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Hannover Eminem und das böse „’Tüüt’ you!“
Nachrichten Hannover Eminem und das böse „’Tüüt’ you!“
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00:15 03.07.2018
Eminem gibt sein einziges Deutschland-Konzert in Hannover am 10. Juli. Quelle: dpa
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Hannover

„’Tüüt’ that! Do that ’tüüt!’ Shoot that ’tüüt’!“
(Aus dem SOng „Guilty Conscience“, 1999 auf der „Slim Shady LP“)

„Tüüt!“ Immer wenn in Raps und Rapper-Interviews Gossensprache vorkommt, werden in Mainstrem-Medien das F-Wort, das N-Wort, das S-Wort, das B-Wort und noch ein paar weitere einschlägige Kandidaten ausgeblendet und durch „Tüüt“ ersetzt. Schon in den Achtzigerjahren, zehn Jahre bevor aus dem Marshall Mathers Eminem wurde, war das so. Das TV distanziert sich so von den „Explicit Lyrics“, und der Szene gefiel das „Tüüt“ als stete Vergewisserung, auf der richtigen Seite des Trennstrichs zwischen Kultur und Subkultur zu stehen. Wir übernehmen das hier, weil es erstens Folklore ist, wir zweitens eine Familienzeitung sind, und drittens: Sie verstehen das sicher auch so (wenn nicht: Fragen Sie Ihre Kinder oder Enkel).

Bei Eminem brauchten sie sehr, sehr viel „Tüüt“

Mann, war der sauer. Kein Wunder. 1972 in Missouri geboren. Den Vater hat er nie gekannt, und er will ihn bis heute nicht reffen. Die wechselnden Freunde der mit sich selbst überforderten, drogenkranken Mutter, bei seiner Geburt 17 Jahre alt, schlugen ihn. Weil die Familie oft umzog, meistens wegen Mietschulden, wechselte Marshall Mathers alle Nase lang die Schule. Immer war er der Neue und erfuhr das, was erst viel später Mobbing hieß. Als Zehnjähriger bezog er so derbe Prügel, dass er fünf Tage im Koma lag. 1984 der Umzug in einen Vorort von Detroit, das Wolfsburg der USA – nur nicht so schön.

99 Percent of my Life I Was Lied to
Just Found out, my Mom Does More Dope than I Do“
(Aus „My Name Is“, ebenfalls 1999 auf der „Slim Shady LP“)

Die Nachbarschaft ist schwarz und kriminell. Hip-Hop und Polizeisirenen sind der Sound der Straße. Marshall Mathers verehrt die Rapper von N.W.A. (“Tüüt“ Wit Attitudes). Aber auch die Beastie Boys, weiße Exoten des Genres. Er besucht Battles in Undergroundclubs. Da stehen sich zwei Rapper gegenüber und improvisieren Beleidigungen. Wer „Tüüt“, „Tüüt“ und „Tüüt“ auf spektakulärere Weise reimt, gewinnt. Die Battles sind ein Tor und Reime der Schlüssel: Er, inzwischen blondiert und zum dritten Mal in der neunten Klasse, wird zu M & M, später Eminem (und zeitweilig zu Slim Shady), weil das die drohende Implosion der Biografie von Marshall Mathers verhindert. Eminem ist bei den Reimschlachten als Weißer der Außenseiter. Er ist gut, aber weit entfernt vom Durchbruch.

Die Explosion von Eminem

Anfang der Neunzigerjahre: Eminems Onkel, praktisch ein Vaterersatz, erschießt sich. 1995 bekommen der Rapper und seine Freundin Kim Scott Tochter Hailie und adoptieren Scotts Nichte, deren Eltern bei einem Autounfall starben. Und die Rap-Karriere? Es gib eine Sammlung von Slim-Shady-Songs, 1000 Kassetten, 250 davon verkauft er, den Rest verschickt er als Demo. Ein Exemplar landet in Los Angeles beim grausam-genialen Plattenfirmenboss Jimmy Iovine und dessen Partner und einstigen N.W.A.-Rapper Dr. Dre. Beide haben keine Angst vor zu viel „Tüüt“, und lösen statt der Implosion von Marshall Mathers die Explosion von Eminem aus. Die Mutter verklagt den rappenden Sohn wegen obiger und ähnlicher Zeilen auf 10 Millionen Dollar, sie erhält 10.000 Dollar und lässt die Klage fallen.

