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Hannover „Wir gucken alle 18 Minuten aufs Handy“
Nachrichten Hannover „Wir gucken alle 18 Minuten aufs Handy“
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00:18 11.11.2018
Kinder wie Eltern gucken zweieinhalb Stunden am Tag aufs Handy, warnt der Neuobiologe Martin Korte. Zuviele Informationen lenken ab und stören beim Denken. Quelle: Moritz Frankenberg
Hannover

„Eltern sind schon genauso Smartphone süchtig wie die zwölf- bis 15-jährigen Kinder, die Sie in Ihren Schulen haben“, sagt Prof. Martin Korte, der Zelluläre Neurobiologie an der Technischen Universität Braunschweig lehrt, zu den knapp 100 niedersächsischen Gesamtschulleitern im Hotel Wienecke XI. „Digitale Bildung“ ist das Hauptthema des diesjährigen Kongresses. Nicht nur Eltern, sondern auch viele Pädagogen seien den digitalen Medien verfallen, sagt Korte: „Immer häufiger beschweren sich Schüler, dass Lehrer nicht ihre Fragen beantworten, sondern im Unterricht mal schnell eine Nachricht auf ihrem Handy tippen.“

„Über Bücher lernt man besser“

Lernt man digital besser und nachhaltiger? Kortes Antwort dazu ist eindeutig: „Nein.“ Buchstaben prägten sich Kinder durch Bewegung ein, im Kopf könne man das zehnmal besser und länger behalten, was man auf Papier gelernt habe: „Ein dreidimensionales, gedrucktes Buch liefere mehr Lernleistung als ein flacher Bildschirm.“ Digitale Medien lenkten ab, Multitasking aber schwäche das Arbeitsgedächtnis, die Konzentrationsfähigkeit sinke. „Zu viele Informationen auf einmal stören das Denken, die Informationsgewichtung gelingt nicht.“ Stressbelastung und Fehleranfälligkeit nähmen zu.

Handys sind zum Daddeln da für Kinder, nicht zum Lernen

Überhaupt nichts hält der Neurobiologe von dem Ansatz des Kultusministeriums „Bring your own device“, dass die Schüler ihre eigenen Geräte mit in den Unterricht bringen sollen, um damit zu lernen. Mit dem Handy würden die Jugendlichen daddeln oder chatten, es sei kein Lerninstrument, das sei wie Hausaufgabenmachen am Küchentisch. „Der ist in unserem Gehirn der Platz, an dem man isst und nicht arbeitet.“ Das, was man sich selbst erarbeitet habe, bleibe länger im Kopf, als das, was einem vorgesetzt werde: „Anstrengung belohnt das Hirn mit tieferer Speicherung.“

Gesamtschulen fordern feste Sonderpädagogen im Kollegium

Die Leiter der rund 130 Gesamtschulen in Niedersachsen machen sich dafür stark, Sonderpädagogen an großen Schulen fest einzustellen anstatt sie wie bisher nur vorübergehend von Förderschulen abzuordnen. „Wir brauchen die Kollegen fest in unserem Team“, sagt Andreas Hadaschik von der Integrierten Gesamtschule Garbsen (Region Hannover). Kultusminister Grant Hendrik Tonne (SPD) hat angekündigt, dass es ab dem nächsten Schuljahr möglich sein soll, Förderschullehrer an die Regelschulen zu versetzen. Mit einer anderen Forderung, nämlich der nach einem eigenen Gesamtschulreferat im Ministerium, bissen die Schulleiter hingegen auf Granit. Ebenso schwierig erscheint es, die integrierten Fächer Gesellschaftslehre (Erdkunde, Politik, Geschichte) und Naturwissenschaft und Technik (Physik, Chemie, Informatik, Biologie), die an Gesamtschulen unterrichtet werden, in die klassische Lehrerausbildung zu integrieren. dö

Korte zitiert eine Untersuchung, wonach 80.000 Menschen im Alter zwischen 14 und 80 Jahren nach ihrer Smartphonenutzung gefragt wurden. Danach guckt man im Schnitt 88-Mal am Tag aufs Handy, 35-Mal davon sei es unproblematisch, aber 53-Mal seien es längere Unterbrechungen. „Im Schnitt schauen wir in den Stunden, in denen wir wach sind, alle 18 Minuten aufs Handy.“ Das summiere sich auf 2,5 Stunden täglich, reines Telefonieren mache gerade einmal einen Anteil von sieben Minuten aus. Diese häufigen Unterbrechungen hält der Professor gerade in der Schule für sehr problematisch, da man „15 Minuten Eindenkzeit“ für eine kognitiv neue Herausforderung benötige.

Alle 18 Minuten abgelenkt

„Wenn Kinder zuviel Zeit vor dem Bildschirm verbringen, verflachen sie emotional“, unterstreicht Korte. Der Mensch verliere seine Fähigkeit zur Empathie und könne sich nicht mehr in die Köpfe anderer hineinversetzen. Die Jugendlichen würden weniger Zeit mit Freunden verbringen und vereinsamen. Außerdem schliefen sie immer weniger, im Schnitt seien es an Schultagen weniger als sieben Stunden. Das liege nicht nur daran, dass viele junge Menschen mit dem Handy ins Bett gingen und damit wieder aufwachten, sonder auch daran, dass der Blaulichtanteil in den Bildschirmen ein Wachmacher sei. Hinzu kämen weitere gesundheitliche Schäden. Zwei Drittel der Zwölf- bis 15-Jährigen klagten über Kopf- und Nackenschmerzen.

Die Folgen: Schlafmangel und Kopfschmerzen

Es gehe nicht darum, digitale Medien zu verteufeln, sondern sinnvoll zu nutzen, sagt Korte. Schulen dürften nicht zu einem Ort werden, an dem die Schüler ihre Lebenswirklichkeit nicht mehr wiedererkennen. Man dürfe aber nicht zu früh damit starten. Nicht umsonst habe Apple in seiner Grundschule, die es im Silicon Valley betreibe, digitale Geräte verboten. Auch der Wechsel von der Grundschule auf die weiterführende Schule in Jahrgang 5 sei nicht der richtige Zeitpunkt, mit den neuen Medien zu beginnen.

Er empfiehlt, in den Schulalltag konkrete Handyzeiten einzubauen, in denen die Jugendlichen ihre Nachrichten checken dürften.

Ein Jahr Informatikunterricht als Pflicht

Jeder Schüler sollte in seinem Schulleben mindestens ein Jahr lang Informatikunterricht haben, fordert Korte, aber nicht erteilt von Mathematik- und Physiklehrern, die das auch noch nebenbei machen müssten, sondern von ausgebildeten Informatiklehrern.

Von Saskia Döhner

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