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Hannover Mit dieser Ausrede rechtfertigt sich ein Fahrraddieb vor Gericht
Nachrichten Hannover Mit dieser Ausrede rechtfertigt sich ein Fahrraddieb vor Gericht
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01:03 15.04.2018
Räder wie dieses altersschwache Modell, das vor einiger Zeit an einem Baum am Altenbekener Damm lehnte, sackte der Angeklagte ein. Quelle: Franz Fender
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Hannover

 Es mag brave Bürger geben, die diesem Angeklagten insgeheim zu seinem Tun gratulieren. Der 36-jährige Südstädter, arbeitsloser Hartz-IV-Empfänger und Vater von vier Kindern, sammelte herrenlose Schrotträder ein, die er auf dem Weg zum Spielplatz oder zum Einkaufen herumstehen sah. Er kaufte Ersatzteile, arbeitete die Räder auf und verkaufte sie weiter, um sich zu seinen Sozialleistungen etwas dazuzuverdienen. Doch juristisch betrachtet ist das Mitnehmen von 19 Rädern, in welchem Zustand auch immer, 19-facher Diebstahl. Nichtsdestotrotz hatte Amtsrichter Michael Stüber am Donnerstag ein Einsehen und stellte das Verfahren gegen den 36-Jährigen ein. Allerdings muss der Bastler 150 Stunden gemeinnütziger Arbeit leisten – vielleicht findet sich für ihn eine Tätigkeit in einem Werkstatt-Projekt, wo Schrotträder wieder gebrauchsfertig gemacht werden.

Werkeln im Hinterhof

Der Angeklagte beteuerte, nicht gewusst zu haben, dass er Verbotenes tat. Nie habe er ein Schloss geknackt, sich nur an herrenlos herumstehenden Vehikeln bedient. Und schließlich habe er Hercules, Winora, NSU und all die anderen Damen- und Herrenräder in einem Hinterhof nahe der Hildesheimer Straße ganz öffentlich entrostet und repariert, viele Stunden und Tage lang. „Die Nachbarn fanden das toll, dass ich die Räder aufgearbeitet habe“, meinte der 36-Jährige. Einer allerdings muss dabei gewesen sein, der die Hinterhofaktivitäten nicht so toll fand: Anonym erstattete er Anzeige gegen den Bastler. 

Verteidiger Dimitrios Kotios schilderte in beredten Worten, in welch desolatem Zustand sich die eingesammelten Räder befunden hätten: „Reifen platt, Beleuchtung defekt, Ketten rostig.“ Sein Mandant habe einige Uralträder sogar aus Containern herausgezerrt und nach Hause getragen. „Man könnte auch sagen, dass er einen Beitrag zu Recycling und Umweltschutz geleistet hat“, argumentierte Kotios. Den Wert der – teilweise schon aufgemöbelten – 19 Räder taxierte die Polizei später auf gut 900 Euro; dabei schwankte der Restwert pro Modell zwischen 5 und 100 Euro. 

Angeklagter ist vorbestraft

Richter Stüber folgte dem Antrag der Staatsanwaltschaft, das Verfahren gegen den Südstädter einzustellen. Mehrfach allerdings erwähnte er, dass der Angeklagte wegen einer früheren Verurteilung aus einem gänzlich anderen Deliktsspektrum noch unter Bewährung steht. Hätte das Gericht ausschließlich das rein Rechtliche gewürdigt, wäre der 36-Jährige im schlimmsten Falle seiner Bewährung verlustig gegangen. 

Streng genommen könne man sogar die Inbesitznahme eines gelben Wertstoffsacks, der am Straßenrand herumliegt, als Diebstahl werten, sagte Stüber. Auch dieser habe schließlich einen Wert – als Recyclingmaterial. „Bis etwas als wirklich herrenlos eingestuft wird, muss viel passieren“, redete der Strafrichter dem Angeklagten ins Gewissen. Allerdings gestand Stüber  dem arbeitslosen Südstädter zu, dass er im Zuge seiner Instandsetzungsarbeiten auch Investitionen getätigt und sein Handwerk mit einigem Geschick ausgeübt hatte: „Vielleicht sollten Sie sich beruflich in diese Richtung orientieren.“

Von Michael Zgoll

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