Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Hannover In diesen Stadtteilen ist die Kinderarmut am größten
Nachrichten Hannover In diesen Stadtteilen ist die Kinderarmut am größten
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
21:47 07.12.2018
Bei der Kinderarmut gibt es weiterhin eine enorme Spanne zwischen den Stadtbezirken. Quelle: dpa
Hannover

 Alle fünf Jahre gibt die Stadt Hannover einen neuen Sozialbericht heraus. Das Werk, am Freitag im Rathaus präsentiert und 166 Seiten stark, ist jedoch nicht zu verwechseln mit einem Armutsbericht. Sozialdezernentin Konstanze Beckedorf sagte, der Bericht 2018 „will das gesamte Spektrum der Lebenslagen der hannoverschen Bevölkerung in den Blick stellen“.

Die wichtigsten Ergebnisse: Noch nie waren so viele Menschen sozialversicherungspflichtig beschäftigt. Weniger Männer, Frauen und Kinder sind auf staatliche finanzielle Hilfe angewiesen. Die Kinderarmut geht zurück. Auf der anderen Seite steigt die Altersarmut. „Auf Rekordniveau“ befindet sich die Zahl der Pflegebedürftigen. Ähnlich steht es um Obdach- und Wohnungslose. Die Resultate im Detail:

Bevölkerung:

In den vergangenen fünf Jahren ist die Bevölkerungszahl um insgesamt 22.000 Menschen gestiegen, dazu zählen Flüchtlinge ebenso wie Zugezogene aus europäischen Ländern.

Syrer (plus 4502), Iraker (2353), Bulgaren (2071) und Rumänen (1833) stellen dabei den größten Anteil. Von 2013 bis Ende 2017 wuchs der Anteil der Neubürger mit Migrationshintergrund in der Summe um fast 31.000. Gleichzeitig verlor Hannover durch Todesfälle und Wegzug 8647 Menschen, die allein die deutsche Staatsbürgerschaft besaßen. Jeder zehnte Bürger ist schwerbehindert.

Einen bedeutenden Teil der Bevölkerung machen die sogenannten „Babyboomer“ aus. Die Menschen im Alter zwischen Ende 40 und Anfang 60 stellen mit 114.00 Männern und Frauen etwa ein Fünftel der Bevölkerung. Diese Generation geht in absehbarer Zeit in den Ruhestand und dürfte nach Einschätzung der Stadt den Fachkräftemangel in Unternehmen verstärken.

Beschäftigung:

Noch nie waren in Hannover so viele Menschen sozialversicherungspflichtig beschäftigt wie in den vergangenen fünf Jahren. Dem Sozialbericht zufolge sind es nun 204.000. Innerhalb der vergangenen fünf Jahre sind während des Wirtschaftsaufschwungs 19.000 neue Jobs entstanden, vom Boom profitierten überwiegend Fachkräfte aus dem In- und Ausland. Arbeitslosen nutzte die Entwicklung weniger, ihre Zahl verringerte sich lediglich um 3300 Menschen.

Dennoch sind in Hannover so wenige Erwerbsfähige ohne Job wie noch nie seit der Arbeitsmarktreform 2005: 24.000 Menschen haben keine Beschäftigung, das entspricht einer Quote von 6,8 Prozent. Diejenigen, die länger als fünf Jahre ohne Arbeit waren, finden aber kaum noch eine Anstellung, sie wechseln meist direkt in die Rente. Ihr größtes Hindernis: 65 Prozent haben keine abgeschlossene Berufsausbildung. Mehr als 14.000 Menschen, oft alleinerziehende Frauen und allein lebende Männer, verdienen so wenig, dass sie Anspruch auf zusätzliche staatliche Hilfen haben.

Armut:

In Hannover sind weniger Bürger auf Sozialleistungen angewiesen als in den vergangenen Jahren. 15,6 Prozent der Bevölkerung, 84.540 Menschen, erhalten staatliche Hilfen zum Lebensunterhalt. Innerhalb von zwei Jahren verringerte sich die Zahl um 4236 Menschen, obwohl viele Flüchtlinge in die Stadt kamen, die ebenfalls Ansprüche auf Unterstützung haben und in diese Statistik eingehen. Der Rückgang sei eine Folge der guten wirtschaftlichen Entwicklung.

