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Hannover „China ist Testlabor für die ganze Welt“
Nachrichten Hannover „China ist Testlabor für die ganze Welt“
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13:12 27.09.2018
Ebenso eindringlich wie anschaulich beschrieb Professor Franz Josef Radermacher die weitreichenden Folgen des Klimawandels. Quelle: Samantha Franson
Hannover

Was machen wir, wenn aufgrund von Erderwärmung, einem steigenden Meeresspiegel und der weltweiten Bevölkerungsexplosion hundert Millionen Flüchtlinge nach Europa drängen? Schotten wir uns mit brutalen Methoden ab? Kommen die politischen Systeme weiter ins Rutschen und ist unser Wohlstand gefährdet? Anderthalb Stunden dauerte der Vortrag von Professor Franz Josef Radermacher (68) zum Thema „Klimawandel, Klimaflüchtlinge, Gerechtigkeit – gibt es Lösungsansätze?“, den er am Mittwoch in der hannoverschen Sparkassenzentrale am Raschplatz hielt. In düsteren Farben beschrieb das Mitglied des Club of Rome den Stand der Umweltpolitik in Deutschland und dem Rest der Welt – und hatte schließlich doch ein paar hoffnungsfrohe Projekte im Gepäck: den 2017 initiierten Marshallplan mit Afrika (unter Federführung des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) sowie ein geplantes Bündnis für Entwicklung und Klima, an dem sich auch namhafte Firmen beteiligen.

Dunja Dogmani, Ralf Meister und Utz Claassen waren Teilnehmer der Podiumsrunde im Sparkassengebäude. Quelle: Samantha Franson

„Die Zukunft des Klimas auf unserem Planeten wird in China entschieden, das 21. Jahrhundert ist das Jahrhundert Chinas“, sagte Professor Utz Claassen, der sich als Manager, Dozent und Präsident von Fußballklubs einen Namen gemacht hat. Der 55-Jährige zählte zu der vierköpfigen Podiumsrunde, die im Anschluss an den Vortrag von Radermacher über Klimapolitik diskutierte. Auch Landesbischof Ralf Meister (56) und die Regisseurin und Schauspielerin Dunja Dogmani (41), die in der TV-Serie Lindenstraße die Mutter eines nach Deutschland geflüchteten tunesischen Jungen verkörpert, beantworteten vor rund 200 Zuhörern Fragen von Moderator Christoph Dannowski zu Umwelt- und Flüchtlingspolitik. Eingeladen zu der Veranstaltung hatten das Landgericht Hannover und der Freundeskreis der Hanns-Lilje-Stiftung.

Die Erderwärmung geht Hand in Hand mit einer Bevölkerungsexplosion. 1965 habe es drei Milliarden Menschen auf unserem Planeten gegeben, erklärte Franz Josef Radermacher, derzeit seien es 7,5 Milliarden, bis 2050 würden es voraussichtlich 10 Milliarden sein. „Es kommt also ab heute noch einmal das Fünffache der derzeitigen Gesamtbevölkerung der Europäischen Union hinzu“, veranschaulichte der Informatik-Professor der Uni Ulm die Dimensionen des Anstiegs. Dabei würden zwei Regionen das Riesenreich China bald überholen: Indien und seine Nachbarstaaten sowie der afrikanische Kontinent. Mithilfe der modernen Kommunikationsmittel würden inzwischen nahezu alle Menschen weltweit wissen, wie es in den reichen Industrieländern aussieht – und dementsprechend nach ähnlichem Wohlstand streben. Würde dies unter den gleichen Prämissen wie in der bestehenden Weltwirtschaft tatsächlich umgesetzt, so Radermacher, hätte dies mit Blick auf die Ausbeutung von Ressourcen und die Erderwärmung katastrophale Folgen. Also müsse man andere Lösungswege suchen.

Die Veranstaltung, zu der das Landgericht Hannover und der Freundeskreis der Hanns-Lilje-Stiftung eingeladen hatten, war gut besucht. Quelle: Samantha Franson

China ist derzeit das Testlabor für die ganze Welt“, meinte der 68-Jährige. Dem dortigen Regime sei es gelungen, hunderte von Millionen Menschen „aus der Armut zu holen“ – durch die Ein-Kind-Politik (die inzwischen Geschichte ist) und eine extensive Wirtschaftspolitik. Für das Klima allerdings habe diese Entwicklung aufgrund der enormen CO2-Emissionen verheerende Auswirkungen: „Der chinesische Kohlenstoffdioxidausstoß ist höher als von den USA, Russland und Europa zusammen.“ Wenn Indien und Afrika den gleichen Weg gingen, wäre „klimatechnisch der Ofen aus“.

