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Hannover Immer mehr Flüchtlinge finden Arbeit
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23:29 30.08.2018
Der Syrer Muhanna Younes hilft Flüchtlingen hauptberuflich bei der Integration, die Sitzecke soll es etwas heimeliger machen. Quelle: Samantha Franson
Hannover

Das erste Obdach des syrischen Flüchtlings Muhanna Younes in Deutschland war 2014 das Durchgangslager Friedland. Seine zweite Adresse fühlte sich nur geringfügig besser an, im Klassenraum einer früheren Schule in Ahlem lebte er noch vor zwei Jahren mit sieben Männern zusammen. Einen wirklichen Schritt nach vorn bedeutete der Umzug in eine Wohngemeinschaft. Zu dritt lebten sie in einer Wohnung zielstrebiger junger Menschen, die es schaffen wollten in Deutschland. „Wir haben kein Arabisch gesprochen, nur Deutsch, in der Küche stand ein Flipchart mit Redewendungen“, erzählt Muhanna Younes. Er lernte von ehrenamtlichen Helfern, später zahlte er Kurse aus eigener Tasche und reiste zur Abschlussprüfung nach Chemnitz.

Mittlerweile hat der 31-jährige Syrer einen Arbeitsplatz gefunden. 40 Stunden in der Woche hilft er beim Deutschen Roten Kreuz (DRK) Flüchtlingen, es ist sein Job, sie auf das Leben hierzulande vorzubereiten. Younes erklärt, was Pünktlichkeit bedeutet und wie man eine Bewerbung schreibt. Aus eigener Erfahrung macht er seinen Schülern klar, wie wichtig es ist, Deutsch zu lernen, „ohne die Sprache kann es nicht weitergehen“. Aber er weiß von vielen Flüchtlingen, dass sie lieber billige Jobs annehmen, um schnelles Geld zu verdienen, statt Worte und Grammatik zu lernen. „Dann vergessen sie die Sprache, das ist schade.“ 

Flüchtlinge wollen arbeiten...

Wenn es um Integrationschancen von Flüchtlingen geht, spielt der Arbeitsmarkt die wohl bedeutendste Rolle. Wer arbeitet, kann mit Stolz ein selbstständiges Leben führen. Die Bundesagentur für Arbeit kalkuliert drei bis fünf Jahre, bis ein anerkannter Asylbewerber einen qualifizierten Berufsabschluss erreicht. Und die Aussichten auf Jobs verbessern sich. In Unternehmen im Raum Region Hannover haben derzeit 4496 Flüchtlinge einen sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplatz, im Vorjahr waren es erst 3041 Männer und Frauen. 

Holger Habenicht von der Arbeitsagentur sagt: „Flüchtlinge wollen arbeiten, und sie finden Arbeit.“ Es geht durch viele Branchen, in der Regel aber sind es Hilfstätigkeiten. Oft sind sie dort beschäftigt, wo Unternehmen Probleme haben, Mitarbeiter zu finden. In der Gastronomie, als Packer in Warenlagern, als Reinigungskräfte. Wo Sprache wichtig wird, lesen, schreiben, sprechen, ist eine Vermittlung schon wesentlich schwieriger. Deshalb, berichtet Habenicht, gebe es noch wenig Pflegekräfte und auch kaum Lkw-Fahrer, weil eine Führerscheinprüfung Voraussetzung sei. Ein zweites Hindernis für eine Beschäftigung ist oft ein fehlender qualifizierter Bildungsabschluss. Mehr als die Hälfte aller in Niedersachsen lebenden Flüchtlinge verließ ihr Heimatland ohne Hauptschulabschluss. 

... sind aber oft nicht qualifiziert

Geringe Bildung macht sich besonders auf dem Arbeitsmarkt bemerkbar. 5163 geflüchtete Männer und Frauen sind in der Region arbeitslos gemeldet, vor zwei Jahren waren es 4418. Wegen der wachsenden Zahl anerkannter Asylbewerber bekommen zudem deutlich mehr Menschen Hartz IV. Im April 2018 bezogen 22 290 Flüchtlinge in der Region Hannover Hilfe zum Leben, knapp 10 000 mehr als Mitte des Jahres 2016. Viele dieser Menschen leben seit vielen Jahren in der Region, nicht erst seit Beginn der Flüchtlingskrise. 

Unternehmen haben großes Interesse

Schaut man auf den Ausbildungsmarkt, machen Unternehmen seit Langem zwei Entwicklungen zu schaffen: Erstens fehlen wegen des demografischen Wandels junge Menschen, die eine Lehre beginnen. Zweitens führt eine zunehmende Akademisierung dazu, dass das Interesse an klassischen Ausbildungsberufen nachlässt. „Ein Drittel der Unternehmen hat deshalb Schwierigkeiten, Lehrstellen zu besetzen, manche bekommen überhaupt keine Bewerbungen mehr“, sagt Stefan Noort von der Industrie- und Handelskammer Hannover. Sind Betriebe also mittlerweile auf Flüchtlinge sogar angewiesen? Noort sagt es so: „Unternehmen haben großes Interesse an dieser Zielgruppe.“ Der Markt habe sich gedreht, früher hätten Chefs unter mehreren Kandidaten wählen können. 

In der Region Hannover haben sich zum Ausbildungsjahr 2018 inzwischen 969 Flüchtlinge beworben, knapp die Hälfte ist bislang ohne Vertrag. Das ist ein Erfolg, weil nun etwa 300 junge Flüchtlinge mehr als noch vor einem Jahr in Ausbildung sind. Dennoch ist es hier nicht anders als auf dem regulären Arbeitskräftemarkt: Wer schlecht Deutsch spricht und schon in seiner Heimat schlecht qualifiziert ist, hat wenig Aussichten, einen fachlich anspruchsvollen Beruf zu bekommen. Nicht selten nehmen Flüchtlinge Lehrberufe, die sie kriegen können, und Betriebe nehmen Flüchtlinge, die sie kriegen können. Manchmal passt das nicht zusammen: Laut Bundesagentur für Arbeit brechen 25 Prozent ihre Ausbildung im ersten Jahr ab. 

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Mehr zum großen HAZ-Special Flüchtlinge in Hannover lesen Sie auf unserer Themenseite.

Von Gunnar Menkens

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