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Hannover Musste Herzpatient wegen langer Wartezeit sterben?
Nachrichten Hannover Musste Herzpatient wegen langer Wartezeit sterben?
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00:17 28.10.2017
Von Tobias Morchner
„Wir können mit unserer Trauer nicht abschließen“: Helmut B. starb am 5. September 2015 im Clementinenhaus.Foto: Heidrich Quelle: Clemens Heidrich
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Hannover

Trotz des langen Ermittlungszeitraums gibt es noch immer viele Ungereimtheiten. Den Hinterbliebenen macht das immer stärker zu schaffen. „Bis heute können wir mit unserer Trauer nicht abschließen, solange die vielen Fragen unbeantwortet sind“, sagt eine Verwandte. Nach intensiven Beratungen hat sich die Familie jetzt entschlossen, den Fall an die Öffentlichkeit zu bringen. „Was wir durchmachen, soll niemand anders durchmachen müssen“, sagt die Verwandte.

Der 69-jährige Helmut B. (Name geändert) war seit Jahren herzkrank, hatte mehrere Bypässe und Stents. Die Behandlungen wurden in der Regel an der Medizinischen Hochschule vorgenommen. Am 3. September 2015 war er dort zur Routineuntersuchung. Nach Angaben der Angehörigen wurde dabei festgestellt, dass die Pumpleistung seines Herzens in Ordnung war. Ihm wurde aber eine Untersuchung mit einem Herzkatheter nahegelegt. Ein Termin dafür wurde für den 8. September in der MHH vereinbart.

An der MHH abgeblitzt

Am Abend nach der Routinekontrolle begann Helmut B.s Leidensweg. Gegen 23.30 Uhr klagte er über Schmerzen in der Brust und Atemnot, typische Anzeichen eines Herzinfarkts. Seine Ehefrau verständigte den Rettungsdienst und wählte dann, wie mit der Klinik besprochen, die MHH-Notfallnummer für Herzpatienten. Doch an der Hochschule wurde sie abgewiesen. Die Kapazität der Notaufnahme sei erschöpft und bereits bei der Leitstelle der Feuerwehr abgemeldet. Auch der Hinweis der Ehefrau auf die lange Krankengeschichte ihres als Hochrisikopatient eingestuften Mannes an der MHH half nicht weiter. Die inzwischen eingetroffene Notärztin unternahm bei der Klinik einen weiteren Versuch und blitzte ebenfalls ab.

Ein auf Druck von Holger Nitz, dem Rechtsanwalt der Angehörigen, von der Staatsanwaltschaft beauftragter externer Gutachter kommt in seiner Stellungnahme zu diesem Punkt zu einem eindeutigen Schluss: „Dass aber die MHH dem Notarzt die Aufnahme des Patienten angeblich verweigert, ist sonderbar.“ Auch die Hochschule räumt in einer Stellungnahme ein, dass gerade bei langjährigen MHH-Patienten die diensthabenden Ärzte anhand der Krankengeschichte und der Symptome rasch weiterhelfen könnten. „Wenn die Kapazitäten der Kardiologie aber erschöpft sind, weisen die Ärzte sofort darauf hin“, teilt das Krankenhaus mit.

Doch die MHH war an jenem Abend nicht die einzige Klinik der Landeshauptstadt, deren Notaufnahme bei der Feuerwehr abgemeldet war. Auch beim Siloah und beim Henriettenstift waren alle Betten belegt, sodass der Rettungswagen und die Notärztin angewiesen wurden, Helmut B. ins Clementinenhaus zu bringen. Dort wurde er um 1.07 Uhr aufgenommen - rund 90 Minuten, nachdem seine Frau den Notruf gewählt hatte.

Was dann mit dem Patienten geschehen oder nicht geschehen ist, ist Kern der staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen. Die Nachforschungen gestalten sich aber schwierig. Das liegt auch daran, dass das Clementinenhaus offenbar die zeitlichen Abläufe der Nacht nicht ordnungsgemäß dokumentierte. Jedenfalls findet sich bis heute keine Niederschrift der Abläufe in den Ermittlungsakten.

So ist die Staatsanwaltschaft bei der Aufarbeitung der Vorgänge auf die Angaben der Ehefrau von Helmut B. angewiesen. Sie hat gleich nach dem Tod ihres Mannes ein Gedächtnisprotokoll der Nacht aufgesetzt. Daraus geht hervor, dass er unmittelbar nach seiner Aufnahme von der diensthabenden Ärztin mit blutverdünnenden und schmerzlindernden Medikamenten versorgt wurde. Wie der externe Gutachter feststellt, lagen um 1.29 Uhr die Ergebnisse der Laboruntersuchungen vor. Diese hätten, schreibt er, „eine zügige Koronarangiografie“ erfordert - eine spezielle Form der Röntgenuntersuchung der Herzkranzgefäße.

Gut drei Stunden verstrichen?

Wann diese Untersuchung vorgenommen wurde, ist dokumentiert. Die Ehefrau des Patienten, die beim Eintreffen im Clementinenhaus darauf hingewiesen hatte, dass ihr Mann ein Hochrisikopatient sei, hat in ihrem Protokoll notiert: „Gegen 2 Uhr erklärte mir die Ärztin, dass sie jetzt mal mit dem Kardiologen telefonieren müsse.“ Der Gutachter kommt zu dem Schluss, dass eine Koronarangiografie zwischen 2 und 4.25 Uhr erfolgte - also womöglich mehr als drei Stunden nach der Aufnahme des Patienten. Genauer könne er den Zeitraum nicht eingrenzen, weil keine Dokumentation des Anrufs beim Kardiologen und über dessen Eintreffen vorliege. Nach Angaben der Ehefrau des Patienten ist der diensthabende Kardiologe erst um 4 Uhr in der Klinik gewesen.

Das Clementinenhaus will sich zu den Vorwürfen mit dem Hinweis auf die Schweigepflicht und das laufende Verfahren nicht äußern. Grundsätzlich teilt die Klinik mit, es gebe eine 24-Stunden-Katheterbereitschaft. Das heißt, dass bei entsprechenden Krankheitsbildern der diensthabende Spezialist ins Haus gerufen wird. Die Anreisezeit sollte nach Dienstvereinbarung „weniger als 30 Minuten“ sein. Ob diese Zeit bei Helmut B. eingehalten wurde, ist unklar. Nachdem der Kardiologe in der Klinik eingetroffen war, nahm er die Katheteruntersuchung vor. Dazu wollte er dem 69-Jährigen eine Narkose verabreichen lassen. Ob das geschehen ist, ist unklar. Während oder nach der Untersuchung - auch das steht nicht einwandfrei fest - kollabierte Helmut B. Er verstarb gegen 8.20 Uhr.

Drei Tage nach seinem Tod erstatteten die Angehörigen Strafanzeige. Die Staatsanwaltschaft beschlagnahmte die Krankenakten. Doch die Ermittlungen nahmen wenig Fahrt auf. Bis heute ist die Frau des Toten nicht als Zeugin vernommen worden. Eine unmittelbar nach dem Tod von der Staatsanwaltschaft angeordnete toxikologische Untersuchung von Proben des Leichnams in der Rechtsmedizin erfolgte erst zwei Jahre nach dem Vorfall. Das Ergebnis steht noch aus. „Nach dem Tod hat kein Arzt mit uns gesprochen. Wir verstehen nicht, warum ein Patient mehr als vier Stunden auf einen Kardiologen warten muss. Bei einem Infarkt zählt doch jede Minute“, sagt die Ehefrau.

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