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Hannover Benecke feiert 300. Jubiläum
Nachrichten Hannover Benecke feiert 300. Jubiläum
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00:32 16.05.2018
Das Hauptverwaltungsgebäude ist denkmalgeschützt. Es liegt an der Beneckeallee in Vinnhorst. Quelle: Samantha Franson
Hannover

In den vergangenen vier Jahren hat Enno Harstick, seit 1984 Grafiker bei der heutigen Benecke-Hornschuch Surface Group in Vinnhorst, außer in seinem Büro auch viel Zeit in einem anderen Raum zugebracht. Dort stehen kiloschwere Folianten in Regalen, es gibt Musterbücher, historische Fotos, Kataloge und vieles mehr, was sich in einem Unternehmensarchiv im Laufe der Zeit so ansammelt. Haarstick ist Mitglied des Teams, das die Chronik zum 300. Jubiläum des Folienspezialisten Benecke erarbeitet hat. „Damit sind wir Deutschlands ältestes Kunststoff verarbeitendes Unternehmen“, sagt Harstick.

Enno Harstick hat viel Zeit im Unternehmensarchiv verbracht. Quelle: Samantha Franson

Die Geschichte der heutigen Continental-Tochter beginnt 1718, als sich der Hannoveraner Johann Friedrich Appel vom König die Erlaubnis dazu erhielt, in unmttelbarer Nähe zum Klagesmarkt eine „Wachstuchmacherey“ zu gründen. Der Begriff ist irreführend, denn um Stoffe haltbarer und wasserdichter zu machen, wurde damals schon nicht mehr Wachs verwendet, sondern Leinölfirnis. Geschäftlich hatte Appel einen guten Riecher: „Wachstuch erfreute sich zunehmender Beliebtheit, und Wachstuchtapeten entwickelte sich sogar zu einem Modeartikel“, heißt es in der Chronik.

Das bewahrte die Wachstumsmacherei allerdings nicht vor Durststrecken. Nach Besitzerwechseln stand sie 1771 kurz vor dem Ende, als der Hildesheimer Kaufmann Ernst-Philipp Benecke laut Vertrag „für und um die Summe von 3797 Reichstaler und 9 Mariengroschen“ übernahm. Zur Einordnung: Eine Haushälterin verdiente damals etwa 40 Taler, und zwar pro Jahr. Benecke schaffte es, die Firma zu konsolidieren und sie schuldenfrei an die nächste Generation zu übergeben. Sein Sohn Johann Heinrich, dessen Initialen später zur Namensgebung verwendet wurden, siedelte sie zum Judenkirchhof in der Nordstadt um und erweiterte die Produktpalette. Benecke war jetzt das, was man heute Raumausstatter nennen würde. 

 Weil Johann Heinrich im Alter von 46 Jahren starb, übernahm 1813 seine Witwe Caroline die Leitung - „eine ebenso frühe wie zunächst notgedrungene Form der Emanzipation“, vermerken die Chronisten. Sie musste insgesamt fünf unmündige Kinder durchbringen und gleichzeitig den Betrieb aufrecht erhalten. „Ohne sie gäbe es das Unternehmen in seiner heutigen Form nicht“, sagt Harstick. Philipp Ferdinand Benecke als nächster in der Reihe der Familienunternehmer stellte dann entscheidende Weichen. Er entschied sich für einen Expansionskurs, gründete eine Ruß- und eine Farbenfabrik sowie eine Weberei und führte das Unternehmen schließlich in die Industriealisierung.

Da am Judenkirchhof kein Platz mehr war, beantragte die Firma 1889 die Genehmigung zum Bau einer größeren Fabrik in der Feldmark von Vinnhorst, damals sechs Kilometer von der Stadtgrenze Hannovers entfernt gelegen. Heute ist der Name Benecke untrennbar mit dem hannoverschen Stadtteil verbunden, aber die Liebe musste erst wachsen. „Nicht jeder Vinnhorster konnte sich mit dem Einbruch der Moderne in die behagliche Dorfidylle anfreunden“, schreiben die Chronisten. 27 Bauern bildeten eine Art frühe Bürgerinitiative für Umweltschutz und erhoben – letztlich vergeblich - Einspruch. Bereits 1901 feierte Benecke Werkseröffnung.

Der Erste Weltkrieg und die Inflation erschütterten auch die Firma in Vinnhorst bis ins Mark. Neue Produkte waren erforderlich. Unter dem neuen Chef Otto Benecke stieg man in die serienmäßige Kunstlederfabrikation ein und konnte sich dadurch einen Abnehmerkreis erschließen, der bis heute der wichtigste ist: die damals aufstrebende Autoindustrie benutzte das Produkt unter anderem für Dachbespannungen im Fahrzeuginneren.

