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Hannover Zehn Jahre nach Busbrand: Unglück beschäftigt Busfirma noch heute
Nachrichten Hannover Zehn Jahre nach Busbrand: Unglück beschäftigt Busfirma noch heute
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14:15 05.11.2018
Hannover - Treffen mit der Firma Mommmeyer in Ronnenberg-Empelde - Sigrid Prehn - Foto Tim Schaarschmidt Quelle: Tim Schaarschmidt
Hannover

Von ihrem Schreibtisch im Gewerbegebiet von Ronnenberg-Empelde aus blickt Sigrid Prehn auf eine Reihe von Reisebussen. In verschiedenen Farben und Größen stehen sie vor ihr. Auf einigen steht ein Schriftzug: Mommeyer ist dort zu lesen. Die Modellfahrzeuge erinnern die Unternehmerin auch an die Zeit, als auf dem Hof ihrer Firma noch fünf echte Busse standen, die vollbesetzt vom Zentralen Omnibusbahnhof in Hannover zu verschiedenen Zielen in Deutschland aufbrachen und an ein schreckliches Unglück, das fast auf den Tag genau zehn Jahre hinter ihr liegt: Der Brand eines ihrer Reisebusse auf der Autobahn 2 bei Garbsen mit 20 Toten und 13 Überlebenden.

Am 4. November 2008 war der Reisebus der Firma Mommeyer auf dem Rückweg von einer Kaffeefahrt vom Prickings-Hof im Münsterland nach Hannover. Gegen 20.45 bemerkte einer der Reisenden in Höhe Garbsen im hinteren Teil des Fahrzeugs Flammen und schrie um Hilfe. Geistesgegenwärtig lenkte der Busfahrer den Mercedes 350 auf den Standstreifen. Die Fahrgäste in den vorderen Reihen konnten sich ins Freie retten. Im hinteren Teil des Busses breiteten sich die Flammen jedoch so schnell aus, das die Opfer keine Chance hatten, ihnen zu entkommen. Die Toten stammten zum großen Teil aus Misburg und Kleefeld.

Staatsanwaltschaft stellte die Ermittlungen ein

„Wenn wir oder unser Fahrer auch nur irgendeine Schuld an dem Feuer gehabt hätten oder wenn ich auch nur eines der Opfer persönlich gekannt hätte – wir hätten damals unser Geschäft sofort aufgegeben“, sagt Prehn heute. Akribisch ermittelte die Polizei im Auftrag der Staatsanwaltschaft nach dem Vorfall. Fünf Gutachten holten die Strafverfolger ein. Am Ende stand ein klares Ergebnis fest: Weder das Busunternehmen Mommeyer noch der Busfahrer war für den tragischen Tod der 20 Reisenden verantwortlich zu machen. Ein Kurzschluss in einem Kabelbaum, der die Bordküche mit Strom versorgte, führte zu dem verheerenden Feuer.

Das Unglück macht bundesweit Schlagzeilen und hatte Auswirkungen auf die gesamte Busreisebranche (siehe Kasten). Hannovers damaliger Oberbürgermeister Stephan Weil (SPD) sprach vom schwersten Unglück, das die Stadt seit 1969 getroffen habe. Damals hatte es bei der Explosion eines Munitionszuges am Bahnhof-Linden zwölf Tote gegeben. Die Angehörigen der Opfer kamen zu Trauerfeiern in der Petri-Kirche in Kleefeld und in der Misburger Johanniskirche zusammen. Die Überlebenden mussten zum Teil mehr als ein Jahr nach dem Unglück psychologisch betreut werden.

Psychologische Hilfe auch für die Feuerwehr

Die Einsatzkräfte der Garbsener Feuerwehr, die im November 2008 als erste beim Brand des Busses auf der Autobahn 2 eintrafen, beschäftigte das Geschehen noch Wochen nach dem Ereignis. Insbesondere beschäftigte die Helfer der umstand, dass sie für die 20 Opfer nichts mehr tun konnten, um ihnen zu helfen, dass sie fast ohnmächtig daneben stehen mussten, weil alles so schnell ging. Noch am selben Abend und auch in den Tagen und Wochen nach dem Unglück standen Seelsorger zur Unterstützung der Einsatzkräfte bereit.

