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Hannover Haarmann-Kopf nach 90 Jahren eingeäschert
Nachrichten Hannover Haarmann-Kopf nach 90 Jahren eingeäschert
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00:15 26.01.2015
Das Polizeifoto zeigt den inhaftierten Massenmörder Fritz Haarmann. Quelle: Archiv
Hannover

Er selbst sprach sehr nüchtern darüber, wie er sterben würde: „Rutsch, fällt das Messer runter, wutsch, bin ich weg.“ Am 15. April 1925 wurde der Serienmörder Fritz Haarmann enthauptet - doch erst jetzt sind seine sterblichen Überreste endgültig beigesetzt worden. „Im vergangenen Jahr haben wir seinen Kopf eingeäschert und auf einem anonymen Gräberfeld bestattet“, sagt Stefan Weller, Sprecher der Universitätsmedizin Göttingen. Seine letzte Ruhestätte soll die Urne auf dem Junkerberg-Friedhof gefunden haben.

Über Jahrzehnte hatte der präparierte Kopf Haarmanns in der Göttinger Rechtsmedizin gelagert. Generationen von Studenten hatten sich vor dem in Formalin eingelegten Haupt gegruselt. Dieses war den Forschern 1925 übergeben worden, um zu untersuchen, ob Verbrecher sich anhand bestimmter Anomalien im Gehirn erkennen ließen. Den Körper hatte man an unbekanntem Ort bestattet. Vier Querschnitte, die aus dem Gehirn entnommen wurden, schickte man ans Max-Planck-Institut in München, wo sie seither verschollen sind.

Der Kopf war in Göttingen Anfang der sechziger Jahre noch öffentlich gezeigt worden. Danach bekamen nur noch kleine Gruppen von Medizinstudenten Haarmanns Haupt zu sehen, und schließlich wurde dieses im Keller eines Uni-Gebäudes eingelagert, zwischen Akten und Präparaten von medizinischen Absonderlichkeiten oder missgebildeten Embryonen in Formalin.

„Das Kopfpräparat hatte keinen wissenschaftlichen Wert“, sagt Prof. Michael Klintschar. Der frühere Leiter der Göttinger Rechtsmedizin, der seit fünf Jahren an der MHH tätig ist, hatte es in seiner Amtszeit abgelehnt, den Kopf zu zeigen: „Aus ethischer Sicht war ein Begräbnis die sauberste Lösung“, sagt er. Auch Thomas Schwark, Direktor der Museen für Kulturgeschichte Hannover, hätte das Haupt nicht ausgestellt: „Man muss mit menschlichen Überresten pietätvoll umgehen - auch mit denen eines Kapitalverbrechers.“

Rechtsmediziner Klintschar hatte sich schon vor Jahren für eine Einäscherung des Haarmann-Hauptes stark gemacht. Jetzt ist die Universitätsmedizin dem Vorschlag gefolgt. In großen Unikliniken kommt es regelmäßig zur Einäscherung von „Körperspenden“, also von Leichen, an denen Studenten ausgebildet werden. Bei solchen Trauerfeiern werden auch Leichenpräparate beigesetzt. So ist es im Frühsommer vergangenen Jahres auch mit Haarmanns Kopf geschehen. Es habe auch eine kirchliche Feier gegeben, sagt Weller.

„Es ist gut, dass es nun zu Ende ist“, sagt Christoph Veltrup. Der 73-Jährige ist der Neffe eines Haarmann-Opfers. Der Serienmörder hatte einst den Bruder seiner Mutter getötet, er selbst hatte sich immer wieder mit Haarmann beschäftigt. Es sei richtig, dass Haarmann nun endgültig beigesetzt worden sei, sagt Veltrup: „Er möge in Frieden ruhen.“

Ein monströser 
Kriminalfall

Das Verbrechen bewegte ganz Deutschland: Selbst eingefleischte Gegner der Todesstrafe forderten seine Hinrichtung, als Fritz Haarmanns Untaten ans Licht kamen. 24 junge Männer hat der Serienmörder zwischen 1918 und 1924 zu sich nach Hause gelockt, in seiner kleinen Dachgeschosswohnung in der Altstadt missbraucht und getötet. Der homosexuelle Polizeispitzel Haarmann hatte seine Opfer, oft Ausreißer oder Stricher, zumeist am Hauptbahnhof kennen gelernt und sie mit nach Hause genommen, wo er sie durch einen Biss in den Hals tötete. Ob er das Fleisch seiner Opfer tatsächlich verkauft hat, wurde nie bewiesen. Möglich war es, denn Haarmann hatte mit Wurst und Konserven gehandelt.

Der Prozess gegen den Serienmörder im Dezember 1924 wurde international viel beachtet. Der Psychiater Ernst Schultze hatte ihn in Göttingen sechs Wochen lang untersucht und ihn schließlich für voll schuldfähig gehalten. Zuvor war bekannt geworden, auf welch barbarische Art dem inhaftierten Verdächtigen ein Geständnis abgepresst worden war: Er war in seiner Einzelzelle mit Leichenteilen seiner Opfer konfrontiert worden. Dabei hingen in allen vier Ecken Totenschädel, die eigens beleuchtet wurden, um dem Mörder Angst einzujagen.
Haarmann war wegen 27 Taten angeklagt worden. Für 24 Morde wurde er schuldig befunden.

Bis heute hat kaum ein Krimineller das Image und die Identität seiner Stadt so geprägt wie er; vielen gilt Haarmann bis heute als prominentester Hannoveraner. Er selbst wäre wohl stolz darauf gewesen; auch seine Hinrichtung hätte er gerne vor großem Publikum gehabt: „Das können wir doch auf dem Klagesmarkt machen!“ Der Wunsch blieb ihm verwehrt: Er wurde auf dem Hof des Gerichtsgefängnisses, etwa am heutigen Raschplatz-Pavillon, mit der „Fallschwertmaschine“ enthauptet. Der tiefgläubige Haarmann soll gelassen gestorben sein. Seine letzten Worte: „Auf Wiedersehen!“

Von Jürgen Gückel und Simon Benne

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