Im Zweiten Weltkrieg vernichteten Bomben das Zweitwerk am Judenkirchhof, es wurde auch nicht wieder aufgebaut. Otto Benecke, zeitweilig NSDAP-Mitglied, aber nach Berichten von Zeitzeugen nie überzeugter Nazi – er beschäftigte weiterhin Sozialdemokraten und Kommunisten und half Juden finanziell – führte sein Unternehmen durch Kriegswirren, Nachkriegszeit und Mangelwirtschaft ins Wirtschaftswunder.

Es begann das Zeitalter der Kunststoffe. Sie galten als modern, hygienisch, praktisch, aber doch wohnlich. „Kunststoffe passen optimal zu einer schnelllebigen, mehr der Zivilisation als der Kultur geneigten Zeit“, vermerkte der Industriechemiker Klaus Stoeckhert, der bei Benecke arbeitete. Sein Chef hatte früh erkannt, dass eine starke Marke und entsprechende Werbung unerlässlich für den Erfolg sein würden. Benecke hatte ein eingeführtes Produkt namens Acella, in den 50er und 60er Jahren zeitweilig ein Deonym für Kunststofffolien sowie Tempo für Taschentücher oder Uhu für Klebstoff. In Hamburg am noblen Jungfernstieg unterhielt Benecke ein „Acella – Haus des Plastiks“ als Exportbüro.

In den 60er Jahre begann die Firma, ihren Fokus weniger auf Endkunden als auf die weiterverarbeitende Industrie zu verlegen. Weil es in Vinnhorst zu eng geworden war, gründete sie neue Standorte etwa in Peine, Marienau bei Hameln und – jetzt internationale Märkte im Blick – in Barcelona. Rund 10.000 unterschiedliche Artikel stellten die Arbeiter unter dem Firmendach her. Andererseits rückten auch bei Benecke die damals viel zitierten „Grenzen des Wachstums“ näher, bedingt unter anderem durch die Ölkrise und Konkurrenz aus Billiglohnländern. Die Belegschaft verringerte sich in zehn Jahren bis 1983 von 3000 Mitarbeitern auf 1650.

Anfang der neunziger Jahre endete dann mit der Umwandlung zur Aktiengesellschaft Beneckes Tradition als Familienunternehmen. Es folgten die Fusion mit dem vormaligen Konkurrenten Kaliko, der Einstieg des Continental-Konzerns erst als Mehrheits- und dann Alleingesellschafter und schließlich der größte Zukauf der Unternehmensgeschichte mit der Konrad Hornschuch AG aus Baden-Württemberg

Seit dem 1. März 2017 heißt das Unternehmen nun Benecke-Hornschuch Surface Group. Im Firmennamen ist der Gründername Benecke nun noch erhalten, am Firmensitz sieht man ihn außen nicht mehr. Dort leuchtet es jetzt Gelb. „Das Branding ist auf den Mutterkonzern Continental ausgerichtet“, sagt Kommunikationsleiter Axel Schmidt. Vinnhorster mögen das bedauern, denn so ziemlich jeder von ihnen hat irgendwann einmal mit Benecke zu tun gehabt – so mancher auch als Mitarbeiter.

Ein Spezialist für Oberflächen

Die seit März 2017 unter dem Dach der Conti bestehende Benecke-Hornschuch Surface Group ist Spezialist für Oberflächenmaterialien und entsprechender Fertigungstechnologie. Hauptkunde ist die Automobilindustrie, gemeinsam will man aber auch in der Möbel- und der Bauindustrie zulegen. Die Gruppe verfügt über weltweit 15 Produktionsstätten und beschäftigt 4900 Mitarbeiter. Im Werk in Vinnhorst mit seinem denkmalgeschützten Verwaltungsgebäude arbeiten 1080 von ihnen. Für 2017 verbuchte das Unternehmen unter Führung des Vorstandsvorsitzenden Dirk Leiß erstmals mehr als eine Milliarde Umsatz 1080 Mitarbeiter. Leiß erwartet weiteres Wachstum.

Jubiläumsfeier dauert vier Tage

Vom 6. Juni bis zum 9. Juni läuft im Werk in Vinnhorst die Jubiläumsfeier. Den Auftakt bildet eine Gala mit 400 Gästen. Es folgen ein Kundentag und ein Nachbarschaftstag, für den eine Anmeldung erforderlich war und der schon ausgebucht ist. „Es dürften bis zu 10.000 Besucher kommen, mehr geht auf dem Gelände nicht“, sagt Kommunikationsleiter Axel Schmidt. Den Abschluss bildet ein Familienfest für die Mitarbeiter. Zu den Feierlichkeiten installieren die Veranstalter einen Zeitstrahl, auf dem die Unternehmensgeschichte erlebbar wird. Er dürfte ziemlich lang werden. 

Von Bernd Haase

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