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Hannover Das halten Frauen und Gastronomen vom Codewort "Luisa"
Nachrichten Hannover Das halten Frauen und Gastronomen vom Codewort "Luisa"
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00:18 13.09.2017
„Beim Feiern werden viele Männer aufdringlicher“: Viele Frauen finden einen zusätzlichen Schutz gegen Belästigungen sinnvoll. Quelle: UWE DILLENBERG
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Hannover

Braucht Hannovers Nachtleben ein Codewort als Schutz für Frauen, die sich belästigt fühlen oder begrapscht werden? Bei den meisten jungen Frauen stößt der Vorschlag, den die Ratsmehrheit vergangene Woche im Gleichstellungsausschuss diskutiert hat, auf Zustimmung. Mit dem Codebegriff „Ist Luisa hier?“ sollen sie sich künftig an Sicherheits- und Servicepersonal wenden können. Die 21-jährige Leonie Bäcker etwa findet: „Auf der Straße wird ja schon oft hinterhergepfiffen. Beim Feiern werden viele Männer aufdringlicher. Das Projekt fände ich gut, auch weil es so diskret ist.“

Die 25-jährige Industriekauffrau Vivien aus Walsrode geht gerne in der Dax-Bierbörse feiern. Dass ihr Männer gegen ihren Willen an den Hintern fassen, hat sie schon oft erlebt. „,Ist Luisa hier?‘ klingt so, als ob wir das gut gebrauchen können,“ sagt sie. Daniela (29) aus Braunschweig, die am Sonnabend in Hannover ihren Junggesellenabschied feiert, berichtet, viele Männer begriffen gute Laune und Verkleidung als Einladung zum Körperkontakt: „Die kommen dann einfach an und legen den Arm um einen. ,Ist Luisa hier?‘ wäre auf jeden Fall hilfreich, wenn sie zu aufdringlich werden.“ Allerdings teilen nicht alle diese Meinung. Eine 22-jährige Schülerin aus Lehrte, die nebenbei in der Faust arbeitet, findet dagegen nicht, dass eine Chiffre nötig ist. „Ich würde einfach sagen, was passiert ist. Einen Code bräuchte ich dafür nicht.“ Freya Schäfer (24), Psychologie-Studentin aus Hildesheim, befürchtet einen Missbrauch des Codes. „Es kann sein, dass sich viele darüber lustig machen und ,Ist Luisa da?‘ dann nur als Scherz benutzt wird“, sagt sie.

Projekt läuft in 20 Städten

Vorbild für das Codewort, das nun vielleicht auch in Hannover starten soll, ist ein Pilotprojekt des Frauennotrufs in Münster. Das Prinzip ist simpel: Wenn eine Frau sich in einer Situation beim Feiern unwohl fühlt, kann sie zum Thekenpersonal gehen und mit der Frage nach Luisa um Hilfe bitten. Mitarbeiter, die den Code kennen, führen die Frau in einen sicheren Raum und besprechen das weitere Vorgehen. Das Projekt in Münster, das sich an einem britischen Vorbild orientiert, hat bereits in mehr als 20 deutschen Städten - unter anderem in Osnabrück - Nachahmer gefunden. Beim dem Projekt geht es in erster Linie darum, den Frauen zu helfen, nicht zwangsläufig die Täter zu überführen. Manchmal reicht es, Freunde zu verständigen oder ein Taxi zu rufen. Manchmal gibt es aber auch Lokalverbote für übergriffige Gäste, oder die Polizei wird eingeschaltet.

„Das ist einfach nur ekelhaft“

Beispiele für Übergriffe gibt es viele - manche werden berühmt. Ende August hatte Sänger Sam Carter von der Metal-Band Architects bei einem niederländischen Festival für Furore gesorgt. Er unterbrach das Konzert und schimpfte ins Mikrofon: „Was er getan hat, ist einfach nur ekelhaft.“ Der Grund für seinen Wutausbruch: Einer Frau war beim Crowdsurfen an den Busen gegrapscht worden. Der Videoclip von der Szene macht in sozialen Netzwerken die Runde. Was Carter beobachtet hat, ist leider keine Ausnahme. Jede dritte Frau wurde laut einer Studie der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte (FRA) von 2014 schon sexuell belästigt - in Deutschland sind es 35 Prozent der über 15-Jährigen. Dabei sind Studien über sexuelle Nötigung oft unzureichend: Die Dunkelziffer ist hoch, weil Belästigungserfahrungen mit Scham verbunden sind und daher ungern offen thematisiert wird. Das stellte auch die EU-Studie fest. Es scheint einfacher, einen Pograpscher im Club stillschweigend hinzunehmen, als sich dagegen zu wehren.

Dabei kann Grapschen seit Ende 2016 mit bis zu fünf Jahre Gefängnis bestraft werden. Und es gibt bereits mehrere Verurteilungen - auch in der Region Hannover wegen eines Übergriffs im Aqua Laatzium (Seite 9 dieser Ausgabe). In Bautzen ist ein 27-Jähriger erstmals zu einer viermonatigen Haftstrafe verurteilt worden, weil er einer Frau wiederholt an den Hintern fasste.