Bei der Kinderarmut gibt es weiterhin eine enorme Spanne zwischen den Stadtbezirken. Während in Mühlenberg 69 Prozent aller Kinder auf staatliche Hilfen zum Lebensunterhalt angewiesen sind, bekommen in Isernhagen-Süd lediglich 0,9 Prozent der dort lebenden Jungen und Mädchen Unterstützung. Manchmal liegen reiche und arme Stadtteile nebeneinander: Seelhorst hat eine Quote von 4,9 Prozent, das angrenzende Mittelfeld jedoch hohe 43,5 Prozent. Im städtischen Durchschnitt erhalten 27,8 Prozent aller Kinder finanzielle Hilfen. Ein weiteres Ergebnis des Sozialberichts: Je länger und früher Kinder eine Kita besuchen, desto weniger anfällig sind sie für Über- oder Untergewicht. Und Kinder aus Stadtteilen mit hoher Armut gehen seltener auf ein Gymnasium.

Jedes Jahr sind 300 Männer und Frauen erstmals von Altersarmut betroffen. Inzwischen bekommen beinahe 13.000 Menschen über 60 Jahre staatliche Transferleistungen. Im Rathaus vermutet man eine hohe Dunkelziffer, da viele Betroffene aus Unwissen oder Scham Ansprüche nicht anmelden. Insgesamt gilt die soziale Lage in 16 von 387 der hannoverschen „Mikrobezirke“ als sozial angespannt.

Wohnen:

Die wachsende Bevölkerung stellt Hannover vor „wohnungspolitische Herausforderungen“, heißt es im Bericht. Die Stadt will deshalb bis zum Jahr 2020 insgesamt 2000 neue Wohnungen mit Belegrechten schaffen. In Hannover fehlt außerdem barrierefreier Wohnraum für Menschen mit Rollator, Rollstuhl und Gehhilfen. Die Stadt beziffert die Zahl auf rund 28.000.

Pflege:

„Auf Rekordniveau“ liegt die Zahl pflegebedürftiger Menschen: 19.381 Männer und Frauen, notiert der Sozialbericht. Im Jahr 2030 könnten es bereits mehr als 25.000 Menschen sein. Der Pflegebedarf steigt mit zunehmendem Alter rasant. Von den 75- bis 85-Jährigen sind 15 betroffen. Wer ein noch höheres Alter erreicht hat, benötigt schon in jedem zweiten Fall Betreuung.

Der Sozialbericht soll in den nächsten Monaten in Politik und Verwaltung diskutiert werden, um mögliche Konsequenzen aus der umfangreichen Datensammlung zu beraten. Schostok lobte, dass Hannover mit der Tradition seiner Sozialberichte eine „Vorreiterrolle“ in Deutschland spiele. Welche Schlussfolgerungen die Stadt aus seiner Sicht aus den umfangreichen Zahlen ziehen müsse, sagte er am Freitag nicht.

Von Gunnar Menkens

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Der niedersächsische Landesverband der Partei Alternative für Deutschland (AfD) hatte am Freitagabend zu einer Kundgebung gegen den geplanten Migrationspakt auf den Georgsplatz geladen. Neben der Landesvorsitzenden Dana Guth sprach unter anderem auch der hannoversche Bundestagsabgeordnete der Partei, Jörn König.

07.12.2018
Hannover Die tägliche Hannover-Glosse - Lüttje Lage: Meine SMS ist wichtiger

So lustig kann das Leben in Hannover sein: In der täglichen Kult-Glosse „Lüttje Lage“ erzählen HAZ-Autoren von den skurrilen, absurden und bemerkenswerten Erlebnissen des Alltags. Heute: Meine SMS ist wichtiger

07.12.2018

Im Konflikt um Millionensummen, die Hannover jährlich an die Region überweist, zeichnet sich ein erster Kompromiss ab, aber Hannovers Kämmerer Axel von der Ohe (SPD) ist noch nicht zufrieden.

07.12.2018