Don't You Get It ’Tüüt’, No One Can Hear You? Now Shut the ’Tüüt’ up and Get What's Coming to You“
(Aus „Kim“, auf der „Marshall Mathers LP“ im Jahr 2000)

MTV liebt Eminem. Warum? Weil grundsätzlich immer noch gilt: Pop ist geil, wenn er irgendwie Eros hat, die Freunde beeindruckt oder die Eltern ihn „Tüüt“ finden. „My Name Is“ läuft rauf und runter. Mit dem Zeilenpaar darin: „And by the Way: When You See my Dad, Tell Him that I Slit his Throat in This Dream I Had.“ Schon Krass. Aber lau gegen das, was kommt. Nur ein Jahr später, 2000, drücken Iovine, Dr. Dre und Eminem mit der „Marshall Mathers LP“ in die Charts. Darauf geht es zur Sache, wie es der Mainstream nicht kennt. Es beginnt mit einem gesprochenen Service-Hinweis. „Slim Shady does not give a „Tüüt“ what you think. If you don't like it, you can „Tüüt“ his „Tüüt Tüüt“. Little did you know, upon purchasing this album, you have just kissed his „Tüüt“. Slim Shady is fed up with your „Tüüt“, an he es going te kill you.“

Und dann geht es los. „Tüüt“ Schwule, „Tüüt“ Frauen und „Tüüt“ ganz besonders seine Ehefrau Kim Scott. Eminem rappt darüber, wie er mit ihr streitet, sie misshandelt, sie mit dem Tod bedroht. „Es war beängstigend, der ultimative Anti-Love-Song“, sagt Plattenboss Iovine. Scott hört das Lied bei einem Eminem-Konzert in Detroit und versucht danach, sich umzubringen – doch sie überlebt.. (Es folgen die Scheidung, 2005 die erneute Hochzeit und 2006 die abermalige Scheidung.)

Am Ende der ersten Woche seit der Veröffentlichung sind 1,7 Millionen Alben verkauft, nach einem Monat 3,5 Millionen, nach vier Monaten 6 Millionen. Eminem sagt damals: „Oh Gott, ich werde Elvis sein.“ Und heute: „Ich war zu Tode erschreckt.“ Wer sagt „Weiße können nicht rappen“? Keiner Mehr. Heute ist Eminem mit geschätzt 170 Millionen verkauft Alben weltweit der kommerziell erfolgreichste Rapper überhaupt. Und der erste Wut-Bürger?

I Never Would've Dreamed in a Million Years I'd See So Many Mother “Tüüt“ People Who Feel Like Me“, („White America“ 2002 auf dem Album „The Eminem Show“)

Krass verkauft sich halt gut

Die Schwulen versöhnt er bald, als er bei der Grammy-Show 2001 mit dem bekennenden Schwulen Elton John „Stan“ singt – das Lied über einen fiktiven Eminem-Fan, der seine Freundin (und sich selbst?) tötet – ungefähr nach Vorlagen aus den Texten des Rappers. Das evangelikale Amerika bleibt hingegen angewidert von Eminem. Mehrere Jahre stehen Demonstranten mit Plakaten vor den Konzertarenen, vor den Radio- und TV-Sendern, die den Star nicht boykottieren. Sie nehmen seine Texte als gefährliche Handlungsanweisungen überernst. Er entgegnet im Prinzip: Er meine es doch nicht ernst mit der Gewalt – aber krass verkaufe sich halt gut. Die Wut sei zwar ehrlich, aber er wolle doch nur spielen. Der Konflikt bleibt ungelöst. Auch Weil Marshall Mathers und die Kunstfigur Eminem es bald nur noch mit Drogen in immer höheren Dosen miteinander aushalten. Vicodin, Valium, Ambien – Schmerz- und Betäubungsmittel für Menschen, die sich selbst rasend machen. 2007 der Zusammenbruch, dem Tode nahe. Aber Eminem kommt durch. Es folgen die Alben „Relapse“ (Rückfall), „Recorvery“ (Erholung), „Marshall Mathers LP II“ und zuletzt „Revival“ (Wiederbelebung).

