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Hannover HAZ-Forum: Zeitzeugen berichten vom Bombenangriff 1943
Nachrichten Hannover HAZ-Forum: Zeitzeugen berichten vom Bombenangriff 1943
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00:20 12.10.2018
Bilder der Zerstörung: Peter Stettner vom Filminstitut Hannover (r.) präsentierte Filmaufnahmen, die Hannover im Krieg zeigen. Quelle: Katrin Kutter
Hannover

Es ist mucksmäuschenstill im Publikum. Maria-Elisabeth Lohmann erzählt von einem neun Jahre alten Mädchen, für das der Krieg eigentlich schon Routine geworden war. Heulende Sirenen, runter in den Keller, Flakgeräusche, Entwarnung, und immer war es gut gegangen für ihre Familie im Fachwerkhaus neben der Unfallklinik.

Doch in der Nacht vom 8. auf den 9. Oktober kommt es anders. Ein paar Kilometer über der Stadt fliegen Piloten in B-17-Festungen Angriffe gegen das nationalsozialistische Deutschland, unten kämpfen Menschen im Hagel explodierender Bomben in einer brennenden Stadt ums Überleben. Maria-Elisabeth flüchtet mit ihren Eltern und vier Geschwistern in den Keller der solide gebauten Unfallklinik. Dort steht ein gefülltes Wasserbecken, Decken liegen griffbereit in der Nähe. Vielleicht ein halbwegs sicherer Ort, bis dichter Rauch in den Keller dringt. „Wir mussten raus wegen der Erstickungsgefahr“, erzählt sie, „tauchten die Decken ins Wasser und hängten sie uns um.“ Draußen brennt in heißer Luft die Stadt. Die Neunjährige flieht auf den Gartenfriedhof, und sie fragt sich mit bangem Blick nach oben, in welche Richtung der Kirchturm wohl herabstürzen wird, der in Flammen steht.

Die Nacht, in der das alte Hannover starb

In dieser Nacht stirbt das alte Hannover. Luftaufnahmen, gefilmt aus einem US-Flugzeug im April 1945, zeigen den 200 Zuhörern im Historischen Museum eine vom Krieg zerstörte Stadt. Häuser, die nur Gerippe sind. Aufgerissene Dächer des Hauptgüterbahnhofs, verbrannte Erde, keine Menschenseele ist unterwegs. Ein zweiter Film dokumentiert die zerstörte Innenstadt. Café Kröpcke und Marktkirche sind Ruinen, an manchen Stellen raucht es noch. Das Museum hat diesen Film im vergangenen Jahr geschenkt bekommen. Er zeigt Bilder, die der Künstler Otto Gefers unter Lebensgefahr Tage nach einem Angriff im Juli 1943 drehte.

Maria-Elisabeth Lohmann flieht in der Oktobernacht 1943 an der Hand einer Begleiterin weiter über den Aegidientorplatz zum Maschsee. Sie sieht Stromleitungen, die auf die Straße gefallen sind. „Wer die berührte, war tot und schrumpelte zusammen“, sagt sie. Die Neunjährige sieht vom Schlag entstellte Körper. Später geht sie zurück in die Marienstraße, allein, irgendwo verliert sie die Begleitung. Dann weiter zu Verwandten, bis sie sie endlich nach drei Tagen ihre Eltern wieder sieht. Auch Maria-Elisabeth, das fünfte Kind, hat überlebt. Das Fachwerkhaus und die Fleischerei des Vaters sind zerstört. „Wir hatten nichts mehr.“

Haben diese Erlebnisse Spuren hinterlassen? HAZ-Redakteur Simon Benne erinnerte daran, dass Kriegserlebnisse heute oft als posttraumatische Belastungsstörungen beschrieben werden. „Wie war das für Sie?“ Im Publikum amüsierten sich einige über diese Frage, als sei die Generation der Überlebenden zu hart im Nehmen, um sich mit solchem Psychokram zu beschäftigen. „Ich hatte kein Trauma“, antwortete Hildegard Ottmers. Sie war als acht Jahre altes Kind ebenfalls aus einem Keller geflohen und suchte nach einem Unterschlupf, doch im brennenden Hannover gab es kein Versteck, das vor Bomben sicher gewesen wäre. Hildegard Ottmers wurde später nach Langenhagen gebracht. Ihr Weg führte sie durch eine Vahrenwalder Straße, die nur noch eine Steinwüste war.

