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Hannover Döhrener Wasserkraft bleibt Zankapfel
Nachrichten Hannover Döhrener Wasserkraft bleibt Zankapfel
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16:22 27.10.2018
So soll es aussehen: Der Bayer Fritz Eberlein will an der Leineinsel Döhren statt des bisherigen Wehrs ein Wasserkraftwerk bauen. Quelle: Architekturbüro Müller
Döhren

Kommt jetzt das Wasserkraftwerk in der Leine bei Döhren? Stundenlang haben sich am Montag und Dienstag Vertreter von Investor und Behörden, Verbänden und der Bürgerinitiative mit den Planungen auseinandergesetzt und strittige Fragen geklärt. 380 Einwendungen sind im Planfeststellungsverfahren eingegangen, alle mussten gewürdigt werden. Demnächst will die Fachaufsicht eine Entscheidung zu dem bei Anliegern und Naturschützern umstrittenen Projekt fällen.

Was passiert bei Hochwasser?

Etwa 800 Haushalte soll die Anlage an der malerischen Leineinsel mit Strom versorgen können – rechnerisch wäre das wasserumspülte Wohnquartier also künftig elektrisch energieautark. Auch hat die Stadt bei der Planung durchgesetzt, dass der Investor eine sandsteinfarbene Freitreppe neben die historische Bastion am Wehr setzt, damit Sonnenhungrige und Flussbewunderer Sitzplätze haben. Doch bei den Anliegern bestehen weiterhin große Zweifel am Projekt. Sie fürchten, bei Hochwasser nasse Keller zu bekommen. Inzwischen wurde bei einer zweiten Firma ein Gutachten eingeholt, doch auch das kommt nach Auskunft der Investorenvertreter zu dem Schluss, dass sich bei hohem Wasserstand nichts ändert.

Eindringlich wurde beim nichtöffentlichen Erörterungstermin zum Planfeststellungsverfahren darum geworben, die Anlage nun endlich zu genehmigen – an dem Standort befindet seit 1667 ein Wasserstau zur Energienutzung, doch um das nun geplante Elektrokraftwerk gibt es seit etwa zehn Jahren heftigen Streit. Sowohl Anlieger wie auch Naturschutz- und Anglerverbände haben Klage angekündigt, falls die zuständige Region das Jawort gibt. Denn jeder Umbau in einem Fluss ist ein erheblicher Eingriff in die Gewässerökologie, die Kiesbänke, Flora und Unterwasserfauna. BUND-Vertreterin Vera Konermann zeigte beim Termin im Regionshaus anhand von Bildern, dass von der Wehranlage Teile der wertvollen Kiesbänke überbaut werden. Anglerverbandsvertreter Heinz Pyka kritisierte die Verschlechterung des Lebensraums für Fische, aber auch für Wasservögel. Auch Behörden wie der Wasserwirtschaftsbetrieb NLWKN oder das Naturschutzinstitut Laves meldeten schwere Bedenken an.

Zwei Fischpässe sollen immer offen sein

Doch es gab auch Zustimmung. Ausgerechnet die in Linden ansässige Bürgerinitiative Umweltschutz (BIU), die als sehr kritisch gilt, stellte sich hinter das Projekt. „Wir können nicht die Folgen des Klimawandels beklagen und dann bei Maßnahmen, die dagegen wirken, sagen, dass man das besser woanders machen sollte“, prangerte Geschäftsführer Ralf Strobach an. Angesichts des Klimawandels, der weltweit Lebensräume zerstöre, müsse man „lokal handeln“.

Der Investor, der bayerische Fritz Eberlein, hat inzwischen zwei sogenannte Fischpässe einplanen lassen: einen Durchlass für stromabwärts schwimmende Fische und einen treppenartigen für aufsteigende Fische, in dem man von oben aus vielleicht sogar Fischen beim Bewältigen des Höhenunterschieds zuschauen kann. Die beiden Turbinen vom Type Dive („Tauchen“) sollen 2,7 Gigawattstunden Strom im Jahr liefern. Sie liegen komplett unter Wasser, und auf Nachfrage von Anliegern bestätigte ein Ingenieur, dass sie auch bei Niedrigpegel von Wasser bedeckt sein sollen – wichtig für den Lärmschutz. Andere Fragen bezogen sich darauf, ob das Gelände abgezäunt oder nachts beleuchtet wird. Zäune soll es nicht geben und Beleuchtung nur, wenn im Hochwasserfall ein Wärter nachts arbeiten muss, hieß es in der Anhörung.

Erst 2004 war für gut 2 Millionen Euro das historische, unterspülte Wehr abgerissen und an seine Stelle das aktuelle Wehr mit fester Stauhöhe eingebaut worden. Das geplante, dreigliedrige Nebenwehr soll künftig wieder regulierbar sein. Der Investorenvertreter versprach in der Anhörung, dass immer Wasser darüber laufen werde, wenn genug davon in der Leine sei. Die Priorität sei, dass über das dreigliedrige Wehr immer Wasser fällt und über das Turbinenhaus und durch die Fischtreppen – erst wenn das gewährleistet ist, dürften die Turbinen Strom erzeugen.

Ausgleich für Öko-Projekt In der Rehre

Eberlein erhält für sein Projekt eine garantierte Finanzhilfe von 300 000 Euro gewissermaßen von den Hausbauern der Wettberger Ökosiedlung in der Rehre: Das Wehr soll ein ökologischer Ausgleich dafür sein, dass dort Häuser auf einer Grünfläche entstanden sind. Zudem stellt ihm die Stadt das Grundstück 30 Jahre lang kostenfrei zur Verfügung.

Die Region als Planungsbehörde muss nach Abwägung aller Argumente eine Entscheidung fällen – dieses Jahr wird das nicht mehr passieren. Egal, wer gewinnt: Zu erwarten ist, dass von beiden Seiten Klagen eingereicht werden. Mit Hannovers drittem Wasserkraftwerk kann es also noch dauern.

Kommentar: Was ist richtig, was ist falsch?

Die Fronten sind festgefahren im Konflikt um das geplante Wasserkraftwerk an der Döhrener Leineinsel. Und das aus gutem Grund: Es gibt kein einfaches Richtig oder Falsch.

Aus Naturschutzsicht ist jedes Bauwerk in einem Fluss Frevel, und tatsächlich haben wir viel zu viele Flüsse verbaut in den vergangenen 200 Jahren. Aus Sicht von Flussanwohnern ist jeder Eingriff in den Nachbarstrom eine Gefahr, denn wir wissen ja gar nicht, wie sich Starkregenereignisse in den nächsten Jahren entwickeln – und die Gutachten versteht der Normalbürger ohnehin nicht. Aber aus Klimaschutzsicht ist es auch richtig, darauf hinzuweisen: Wir können nicht immer nur von Kohlendioxidminderung und Energiewende reden, und wenn es dann vor der Haustür konkret wird, dann stellen wir uns quer. Klar, das Argument ist naheliegend: Es ist doch nur ein kleines Kraftwerk, der Aufwand lohnt kaum. Aber: Höhlen nicht andererseits viele Tropfen den Stein aus?

Und so wird am Ende die Genehmigungsbehörde nach Fakten- und Rechtslage entscheiden, und dagegen wird sicherlich jemand klagen. Bis es eine endgültige Entscheidung gibt, wird wohl noch viel Wasser die Leine hinunterfließen. Jahrelang.

Von Conrad von Meding

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