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Hannover Habeck zu Enteignungen: „Ob das immer schlau ist, ich weiß es nicht“
Nachrichten Hannover Habeck zu Enteignungen: „Ob das immer schlau ist, ich weiß es nicht“
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00:18 13.04.2019
Robert Habeck bei seiner Lesung im Stehen. Quelle: Frank Wilde
Hannover

Als der Schriftsteller Robert Habeck sehr zufrieden war mit seinem Leben, hatte er das Gefühl, persönliche Zufriedenheit sei vielleicht nicht alles. Er konnte vom Schreiben leben, das Haus an der dänischen Grenze war renoviert, und mit der Familie lief es gut. Aber etwas fehlte, etwas, das über ihn selbst hinaus reichte und in die Gesellschaft hinein. Habeck ging zu den Grünen. Es war der Beginn einer politischen Karriere.

In einem Gasthofhinterzimmer traf er auf einen lustlosen und kriselnden Kreisverband, dem ein Plan für bevorstehende Wahlen ebenso fehlte wie ein Vorsitzender. „Mach du doch“, hieß es schon beim ersten Treffen, obwohl er nicht einmal Mitglied war. Habeck machte das dann. Später war er Grünen-Chef in Schleswig-Holstein und dort Umweltminister. Jetzt, als Bundesvorsitzender, verkörpert Robert Habeck für seine Partei Hoffnungen auf eine gute Zukunft. Im ZDF-Politbarometer verdrängte er im März Kanzlerin Merkel vom ersten Platz. Den Deutschen gilt Habeck, 49, derzeit als wichtigster Politiker im Land. Erstaunlich für jemanden, der im Grunde nichts zu entscheiden hat. Weniger erstaunlich, sollte es hierzulande nach oft quälender Zeit mit großen Koalitionen den Wunsch nach einem frischeren Politikstil geben.

Ein aufmerksamer Vorleser

Am Dienstag wollten gut 100 Besucher Robert Habeck bei seiner Lesung in der Buchhandlung Decius hören. Menschen wohl über 50 Jahre waren in der Mehrzahl, und unterstellt man im Publikum eine gewisse Sympathie mit grüner Gedankenwelt, dann erschienen hier Menschen, die gemeinsam mit der Partei gealtert sind. Habeck begann als aufmerksamer Vorleser. Er schraubte das Mikrofon hoch und verzichtete 90 Minuten lang auf seinen Stuhl: „Wenn ich mich hinsetze, sehen die da hinten gar nichts mehr.“ Ohne Krawatte und Jackett, mit hochgekrempelten Hemdsärmeln und oft burschikoser Sprache („wirklich ätzend“) wirkte der Grünen-Chef wie der humorvolle, uneitle und intelligente Nachbar, den man sich in der Altbauwohnung gegenüber wünscht.

In seinem Buch „Wer wir sein könnten“ beschäftigt Habeck sich mit der Bedeutung von Sprache in der politischen Auseinandersetzung. „Sprache schafft die Welt“, schreibt er. In der Politik sei Sprache das eigentliche Handeln, „was wir aussprechen, wird Wirklichkeit“. Habeck diagnostiziert eine Verrohung der Debatten. Man bezichtige sich, statt mit Argumenten zu widerlegen, mit der Folge, dass Kompromisse schwieriger würden. „Der politische Rechtsruck macht sich zuallererst in der Sprache bemerkbar“, stellt er fest, Beispiele aus dem Wortschatz der AfD, die etwa Flüchtlinge und politische Gegner herabwürdigt und ausgrenzt, nimmt er im Buch als Beleg für seine These. Was Habeck möchte, ist eine Sprache, die „Offenheit wagt“, die Menschen einlädt und die die Welt nicht zynisch kommentiert. „Zuversicht ist die wahre Herausforderung“, mit diesem Satz schloss Habeck und bekam warmen Applaus.

Habeck bereut Twitter-Verzicht nicht

Beifall klatschten Zuhörer schon zuvor, als Habeck begründete, warum er sich von den sozialen Medien Facebook und Twitter verabschiedete. Er habe an sich selbst bemerkt, dass ihn diese Medien selbst in einen aggressiven Ton getrieben hätten. Das wollte er nicht. Seitdem bekommt er manche Debatten über sich nicht mehr mit. Er ist raus aus der Schleife dieser Dauererregung, „ich habe das keine Sekunde bereut“.

Ohnehin fragten Besucher lieber nach aktueller Politik statt nach sprachlicher Analyse. Ob er mit Annegret Kramp-Karrenbauer zusammen arbeiten könnte in einer Regierung? Robert Habeck wich lieber aus, er wolle jetzt lieber keine Koalitionsverhandlungen vorwegnehmen. Er antwortete einer entsetzten Frau, warum er denn Enteignungen als Mittel der Wohnungspolitik vorschlage. Der Grüne holte weit aus, sprach von hohen Mieten in Großstädten und berief sich aufs Grundgesetz, das Enteignungen nicht verbiete, die sowieso eigentlich Rückkäufe seien. Vage blieb er doch: „Das ist teuer, und ob das immer schlau ist, ich weiß es nicht.“

Am Ende des Abends blieb der Eindruck, dass der freundliche Herr Habeck deshalb so beliebt sein könnte in der Republik, weil er nicht routiniert politikerhaft rüberkommt wie etliche Mandatsträger aus Berlin. Vielleicht half ihm dabei auch der Rat seiner Lektorin. Sie empfahl ihm, als er mit seinem Buch „Wer wagt, beginnt“ in sprachlichen Banalitäten stecken blieb, Individualität und Unterscheidbarkeit: Er solle keinen Satz mehr schreiben, den auch jemand anders schreiben könnte.

Von Gunnar Menkens

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