250.000 Brandbomben fallen auf Hannover

Nüchterne Zahlen können das Elend nicht beschreiben. Historiker Andreas Fahl berichtete die Fakten. Zwischen 1940 und 1945 wurden in Hannover 1400 Luftalarme ausgelöst, wobei es tatsächlich zu 125 Angriffen kam. „Die Menschen wurden immer wieder aufgeschreckt“, sagte Fahl. Für 473.000 Bürger standen nur 40.000 Plätze in Bunkern bereit. Am verheerenden 8. Oktober fielen 3000 Sprengbomben und über 250.000 Brandbomben auf Hannover, die Wohngebiete ebenso trafen wie Kriegsindustrie-Anlagen bei Conti, Hanomag und Deurag-Nerag.

Am Ende des Bombenkrieges waren rund 6800 Menschen in Hannover gestorben. Moderator Benne fragte Fahl, ob er diese Angriffe auf Zivilisten als Kriegsverbrechen einstuft. Der Historiker ließ es offen. Es gab auch in Hannover militärische Ziele, für manche Städte, etwa noch Hildesheim 1945, gelte das nicht. „Da kann man sich fragen, ob das noch gerechtfertigt war." Nicht gelungen sei es in jedem Fall, die Bevölkerung durch Bombenangriffe zu demoralisieren: „In keiner deutschen Stadt ist dieses Ziel aufgegangen.“

Doch es gab auch die andere Seite des Krieges. Bomberbesatzungen, die den Tod fanden in ihren abgeschossenen Maschinen. „Junge Kerle waren das meist“, erinnerte sich der langjährige HAZ-Chefreporter Dieter Tasch. Lange nach dem Krieg sprach er mit einem dieser Soldaten aus den Bombern. Sein Name war Taylor. Er saß in einem Flugzeug, das in Hannover getroffen wurde und bei Hameln abstürzte. Der junge Mann rettete sich mit dem Fallschirm. Taylor erzählte Tasch: „Wir hatten eine Heidenangst, vor allem wegen der Erschütterungen der Flakgranaten.“ Eine Angst, die nicht unberechtigt war, wenngleich die deutsche Luftwaffe in den letzten beiden Kriegsjahren beinahe lahmgelegt war. „Die Abschussquote lag zwischen fünf und zehn Prozent.“

Der 8. Oktober 1943 ist auf schreckliche Weise in die Stadtgeschichte eingegangen. HAZ-Redakteur Simon Benne beschrieb ihn im Historischen Museum so: „Es war der letzte Tag, der das alte Hannover noch gesehen hat.“

HAZ-Forum wird wiederholt

Der Andrang war unerwartet groß: Das Historische Museum war am Montagabend beim HAZ-Forum zum Bombenkrieg in Hannover überfüllt; zahlreiche Besucher fanden keinen Einlass mehr. Wir bedauern es sehr, dass nicht alle Gäste im Museum Platz hatten. Aufgrund des großen Interesses wird das HAZ-Forum nun wiederholt.

Die zweite Auflage der Veranstaltung beginnt im Historischen Museum am Mittwoch, 24. Oktober, um 18 Uhr. Einlass ist um 17.30 Uhr. Die Zahl der Plätze ist auf 200 begrenzt. Der Eintritt ist frei, um eine Spende für die HAZ-Weihnachtshilfe wird gebeten. Wie am Montagabend werden die Zeitzeuginnen Maria-Elisabeth Lohmann und Hildegard Ottmers vom 8. Oktober 1943 berichten. Historiker Andreas Fahl und Peter Stettner vom Filminstitut Hannover ordnen die Ereignisse der Bombennacht wissenschaftlich ein und präsentieren historisches Bildmaterial. Es moderiert HAZ-Redakteur Simon Benne.

Von Gunnar Menkens

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