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Hannover So wurde aus dem Leineschloss der Landtag
Nachrichten Hannover So wurde aus dem Leineschloss der Landtag
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19:20 26.10.2017
Von Michael B. Berger
Großer Zapfenstreich: 1962 stehen Bundeswehrsoldaten Spalier, als die Volksvertreter in den alten Königspalast einziehen. Quelle: Wilhelm Hauschild
Hannover

Er war modern. Und achtete gleichzeitig auf Tradition. Der Architekt Dieter Oesterlen war der Einzige, der bei der Planung eines neuen Landtages in Hannover das gesamte Ensemble des Leineschlosses im Blick hatte, von dem der 1962 eröffnete, angebaute Plenarsaal nur ein Teil war. Deshalb hatte er mit seinem Modell Erfolg.

Feier

Das müssen Sie über die Landtags-Eröffnung wissen.

94 Architekten aus der noch jungen Bundesrepublik hatten 1954 sich an der Ausschreibung zum Bau eines neuen Landtages beteiligt. Einige von ihnen schlugen vor, das frühere Leineschloss, das nach den Bombenangriffen auf Hannover nur noch als Ruine vor sich hingammelte, ganz abzureißen und an seine Stelle einen neuen Landtag zu setzen. Mehr als die Hälfte der Teilnehmer im Architektenwettbewerb, schrieb die HAZ im September 1958, habe gar nichts gewusst über die zu erhaltenden Bauteile. „Oesterlen war der Einzige, der das Ganze als äußeres Gehäuse übernehmen und ihm ein neues, modernes, inneres Gefüge geben wollte.“ Deshalb bekam der Architekt den Zuschlag. Auch weil er den modernen Plenarsaal harmonisch an die spätbarocke und klassizistische Fassade des früheren Schlosses anfügen wollte.

Lieber Wohnungen bauen?

Liest man die frühen Zeitungsartikel über den Bau des Plenarsaales und die Diskussionen darüber, fühlt man sich an Stadtdebatten der jüngeren Zeit erinnert. Es gab nicht viele Gegner des Neubauprojektes, dessen Baukosten ursprünglich auf 9 bis 10 Millionen Mark Mark geschätzt waren und am Ende mit allen Nebenkosten 19 Millionen Mark zu Buche schlugen. Warum überhaupt der Politik ein „Hohes Haus“ errichten? Man sollte doch lieber Wohnungen im zerbombten Hannover bauen anstatt eines Parlamentes. Man schaffe beides, lautete das Gegenargument - den Wohnungs- und den Landtagsbau.

Doch dass das niedersächsische Parlament ein eigenes Haus brauchte, war damals weitgehend unstrittig. Denn man konnte die hannoversche Stadthalle, in die der Landtag in den Nachkriegsjahren gezogen war, nicht auf ewig beanspruchen. Und so kam man schnell auf die Ruine des Leineschlosses, das sich Herzog Georg von Calenberg zwischen 1637 und 1640 auf dem Grundstück eines früheren Franziskanerklosters errichten ließ und das Anfang des 19. Jahrhunderts der hannoversche Hofbaumeister Georg Ludwig Friedrich Laves im klassiztischen Stil erweiterte. Auch das Argument, dass der demokratische Landtag nicht dort wohnen sollte, wo früher der König residierte, verfing nicht - im Gegenteil: Nichts demonstriere mehr den Sieg der Demokratie als ein Parlament im königlichen Palais.

Von Skepsis zu Vorfreude

Schnell wich die Skepsis mancher Hannoveraner der Freude über den Wiederaufbau des Schlosses mit neuer Funktion. So notierte diese Zeitung Weihnachten 1957: „Die Hannoveraner konnten sich eigentlich kein schöneres Weihnachtsgeschenk wünschen. Die jetzt begonnenen Abbrucharbeiten im Leineschloss sollen den Winter über so weit gefördert werden, dass schon im Frühjahr die Möglichkeit besteht, mit dem Neubau des Parlamentsgebäudes zu beginnen.“ Die Bauarbeiten sollten dann noch etwas länger dauern als die 1957 veranschlagten vier Jahre. 1962 zog der Landtag von der Stadthalle um und in den Oesterlen-Bau ein, der am 11. September eröffnet wurde. Da waren Debatten um die „kahle Wand“ des neuen Landtagsplenums schon ausgestanden - und durch die 110.000 Mark teure Anschaffung mehrerer Fahnenhalter etwas abgemildert.

Die Debatten um den Oesterlen-Bau lebten erst kurz nach dem Jahrtausendwechsel wieder auf, weil sich zunehmend Abgeordnete über die hermetische Innenarchitektur des Parlaments beschwerten. Pläne des damaligen Landtagspräsidenten Rolf Wernstedt, den Landtag zu modernisieren, etwa mit einer Kuppel aufzuwerten, wurden geboren und wieder verworfen. Erst sein Nachnachfolger Hermann Dinkla nahm den Versuch auf, wieder einen neuen Plenarsaal zu schaffen. Doch der Glaspalast, den der Kölner Architekt Eun Young Yi anstelle des Oesterlen-Baus errichten wollte, hielt einer Kosten-Plausibiliäts-Rechnung Dinklas nicht stand. 64,5 Millionen Euro könnte der Glaspavillon kosten, rechnete Dinkla vor. Das freute die Oesterlen-Freunde und verärgerte den Kölner Architekten. Denn mit dieser Kostenschätzung war der Neubau vom Tisch, zumal er in Hannover ohnehin umstritten war.

Nun kommt der alte Oesterlen-Gedanke erneut zum Tragen: Das Alte zu entkernen, um im Inneren Neues entstehen zu lassen. Nur, dass diesmal nicht das Schloss entkernt wurde, sondern der Oesterlen-Bau selbst.

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