Codewort "Panama" auf Festivals

Das Konzept eines Sicherheits-Codeworts für in Bedrängnis geratene Gäste ist Festivalbesuchern des vergangenen Sommers nicht neu. Der Hamburger Veranstalter FKP Scorpio hat damit bereits gute Erfahrungen auf großen Musikfestivals wie dem Hurricane in Scheeßel, dem Summer’s Tale in Luhmühlen und dem M’era Luna in Hildesheim gemacht. Dort wurde jeder, der beim Personal nach „Panama“ fragte, sofort in den nächstgelegenen Schutzbereich gebracht und dann gefragt, was er braucht: seine Freunde, einen Sanitäter, die Polizei, einen Augenblick Ruhe oder jemanden zum Reden. Während der drei niedersächsischen Festivals geschah das etwa 70-Mal. Das Fuchsbau-Festival in Lehrte wiederum setzte in diesem Jahr bereits zum zweiten Mal nicht auf ein Codewort, sondern auf eine zentrale Rufnummer und ein besonders geschultes Awareness-Team (sinngemäß: Aufmerksamkeitsteam). „Uns war es wichtig, in ungeklärten Situationen eine gute Kommunikation garantieren zu können“, sagt Henry Alves vom Veranstalterteam. Er hält ein ?Codewort für Kneipen und Discotheken dennoch für einen guten ersten Schritt. „Gerade Frauen geraten viel häufiger in merkwürdige Situationen, als wir Männer uns das vorstellen können. Da hilft es schon, überhaupt ein Bewusstsein für die Problematik zu schaffen.“

„Gutes Gefühl, dass es das gibt“

Einen Einblick über das Ausmaß von sexueller Belästigung - vom Alltagssexismus bis zur Vergewaltigung - gab 2013 die große Resonanz auf die Twitterinitiative „Hashtag Aufschrei“. 60.000 Tweets zählte Initiatorin Anne Wizorek in den ersten zwei Wochen. Die Initiative ist umstritten, denn die Erlebnisse sind subjektiv und kaum miteinander vergleichbar. Sie macht jedoch deutlich, dass es viele Frauen gibt, die sich sexuell belästigt fühlen - und, dass sie es lieber posten, als darüber zu sprechen.

Das Veranstaltungszentrum Faust hat bereits einen Schutzmechanismus etabliert. In den Toiletten hängen Flyer, die klarmachen, dass Belästigungen nicht toleriert würden und die Türsteher als Ansprechpartner zur Verfügung stünden. Der Unterschied zu dem Projekt aus Münster ist nur, dass kein Code benutzt wird.

Medizinstudentin Jessica Fleßner (22) aus Kleefeld befürwortet aber ein Codewort. „Beim Hurricane-Festival gab es dieses Jahr ein ähnliches Projekt. Aus unserer Gruppe musste niemand den Code nutzen - aber es war ein gutes Gefühl, dass es so was gab.“

Von Kira von der Brelie

Das sagen Hannovers Gastronomen

Hannovers Gastronomen reagieren zurückhaltend auf den „Luisa“-Vorstoß im Gleichstellungsausschuss. Ferdi Simsek vom Havanna am Steintor betont, dass er gegen das Projekt nichts einzuwenden habe. Er glaubt aber auch, ein Codewort wie „Luisa“ nicht zu brauchen. „Wenn sich bei uns eine Frau belästigt fühlt, kann sie zu den Security-Leuten gehen und ihnen Bescheid sagen.“ An den Straßen im Clubviertel am Steintor hängen zudem Plakate mit der Rufnummer des Sicherheitsdienstes. „Wenn draußen vor der Tür etwas passiert: einfach anrufen und man bekommt Hilfe“, sagt Simsek. Jörg Smotlacha, Sprecher des Veranstaltungszentrums Faust, findet das Projekt ebenfalls grundsätzlich nicht schlecht. „Ich könnte mir aber vorstellen, dass sich so ein Codewort schnell abnutzt“, sagt Smotlacha.

Das Faust-Team diskutiere Sicherheitsaspekte regelmäßig mit den Betreibern von Béi Chéz Heinz und Glocksee. Übergriffige Gäste bekommen gegebenenfalls in allen drei Läden Lokalverbot. Bei Faust hängt zudem ein Flyer aus: „Unangenehm angemacht oder angefasst in Faust? Das muss du nicht mit dir selbst ausmachen!“ heißt es darauf, dann folgen Ratschläge, sich bei Übergriffen an die Türsteher zu wenden. In der Osho-Disco am Raschplatz werden bereits seit Jahren bestimmte Codes benutzt, berichtet Betreiber Nicolai Schreiber. „Wenn ein DJ einen Übergriff beobachtet, macht er eine Durchsage, die keiner von den Gästen versteht, mit der die Security-Leute aber sofort etwas anfangen können.“ Das neue Projekt der Stadt findet er gut. „Wir würden uns daran beteiligen, wenn es so weit ist.“ tm

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