„’Tüüt’ you, Trump-Wähler“

'Cause He Can not Withstand
The Fact We're not Afraid of Trump
„Tüüt“ Walking on Egg Shells, I Came to Stomp“
(Freestyle-Tirade gegen Donald Trump 2018 bei Youtube)

„Tüüt“ Trump. Das ist einerseits schlaues Marketing. Andererseits gilt es vielleicht diesem möglichen Missverständnis vorzubeugen. Mathers Biografie verläuft streckenweise parallel zu der der wütenden weißen Männer aus dem Rust-Belt der siechen US-Autoindustrie, die Trump ins Weiße Haus gewählt haben. Aber einer von denen ist er nicht. Trump anzupaulen, ist eigentlich nichts Besonderes mehr. Bemerkenswert ist dagegen, dass Eminem den Trump-Wählern unter seinen Fans – und davon gibt es reichlich - ein herzliches „’Tüüt’ you“ entgegenschleudert.

Ohne das wäre das gesamte Konzept des aktuellen Album/Tournee-Pakets „Revival“ aber auch zu kuschelig geworden. Denn da fehlt inzwischen die ganz große Wut. Die großen Songs sind Hip-Hop-Schlager. Eminem rappt über Samples von Joan Jetts „I Love Rock 'n' Roll“, der Cranberries-“Zombie“ schluchzt durch einen Refrain, Bette Midler und der unvermeidliche Ed Sheeran sind dabei, und an anderer Stelle dürfen Beyoncé und Alcia Keys ran. Helene Fischer hätte da irgendwie auch reingepasst. Das Konzept Marafrasi (Mann rappt, Frau singt) kommt immer zur Anwendung, wenn Kommerz vor Kreativität geht. Aber ohne diese Gefälligkeit gäbe es vermutlich das 70.000-Leute-Spektakel auf der Messe nicht.

Projektionsfläche für viele Sehnsüchte

I Am Whatever You Say I Am“ („The Way I Am“, 2000 auf der „Marshall Mathers LP“)

70.000! Genesis, Westernhagen, Depeche Mode, Helene Fischer, Guns N' Roses, Robbie Williams und jetzt Eminem. Solche Dimensionen erreichen Popstars nur, wenn sie zwei Kriterien erfüllen. Sie müssen erstens Generationen umarmen, also fürs Familienvergnügen taugen. Sie müssen Jugendliche neugierig machen und zugleich die längst vergangene Jugend der Fourty-Somethings nachträglich adeln.

Und zweitens: Sie müssen sich als Projektionsfläche für möglichst viele Sehnsüchte anbieten. Die ineinander verflossenen Figuren Marshall Mathers, Eminem und Slim Shady eignen sich da besonders. Sie sind der kalte Badezimmerspiegel, an dem Sehnsüchte kondensieren und der deshalb letztlich nur immer ein diffuses Bild des Betrachters zeigt. „I Am Whatever You Say I Am (…) That's Just the Way I Am.“ Wen will das Publikum in Hannover sehen: den ewigen Underdog, den Tellerwäscher-Millionär, den Richter oder den Sündenbock, den Amokläufer, den Frauen- und Schwulenhasser, den politischen Anti-Trumpisten, Usain Bolt des Reims, den Rap-Klassenkasper, den Junkie? Sie sind alle da.

Von Volker Wiedersheim

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