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Hannover Ein Doppelhaus für Flüchtlinge? Das ist die Ausnahme
Nachrichten Hannover Ein Doppelhaus für Flüchtlinge? Das ist die Ausnahme
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00:47 02.03.2018
Architekt Hans-Jürgen Lukanz (rechts) und Burgwedels Kämmerer Christian Möhring vor dem Neubau im Ortsteil Engensen.  Quelle: Lauber
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Hannover

 Es war diese Verbindung von zwei Wörtern, die Menschen über Burgwedeler Stadtgrenzen hinaus zu Wutbürgern machte. Das eine Wort war: Doppelhaushälfte. Das zweite: Flüchtlinge. Die Stadt Burgwedel wies zwei syrischen Familien mit jeweils vier Kindern zwei Wohnungen in einem Neubau zu. Zeitungsberichte machten die virtuelle Runde bis in einschlägige rechte Kreise, Texte wurden verlinkt und geliked, bis Tausende bestätigt sahen, was sie ohnehin glaubten: dass es abwärts gehe mit Deutschland. Was in Burgwedel passiert, war Futter für Vorurteile. Im Internet brannte die Luft, auch bei Facebook. Auszüge daraus: 

„Neubauwohnung kann ich mir nicht leisten! Aber jetzt weiß ich, dass meine Steuergelder schlecht angelegt sind!“ 

„Liebe Gutmenschen, wacht auf. Ihr seid auf dem Holzweg. Erst kommen wir Deutsche. Dann andere!!“ 

„Aber der Deutsche Rentner sammelt Flaschen, damit er sich was zu essen kaufen kann – super Sache hier in Deutschland – ich könnte kotzen.“ 

Zorn und Neid, Deutsche gegen Ausländer, das alles brach sich Bahn, wenngleich es auch positive Reaktionen auf den Plan der Stadt gab. Das Haus mit zwei Einheiten wurde im Ortsteil Engensen gebaut, sie sollen später als Sozialwohnungen dienen und gehören zu den 148 Wohnungen mit Belegrechten der Stadt. Roter und blauer Klinker, kleine Terrasse, Gauben in der ersten Etage, es sieht hübscher aus als ein gewöhnlicher Wohnblock, denn der 480.000 Euro teure Neubau soll auch in die Umgebung passen. 

110-Quadratmeter-Wohnungen

Die syrischen Flüchtlinge haben gute Aussichten, auf Dauer in Deutschland bleiben zu können. Weil ihre Mietverträge ausliefen, leben sie nun in den je 110 Quadratmeter großen Wohnungen. Burgwedels Bürgermeister Axel Düker (SPD) reagierte im örtlichen Lokalteil dieser Zeitung auf die Wut im Internet und wies Unterstellungen zurück, Flüchtlinge würden bevorzugt und luxuriös untergebracht. „Es ist doch ganz klar: Wenn eine Familie eine Wohnung braucht, dann kriegt sie die auch. Und wir differenzieren auch in Zukunft nicht, ob sie aus Wanne-Eickel oder Syrien kommt.“

Damit beschreibt der Sozialdemokrat, wie Kommunen überall in der Region Hannover versuchen, dem Wohnungsmangel zu begegnen. Der Andrang auf das knappe Gut ist groß. Flüchtlinge mit gesichertem Aufenthaltsstatus, die heraus dürfen aus Gemeinschaftsunterkünften, können sich eigene Wohnungen suchen. Sie konkurrieren dabei mit Alleinstehenden und Müttern mit Kindern verschiedener Nationalitäten, auch viele Obdachlose suchen eine kleine Wohnung. Die wütenden Kommentatoren suggerieren, Asylbewerber würden grundsätzlich bevorzugt, nun laufe ein Fass über, man habe es ja immer gewusst. Doch die tatsächliche Situation in Städten und Gemeinden ist eine andere. 

Zum Beispiel in Laatzen. Die Stadt hat 58 Wohnungen gemietet oder im Besitz, um Flüchtlinge, anerkannte Asylbewerber oder von Obdachlosigkeit bedrohte Menschen unterzubringen. Weiter verfügt das Rathaus über Belegrechtswohnungen in Häusern verschiedener Baugesellschaften. Es gibt eine Bewerberliste. Laatzens Sprecher Matthias Brinkmann sagte, auf ihr stünden „gleichermaßen anerkannte Asylbewerber wie auch andere Personen und Familien“. 

Schwerer Stand

Anerkannte Flüchtlinge haben es jedoch weiterhin schwer bei privaten Vermietern. Sie konkurrieren als Einzelpersonen mit Wettbewerbern um kleine Wohnungen und als Familien um große Wohnungen, also um Mangelware. „Anerkannte Flüchtlingsfamilien haben es daher aufgrund der Größe der Familien, wegen ihres Status und als Empfänger staatlicher Leistungen noch mal schwerer auf dem Wohnungsmarkt als andere Personen“, sagt Brinkmann.