Radermacher warnte die Deutschen vor Selbstgefälligkeit, denn „wir tun immer so, als wären wir die Guten, sind es aber nicht“. Der CO2-Ausstoß in Deutschland pro Kopf und Jahr übersteige den der Chinesen um ein gutes Drittel und sei doppelt so hoch wie in Frankreich. „Es ist auch absurd zu glauben, dass Elektroautos das Klima retten können“, sagte der Wissenschaftler; viel zu energie- und schadstoffintensiv sei die Herstellung der Batterien. Wenn man – beispielsweise – alle sieben Millionen Sozialwohnungen in Deutschland energetisch sanieren und dämmen würde, könnte man damit doch nur 14 Millionen Tonnen Kohlenstoffdioxid-Ausstoß pro Jahr sparen – „so viel, wie ein halbes Kohlekraftwerk emittiert“. Und auch wirtschaftspolitisch sei Deutschland kein Vorbild, so Radermacher, weil andere Nationen sich nicht entfalten können: „Wir sind Exportweltmeister – und die Welt leidet an uns.“

Vor der Veranstaltung tauschten sich Unternehmer Prof. Utz Claassen (v.l.), Prof. Christoph Dahling-Sander (Sekretär der Hanns-Lilje Stiftung), Landesbischof Ralf Meister, Schauspielerin Dunja Dogmani, Landgerichtspräsident Ralph Guise-Rübe und der Sparkassen-Vorstandsvorsitzende Heinrich Jagau aus. Quelle: Samantha Franson

Ein Ziel des Bündnisses für Entwicklung und Klima, das das Entwicklungshilfeministerium laut Radermacher im November vorstellen will, ist die Reduktion von 500 Millionen CO 2 jährlich. Die Stiftung Weltbevölkerung, Firmen wie SAP und Münchener Rück oder der Club of Rome wollen sich beteiligen; es geht um klimaneutrales Wirtschaften in den Industrieländern, die Versteigerung von Zertifikaten im Emissionshandel oder die Förderung des flächendeckenden Einsatzes von Solarkochern in Afrika. „Dabei kann jede Privatperson, jede Behörde und jede Firma helfen“, warb der Referent für das Projekt. Der Marshallplan mit Afrika verfolge derzeit drei Leuchtturmprojekte: die Aufforstung von einer Milliarde Hektar Land in tropischen Regionen, die Weiterentwicklung der Landwirtschaft und die Erzeugung synthetischer Kraftstoffe.

Auch Landesbischof Ralf Meister vertrat die Ansicht, dass „die Entwicklung des Klimas und der Flüchtlingsfrage das 21. Jahrhundert bestimmen“ werden: „Daran wird sich entscheiden, wie wir künftig leben werden.“ Mit Indifferenz oder Ignoranz könne man dieser Probleme sicher nicht Herr werden. Meister räumte ein, dass die Religionsgemeinschaften oft nur wenig zu einer Befriedung von ethnischen Konflikten beitragen können, sondern religiös bedingte Konflikte ja oft sogar Auslöser für Flüchtlingsbewegungen sind. Er und seine Frau würden aber versuchen, auch im kleinen Maßstab zu helfen: Sie beherbergen seit drei Jahren eine sechsköpfige jesidische Familie in ihrem Haus.

Überflutungen im Mittelmeerraum

Unternehmer Claassen nannte die Folgen des Klimawandels „menschheitsgefährdend“: „Wenn wir darauf keine Antworten finden, werden uns alle anderen Probleme bald wie ein Fliegenschiss erscheinen.“ Man spiele bereits Szenarien mit einem Temperaturanstieg von zehn Grad durch, was beispielsweise im Mittelmeerraum zu einer Überflutung weiter Teile von Nordafrika und Südeuropa führen würde. Die Welt müsse lernen, so der 55-Jährige, sich den enormen Herausforderungen nicht kurzsichtig und interessengeleitet, sondern vernunftgesteuert zu nähern.

In diese Kerbe schlug auch Dunja Dogmani. Die Lösung der Ungleichheit könne nicht darin liegen, dass die Industrieländer ihren Lebensstil in alle Welt exportieren: „Warum sollten wir unser Wirtschaftswachstum und unseren Konsum nicht herunterfahren?“ Die Schauspielerin brach eine Lanze dafür, tagtäglich im persönlichen Umfeld umzusteuern: weniger zu konsumieren, mit Blick auf Fair-Trade- und Bioprodukte sowie regionale Lebensmittel bewusster zu kaufen und so wenig Plastik wie möglich zu verwenden.

Von Michael Zgoll

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