta-Verbandes, inzwischen selbst 80, wirbt seit Jahren für den digitalen Wandel in den Schulen. 

Richtig viel getan hat sich in Deutschland in den vergangengen Jahren aus seiner Sicht nicht: „Wir sind nicht der digitalen Pubertät, wir sind gerade mal in der Krippe.“ Länder wie Wales, wo digitale Bildung in allen Fächern auf dem Lehrplan stehe, seien Deutschland weit voraus. Fast wichtiger als Breitband und WLAN sei die Fortbildung der Pädagogen und ein professioneller Support, sagt Fthenakis bei der Eröffnung der Bildungsmesse Didcata am Dienstag in Hannover.

An der Oberschule Gehrden sind die Schulbücher abgeschafft

In der Oberschule Gehrden ist die Zukunft schon Realität. Seit seit neun Jahren wird dort digital gelernt, gedruckte Schulbücher gibt es nicht mehr, den festen Lernort Klassenzimmer auch nicht. Überall – auf den Gängen, auf dem Schulhof,  draußen auf Bänken – sitzen Schüler mit ihren Tablets und lernen. 

Als erste öfentliche Schule in Deutschland ist die Oberschule Anfang Dezember als Apple Distinguished School ausgezeichnet worden. Damit ehrt der Weltkonzern seit 2010 Schulen, die sich um das Lernen mit neuen Medien beispielhaft verdient gemacht haben. Ob Englisch, Mathematik, Deutsch, Physik, Religion, Textil oder Sport –d as i-Pad gehört zum Unterricht.

„Es geht nicht um Technik, es geht um den Mehrwert“, betont Schulleiter Carsten Huge (51). Das iPad als Lernwerkzeug, „Tool“ nennt das Marc Essenheimer, ein Hilfsmittel eben, nicht das Ziel an sich. Der Lehrer ist so etwas wie der IT-Manager an der Schule. Rund zehn Euro Miete im Monat müssen die Eltern der Kinder für das Tablet zahlen oder gleich den Gesamtpreis von 350 Euro. „Ein PDF ausdrucken, ausfüllen, fotografieren und einscannen ist nicht unsere Vorstellung von digitalem Lernen“, sagt Essenheimer: „Wir sind nicht die digitale Papierschule.“

Gelernt wird überall – vernetzt und global

Durch die neuen Medien lerne man man vernetzt, mobil, aber auch global, sagt Huge. Da könnten sich die Jugendlichen aus Gehrden mit Gleichaltrigen aus London über Turnschuhmode unterhalten. Oder man kann bei der Videoanalyse sehen, was Christiano Ronaldo beim Dribbeln beser macht als der Zwölfjährige aus der Parallelklasse. Wie der Vergleich der Standbilder zeigt, ziemlich viel. Maxi (12) zoomt näher heran: Ronaldo hat den Ball eng am Fuß, den Rücken gerade und blickt nach vorn, der Sechstklässler läuft gebeugt, guckt auf den Boden und zwischen Ball und Fuß ist ein ziemlich großer Abstand. 

„Natürlich laufen wir nicht mit Tablet urch die Turnhalle“, erzählt Sportlehrer Christoph Raum, aber Videoanalysen könnten helfen. „Wir sind viel besser beim Dribbeln geworden“, sagt Ron (13). Auch für Lehrer könne es bei Bewertungen von Turnübungen hilfreich sein, sich die Szene noch mal in Zeitlupe anzugucken, sagt Lehrerin Kerstin Möller.

Mehr Freiheit für den Einzelnen und mehr Gemeinsamkeit mit anderen

„Die Nutzung digitaler Medien ermöglicht eine Individualisierung des Lernprozesses, aber auch das Arbeiten im Team“, sagt Niedersachsens Kultusminister Grant Hendrik Tonne (SPD) in seiner Eröffnungsrede zur Didacta am Dienstag. In Gehrden hat der Schulleiter Huge dafür ganz anschauliche Beispiele. Da ist die schüchterne Siebtklässlerin mit Sprachproblemen, die vor der Klasse nie ein Gedicht vorgetragen hätte, aber zuhause hat sie daraus einen kleinen Film gemacht, mit Knetfiguren, Musik und Erzählerinstimme.  „Die Schüler haben Spaß an Schule, das ist die Hauptsache“, findet Rektor Huge. Und Schulsprecher Emre (17) kann das nur bestätigen.

Didacta läuft bis Sonnabend

Die weltgrößte Bildungsmesse Didacta läuft noch bis Sonnabend auf dem hannoverschen Messegelände in den Hallen 11, 12 und 13. Rund 840 Aussteller, davon 130 aus dem Ausland, präsentieren die neusten Trends in Kita, Schule und Hochschule. Geöffnet ist jeweils zwischen 9 und 18 Uhr, Tageskarten kosten an der Kasse 16, Dauerkarten 34 Euro. Wer erst nach 13 Uhr kommt, zahlt nur 10 Euro. Eine Familientageskarte für zwei Erwachsene und vier Kinder gibt es für 19 Euro an der Kasse. Neu ist der Schwerpunkt Didacta-Digital in  Halle 13. Neben den Ständen gibt es auch rund 1400 Vorträge, Diskussionen und Podiumsgespräche. Die Didacta ist seit 2001 alle drei Jahre in Hannover. dö 

Das Rechenprogramm etwa erkenne auch Wissenslücken beim Einzelnen und stelle Übungsmaterial bereit, erläutert Sechstklässler Nikolai (11). Ob das automatisch geschehe oder der Lehrer die Übungsaufgaben heraussuche? Der Elfjährige zuckt die Schultern, bei ihm ist der digitale Ordner leer: „Ich habe keine Wissenslücken.“

Auch die Lehrer sind begeistert

Den Lehrern macht ihre neue Rolle Spaß. „Man muss viel spontaner sein“, sagt Florian Evertz. „Unterricht und Lernen wird wieder cool, wir holen die Schüler aus der Welt ab, in der sie sind“, meint Johannes Beyer (30). Anstatt umständliche Temperaturdiagramme in Physik per Hand zu zeichnen, können Schüler sich jetzt auf den Versuch konzentrieren, das iPad misst automatisch alle paar Sekunden und  erzeugt daraus eine eigene Kurve.

Digitales Lernen ist für Schulleiter Huge auch demoraktische Teilhabe und die Vorbereitung aufs Berufsleben, auch im Handwerk sind mittlerweile EDV-Kenntnisse gefragt. In modernen Tischlereien sägen Maschinen, nicht der Mann an der Kreissäge. 

Und es geht auch um kritische Distanz. „Man kann fast alles im Internet finden, zu eigentlich jedem Thema gibt es ein Youtube-Video oder einen Eintrag auf einer Webseite, aber stimmt das auch? Sind die Quellen vertrauenswürdig?“, fragt Joachim Maiß, Leiter der Multi-Media-BBS in Hannover, bei einer Podiumsdiskussion auf der Didacta. “ 

 

Von Saskia Döhner

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