Für fünf Mitglieder der Freiwilligen Feuerwehr Garbsen reichte das seelsorgerische Angebot dennoch nicht aus. Die grauenhaften Bilder von der A 2 wollten nicht aus ihren Köpfen verschwinden. Die Helfer waren so traumatisiert, dass sie langfristige psychologische Hilfe in Anspruch nehmen mussten. Inzwischen sind sie aber wieder voll einsatzfähig.

Auch für Sigrid Prehn, ihren Mann Uwe-Rüdiger und ihren Sohn Oliver, die damals das Busunternehmen Mommeyer von ihrem Büro in der Andreaestraße in Hannover aus leiteten, begann unmittelbar nach dem Unglück eine unglückliche Zeit. Journalisten belagerten den Firmensitz. Die Polizei musste die Familie schützen. Schmäh-Briefe und Droh-Mails erreichten die Unternehmer. „Schade, dass die Familie Prehn nicht im Bus verbrannt ist“, stand in einem Schreiben. „Mörder“ und „Todesfahrer“ in einem anderen. „Wenn unser Sohn mit einem Mommeyer-Bus zum Tanken gefahren ist, wurde er regelmäßig bespuckt“, sagt Sigrid Prehn. Es gab aber auch Lichtblicke. Viele Kollegen meldeten sich und sprachen den Betroffenen Mut zu.

Wirtschaftliche Lage des Unternehmens verschlechterte sich

Für Mommeyer liefen die Geschäfte auch Monate nach dem Unglück schlecht. Nur die Stammkunden hielten zu den Prehns. „Aber nur davon, kann man nicht überleben“, sagt die Unternehmerin. Wegen der schlechten wirtschaftlichen Lage mussten die Prehns ihr Haus verkaufen. Sie zogen mit ihrer Firma von Hannovers Innenstadt ins Empelder Gewerbegebiet. Ruhe kehrte dennoch nicht ein. „Immer, wenn irgendwo ein Bus brannte, wurde auch unsere Geschichte in den Medien wieder hochgekocht. Der Name Mommeyer wird immer mit dem Unglück verbunden sein“, sagt Sigrid Prehn.

Rauchmelder in allen neuen Bussen

Nach dem Busbrand hatte auch das Bundesverkehrsministerium auf den Vorfall reagiert. Die Fachleute verfügten, dass alle Neufahrzeuge bei Reisebussen mit Rauchmeldern im Motorbereich ausgestattet sein müssen., weil dort die häufigste Ursache für Busbrände liegen würden. Zuvor hatte der Bundesverband Deutscher Omnibusunternehmer angekündigt, den Einbau von Rauchmeldern zur Pflicht machen zu wollen. Das Unglück von Garbsen vor zehn Jahren wäre durch einen solchen Rauchmelder allerdings nicht verhindert worden. Alle Gutachten ergaben, dass das Feuer, ob wohl der Bus nachweislich regelmäßig gewartet worden war, durch einen Kabelbrand im Bereich der Bordküche verursacht worden war.

Aufgeben wollte die Reiseveranstalterin ihre Firma aber trotz des Unglücks und der damit verbundenen Umstände nicht. „Wir sind Kämpfer, das habe ich von meinem Vater, der das Unternehmen gegründet hat“, sagt Prehn. Am Tag nach dem Busbrand saß sie wieder in ihrem Büro in der Andreaestraße. Eine Woche nach dem Unglück fuhr sie, wie geplant, mit auf die traditionelle Saisonabschlussfahrt. „Wir haben erst darüber nachgedacht, alles abzusagen, aber die Kunden hatten schließlich gebucht und für das Unglück konnten sie nichts“, sagt Prehn. Matthias Waldraff, der Rechtsanwalt der Familie, hatte ebenfalls dringend zu dem Schritt geraten. Auch der Busfahrer des Unglücksfahrzeugs ist bis heute als Busfahrer tätig. Er habe psychologische Hilfe bekommen und sei dann noch zwei Jahre für Mommeyer tätig gewesen, bevor er dann nach Nordrhein-Westfalen umgezogen sei. „Wir haben bis heute Kontakt“, sagt Sigrid Prehn. Heute betreibt sie gemeinsam mit ihrem Mann ein Reisebüro „von Senioren für Senioren“. Eigene Busse haben die Unternehmer nicht mehr. Für ihre Fahrten chartern sie Fahrzeuge von Fremdfirmen. Ihr Sohn Oliver ist derzeit als Busfahrer für ein anderes Unternehmen tätig.

Von Tobias Morchner

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