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Hannover Junge Menschen fragen in Hannover Merkel zu Europa
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00:19 27.09.2018
Angela Merkel (r), Bundeskanzlerin und Vorsitzende der CDU, begrüßt zusammen mit Ariane Reinhart (M), Continental-Personalvorstand, einen jungen Mann in der Zentrale des Continental-Konzerns. Merkel stellt sich während eines Bürgerdialogs den Fragen von rund 40 Jugendlichen. Quelle: Holger Hollemann/dpa
Hannover

Der Streit um eine gerechte Verteilung der Flüchtlinge, zunehmender Populismus an den Rändern Europas, hohe Jugendarbeitslosigkeit in vielen Ländern, der drohende Brexit – wenn es um Europa geht, weckt das derzeit bei vielen kaum Begeisterung.

Doch um Begeisterung für Europa geht es am Montag beim hannoverschen Technologiekonzern Continental, wo Bundeskanzlerin Angela Merkel auf Einladung des Bundeskanzleramts mit 40 jungen Leuten diskutieren will. Ihre Gesprächspartner sind allesamt Teilnehmer an dem Austauschprojekt „Experiencing Europe“, das Continental im vergangenen Jahr angeschoben hat. Sie haben Praktika in anderen europäischen Staaten absolviert, um ihre Berufschancen in Deutschland zu verbessern.

Schlechte Arbeitsbedingungen in Rumänien

Merkel, in der DDR aufgewachsen, erzählt zunächst, dass ihr „Sehnsuchtsland“ als junger Mensch die USA waren, dabei durfte sie damals nur in die Ostblock-Staaten reisen. Sie war viel mit dem Rucksack unterwegs, in Ungarn, wo sie mit geschmuggelter D-Mark West-Bücher kaufte und in Bulgarien, wo sie nach Griechenland herüberschaute. Merkel ist Verfechterin eines freien Europas, daran lässt sie keinen Zweifel.

  Quelle: Rainer Dröse

Dann sollen die Auszubildenden ihre Frage stellen. Eine junge Frau meldet sich, sie studiere inzwischen Wirtschaftsrecht. Als Praktikantin war sie in der Conti-Reifenproduktion in Rumänien. Sie fragt nach der Angleichung der Arbeits- und Lebensbedingungen, die sie in der Produktionshalle offenbar nicht optimal fand – sie spricht von schlechter Luft, langen Arbeitszeiten, geringer Bezahlung. Wie sich das verbessern ließe, will die junge Frau wissen.

Merkel verteidigt Conti

Merkel wirft sich für Conti in die Bresche: „Continental hält in Rumänien die Mindeststandards ein, davon gehe ich aus.“ Dass Conti in Rumänien sei, sei eine Chance für das Land. „Wir wollen, dass diese Länder aufholen können“, versichert Merkel und spricht vom Europäischen Strukturfonds und wie viel Geld in die osteuropäischen Staaten fließt. „Die Osteuropäer bekommen viele Mittel aus Europa.“

Eine weitere junge Frau fragt dann ganz konkret: „Ist es überhaupt möglich, die Arbeits- und Lebensbedingungen in der EU anzugleichen?“ Merkel lässt keinen Zweifel: „Das muss man.“ Deutschland sei Nettozahler im EU-Haushalt, um Osteuropa zu helfen.

Sorge vor dem Brexit

Dann geht es um den Brexit, den drohenden Ausstieg Großbritanniens aus der EU. Eine junge Frau, sie war ihm Rahmen des Austauschprogramms in England, berichtet von den Sorgen junger Engländer vor dem Brexit. „Wären doch mehr junge Leute zum Referendum gegangen“, wirft Merkel ein – „dann hätten wir das Problem jetzt nicht“.

Merkel bleibt bei dem Thema kühl. „Es wird nicht mehr so eng sein“, sagt sie und dass „die Hauptsache“ sei, dass der Wahrenverkehr möglichst frei bleibe. Ein großes Problem sei die zukünftige EU-Außengrenze zwischen Irland und Nordirland. Merkel führt das zu einem Anliegen: „Wir müssen wo immer möglich gut über Europa reden.“ Stattdessen diene Europa oft als Alibi: „Immer, wenn etwas nicht so gut ist, sagt man: ,Das kommt aus Brüssel.‘ Das ist nicht redlich.“

Ob sie denn ein zweites Referendum befürworte, will dann jemand wissen – doch Merkel lässt sich nicht aufs Glatteis führen. „Das ist die Entscheidung der Briten.“

Einmal gibt’s Applaus

Ein einziges Mal bekommt Merkel Applaus für eine Antwort. Conti-Personalvorstand Ariane Reinhart hatte vom „gemeinsamen Werteverständnis“ berichtet, das im Unternehmen gelebt werde (dazu gehört auch die „Gewinnermentalität“). Reinhart wollte von der Kanzlerin wissen, welche Werte ihrer Meinung nach Europa vermitteln müsse.

Merkel hält ein Plädoyer für die Meinungsfreiheit, die Religionsfreiheit, die Freizügigkeit, „dass man überall in Europa eine Arbeit suchen darf“. Sie streicht heraus, wie wichtig der Schutz von Minderheiten sei, die Pressefreiheit, die Gewaltenteilung. Jeder denkt dabei an die Mitgliedstaaten Polen und Ungarn, und auch Merkel spricht es aus: „In Polen ist das derzeit nicht so.“ Und in Ungarn auch nicht. „Für mich ist Europa ein Kontinent der Toleranz“ – Applaus.

Dann ist die Zeit rum. Ob Merkel vielleicht weitere Fragen zulasse, will Moderator Daniel Bröckerhoff wissen. „Nee, nee, nee“, sagt Merkel. „Ich muss weiter.“

Von Karl Doeleke

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