Darüber berichten auch regelmäßig Nachbarschaftsinitiativen, die für Flüchtlinge auf dem privaten Wohnungsmarkt nach passenden vier Wänden suchen. In der Realität geht es kaum einmal um Doppelhaushälften mit Vorgärtchen. Das Problem ist meist, überhaupt eine Wohnung zu finden, deren Miete das Jobcenter zu zahlen bereit ist. Und je weniger Privatpersonen ihre vier Wände an einkommensschwache Menschen vermieten, desto mehr wächst der Druck auf kommunale Sozialwohnungen. 

Die Wohnungsnot führt in vielen Kommunen dazu, dass Flüchtlinge selbst dann in Gemeinschaftsunterkünften bleiben müssen, wenn sie auf absehbare Zeit oder auf Dauer in Deutschland leben können. Das ist in Laatzen mitunter so, aber auch in der Landeshauptstadt. In Hannover müssen rund 1200 anerkannte Flüchtlinge weiterhin in Wohnheimen leben. Aber auch hier gilt, dass die Lage angespannt ist, was sich auch daran zeigt, dass für diese Menschen in 19.000 kommunalen Belegrechtswohnungen kein Platz ist. 

Garbsen weist anerkannten Asylbewerbern auch Wohnungen auf der Horst zu, einer Gegend, von der man sagen kann, dass es nicht der beliebteste Ortsteil der Stadt ist. In schlimmeren Fällen leben anerkannte Flüchtlinge mit ihren nachgekommenen Familienmitgliedern in Obdachlosenunterkünften. Das passiert in Wennigsen am Deister, dort, wo selten Wohnungen frei werden.

Das zahlt die Region für Flüchtlinge

Wie viele Menschen, die als Flüchtlinge nach Deutschland kamen, leben aktuell in Sozialwohnungen? Den Behörden war es auf Anfrage der HAZ nicht möglich, diese Frage zu beantworten. Nach Auskunft der Stadt Hannover gibt es keine Statistik, die diese Daten erhebt. 

Hintergrund ist, dass Flüchtlinge, die in Deutschland ein Aufenthaltsrecht erhalten haben, die Gemeinschaftsunterkünfte verlassen und selber Mietverträge abschließen dürfen. Die Vergabe der rund 19.000 Belegrechtswohnungen in Hannover erfolgt nach Angaben der Stadt nach Dringlichkeit, nicht nach Nationalität. In den Wohnheimen leben derzeit rund 1200 anerkannte Flüchtlinge, weil sie keine Wohnungen finden. 

Auch bei der Region Hannover heißt es, es lägen keine Zahlen zu Flüchtlingen vor, die in Sozialwohnungen leben. Es gebe auch keine Quote, eine bestimmte Zahl dieser Wohnungen mit Flüchtlingen zu füllen. Asylbewerber im laufenden Verfahren würden in Gemeinschaftsunterkünften oder gemieteten Wohnungen untergebracht, "in wenigen Einzelfällen auch in Sozialwohnungen". 

Das Land Niedersachsen zahlt für jeden Asylbewerber eine Pauschale von jährlich 11.192 Euro. Für die Region bedeutete dies im vergangenen Jahr einen Betrag von 87 Millionen Euro für 7778 berücksichtigte Menschen. Das Geld wird für Flüchtlinge gebraucht, über deren Asylanträge abschließend noch nicht entschieden ist. Der Großteil ist für Lebensunterhalt und Unterkunftskosten in Gemeinschaftsheimen bestimmt. Aus eigener Tasche wendet die Region Hannover in diesem Jahr voraussichtlich 15 Millionen Euro auf, um in solchen Unterkünften in 20 Städten und Gemeinden Plätze vorzuhalten. Das sind drei Millionen Euro weniger als 2017. 

Ist ein Flüchtling als Asylbewerber anerkannt oder vorerst geduldet, wird das Job-Center zuständig. Dies gilt, wenn Menschen erwerbsfähig sind und das eigene Einkommen nicht für den Lebensunterhalt ausreicht. Die Region Hannover trägt die Unterkunftskosten für alle Menschen, die Hartz IV bekommen: Flüchtlingsunabhängig waren dies im vergangenen Jahr 298 Millionen Euro. Für Unterkünfte von Flüchtlingen erwartet die Region Hannover in diesem Jahr Ausgaben von rund 20,5 Millionen Euro. gum

Von Gunnar Menkens und Martin Lauber

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