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Hannover Das bedeutet der Brexit für Briten in Hannover
Nachrichten Hannover Das bedeutet der Brexit für Briten in Hannover
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06:00 30.01.2019
Die Briten Mark Lake (links), Craig Willmore mit Frau Yasemin und John Griffin blicken mit Argwohn auf die Brexit-Entwicklung. Quelle: Katrin Kutter/Moritz Frankenberg
Hannover

Mark Lake fällt es schwer, ruhig zu bleiben, wenn er über die britische Regierung spricht. „Das ist eine der schlimmsten Sachen, die je passieren konnte“, sagt der 57-Jährige über den Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union. Lake sitzt an einem kleinen Tisch im englischen Pub Jack the Ripper’s in der Innenstadt. Er plaudert kurz auf Englisch mit dem kalifornischen Kellner und bestellt ein Bier. Er ist freundlich und lacht viel. Nur wenn das Thema Brexit aufkommt, dann redet der Brite sich in Rage.

„Die Populisten haben den Brexit mit falschen Versprechungen durchgeboxt“, sagt er. Lake schimpft nicht nur auf die Politik, sondern auch auf die 51,9 Prozent der Wähler, die für den EU-Austritt stimmten. „Eigentlich müssten die Leute wissen, dass das nicht stimmt. Aber sie wollen diesen Quatsch hören.“ Besonders ärgert es den hundertprozentigen Pro-Europäer, wie er sich selbst betitelt, dass er nicht wählen durfte, damals im Juni 2016. Denn Lake lebt bereits seit mehr als 30 Jahren in Deutschland, hat daher kein Wahlrecht mehr in Großbritannien. Als Soldat kam er in den Achtzigern erst nach Bielefeld, dann nach Celle. Für seine deutsche Ehefrau zog er schließlich nach Hannover, lebte in Lehrte, Misburg und Bemerode. Heute wohnt der Alleinerziehende mit seiner elfjährigen Tochter in Sarstedt. „Aber mein Lebensmittelpunkt ist Hannover“, sagt er.

Einbürgern lassen kann sich Lake derzeit nicht, weil er nach einem Arbeitsunfall und der Trennung von seiner Frau eine Arbeitspause einlegt und von der Unfallversicherung lebt. Er wolle ganz für seine Tochter da sein, sagt er. Bis er wieder arbeitet, ist der Brexit vermutlich vollzogen, eine doppelte Staatsbürgerschaft also nicht mehr so einfach möglich. „Meinen britischen Pass möchte ich aber nicht abgeben“, sagt Lake strikt. Sorgen macht er sich vor allem darüber, viele Rechte zu verlieren. „Ich habe keine Ahnung, was mit meiner Rente passiert“, sagt er, schließlich hat er sowohl in seiner Heimat, dem englischen Peterborough, als auch in Deutschland gearbeitet. Es hänge alles in der Luft, meint Lake, nur bei einer Sache ist er sich sicher: „Der Lebensstandard wird sinken.“

Viele lassen sich einbürgern

So wie Lake gibt es viele Briten, die in Deutschland leben, aber keine deutsche Staatsbürgerschaft besitzen. In Hannover und Umland sind es laut Region 1529. Mit dem Brexit verlieren sie ihren Status als EU-Ausländer. Daher ist die Zahl in den vergangenen Jahren gesunken, viele von ihnen lassen sich einbürgern. 1684 Briten in der Region haben mittlerweile auch den deutschen Pass. Allein in der Stadt Hannover sind die Einbürgerungen von fünf im Jahr 2015 auf 54 im Jahr 2017 gestiegen.

Auch John Griffin hat sich für die doppelte Staatsbürgerschaft entschieden. Der Wahl-Kleefelder lebt bereits seit 26 Jahren in Hannover. Er kam, um ein Geschäft aufzubauen, und blieb für die Liebe. Obwohl der selbstständige Unternehmer bereits seit 1993 in Hannover wohnt und arbeitet, hat er erst im vergangenen Jahr den Einbürgerungstest gemacht – als Folge des Brexits. „Weil keiner genau weiß, wie es ausgehen wird“, sagt Griffin. Er reist beruflich und privat viel, so bleibt es für ihn einfacher. „Und ich wollte als Brite ohne Aufenthaltsgenehmigung in Deutschland leben können“, sagt er.

Dass es das Referendum vor zweieinhalb Jahren überhaupt gegeben hat, nennt Griffin eine Schande. „Die Bevölkerung darf so eine Entscheidung nicht fällen, dafür werden ja Politiker gewählt“, sagt er. Doch er ist Pragmatiker und findet nun, da das Referendum nun mal da ist: „Das Volk hat entschieden – egal, ob das richtig oder falsch ist. Jetzt muss man liefern.“

Rund 17,4 Millionen Briten haben damals gegen den Verbleib in der EU gestimmt – auch Craig Willmore. Zum Zeitpunkt des Referendums wohnte der heute 28-Jährige mit seiner deutschen Frau im englischen Rutland. Heute lebt das Paar mit dem zweijährigen Sohn in Laatzen. Warum er damals für „Leave“ stimmte, das weiß Willmore heute selbst nicht mehr so richtig. Er habe sich von den Versprechungen des ehemaligen Außenministers Boris Johnson leiten lassen, er hoffte auf eine Veränderung für sein Heimatland und mehr Geld für das Gesundheitssystem. „Aber das ging daneben“, sagt Willmore und schnaubt verächtlich.

Kein Vertrauen in britische Regierung

Schon gut ein Jahr nach dem Votum, im Spätsommer 2017, zog Yasemin Willmore die Reißleine – sie wollte zurück nach Deutschland. „Die Briten sind gefühlt nicht so gut organisiert wie die Deutschen, ich vertraue diesem Kuddelmuddel nicht“, sagt die junge Mutter. Sie habe nur an die Zukunft ihres Kindes gedacht. Ihren Mann musste sie nicht lange überreden. Trotz der Sprachbarriere ging er gern mit nach Deutschland, wo er bereits mehrere Jahre als Soldat stationiert war. Er hat einen Minijob als Barkeeper im englischen Pub Shakespeare gefunden und hofft darauf, irgendwann wieder als IT-Ingenieur arbeiten zu können – wie zuletzt in England. Die Politik nach dem Brexit habe sie so sehr verärgert, sagen die beiden, dass sie nun froh sind, wieder in Hannover zu sein.

Knappe Mehrheit für den Ausstieg

Am 23. Juni 2016 stimmten knapp 52 Prozent der Wähler im Vereinigten Königreich für einen Austritt aus der EU – und lösten damit ein politisches Erdbeben aus. Der Austritt wurde rechtlich bindend, als die britische Premierministerin Theresa May am 29. März 2017 offiziell den Austrittsprozess einleitete. Bis zum 29. März 2019 haben EU und Großbritannien Zeit, den Austritt per Vertrag zu regeln. Einen ersten Vertragsentwurf hat das britische Parlament aber abgelehnt.

Von Johanna Stein

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