Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Hannover Aktivistin half verletzten Vietnamesinnen
Nachrichten Hannover Aktivistin half verletzten Vietnamesinnen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:54 28.04.2018
„Ich wollte etwas tun“: Viola Hempel war 1967 eine Mitbegründerin der Hilfsorganisation Terre des Hommes in Hannover. Quelle: Foto: Kutter
Hannover

Das Interesse an den beiden Mädchen war immens. Schließlich war mit ihnen ein Stück Weltgeschichte nach Hannover gekommen. Sie waren die Verkörperung des unseligen Krieges in fernen Vietnam. Auch darum war der Andrang der Besucher groß, die sie im Annastift sehen wollten. Doch der zuständige Oberarzt wies alle ab. „Ich habe noch nie ein derart verstörtes Kind erlebt“, sagte er im Blick auf die siebenjährige Nguen Thi Em, die ängstlich zusammengekauert in ihrem Bett saß.

Gemeinsam mit der 18-jährigen Ton Nu Thi Nguyen war das Mädchen am 13. Mai 1967 aus Saigon ausgeflogen worden. Nach einer 14-tägigen Quarantäne in Lausanne waren sie in Hannover gelandet, wo ein vietnamesischer Student im Krankenhaus für sie übersetzte. Zwei verletzte Kriegskinder, für die jedes neue Gesicht auch neue Aufregung bedeutete.

Gummibälle am Hauptbahnhof

Dass die Mädchen, die schwere Verletzungen am Bein beziehungsweise an der Wirbelsäule hatten, für die mehrmonatige Behandlung nach Hannover kommen konnten, war das Verdienst von Viola Hempel. „Ich hatte in der Zeitung über das Schicksal entwurzelter Kriegskinder in Vietnam gelesen und wollte etwas tun“, sagt die Hannoveranerin heute. Als 28-Jährige war sie nach dem Studium in Berlin 1967  gerade nach Hannover gezogen und hatte ihr Lehramtsreferendariat begonnen. Hier gründete sie den hannoverschen Ableger der Hilfsorganisation Terre des Hommes, die die vietnamesischen Mädchen in die Stadt holte.

Die Behandlungskosten sollten bei etwa 20.000 Mark liegen. Also baute Viola Hempel einen Stand am Ernst-August-Platz auf, verteilte Flugblätter und verkaufte dort kleine Gummibälle zugunsten der beiden Mädchen. „Woche für Woche gingen zahlreiche kleine Spenden auf dem Konto ein, das ich eröffnet hatte“, erinnert sie sich. „Manchmal waren es nur fünf oder zehn Mark, aber viele hatten das Bedürfnis, etwas zu tun.“ Am Ende steuerte der eher bürgerliche Lions-Club einen namhaften Betrag bei, und die Klinik übernahm einen Teil der Behandlungskosten selbst.

Solidarität vorm Hauptbahnhof: Terre-des-Hommes-Aktivistin Viola Hempel verkaufte 1967 Gummibälle zugunsten vietnamesischer Kinder. Quelle: Archiv

Vietnam war damals ein großes Thema“, sagt Viola Hempel, die seinerzeit bei vielen Demonstrationen dabei war. Als Kind hatte sie selbst die Amerikaner als Befreier erlebt. „Wir bekamen nach dem Krieg auch Hilfspakete von Freunden meines Vaters, die in die USA emigriert waren“, sagt sie. Jüngere Freunde pflegten – anders als sie – hingegen einen stramm antiamerikanischen Kurs. „Natürlich fand auch ich die Napalm-Einsätze und das Massaker der Amerikaner in My Lai entsetzlich“, sagt Hempel, „aber ich wollte in erster Linie humanitär etwas tun – auch wenn manche das damals zu bürgerlich fanden.“

Hannover im Jahr 1968

In dieser Serie blicken wir auf die Ereignisse vor 50 Jahren in Hannover zurück. Weitere spannende Geschichten zur Serie finden Sie hier.

Demos gegen Vietnam

Andere forderten den Weltfrieden. Sie selbst half zwei Mädchen. Ein weniger grundsätzlicher, dafür aber sehr konkreter Ansatz. Mehrere Monate lang kümmerte sie sich um die Vietnamesinnen. Sie vermittelte ihnen auch Patenfamilien, bei denen sie nach der Behandlung bleiben konnten. „In Vietnam hätten sie keine Chance gehabt“, sagt sie.

Die Jahre um 1968 hat sie als faszinierende Zeit in Erinnerung. „Alles, was vorher tabu war, wirkte plötzlich lächerlich“, sagt sie. „Wie Kulissen vielen die Fassaden der Restaurationszeit um – binnen weniger Jahre veränderte sich alles.“ Die beiden Mädchen hat sie irgendwann aus den Augen verloren. „Aber ich freue mich, wenn ich ihnen helfen konnte.“ 

Wenn sie an ihren Einsatz von damals denkt, kommt der langjährigen Lehrerin eine Erzählung von Tolstoi in den Sinn. Darin stirbt eine alte Frau, und sie darf nur deshalb in den Himmel, weil sie einmal einem Bettler ein Zwiebelchen geschenkt hat. Die gute Tat ihres Lebens. Viola Hempel lächelt. „Vielleicht war diese Aktion mein Zwiebelchen.“

Von Simon Benne

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Für den Mehrwegbecher Hannoccino ist der Abfallwirtschaftsbetrieb aha mit dem GreenTec Award ausgezeichnet worden. Die feierliche Preisverleihung fand am Mittwoch in der Schlossküche Herrenhausen statt.

25.04.2018

Die Polizei und der Verkehrsaußendienst der Stadt Hannover haben am Mittwoch Falschparker in Linden und der Südstadt kontrolliert. Keines der Fahrzeuge musste abgeschleppt werden.

25.04.2018

In Linden-Süd hat die Polizei in der Nacht zum Mittwoch einen Mann festgenommen, der kurz zuvor einen Einbruch begangen haben soll. Der 31-Jährige war in eine Obergeschosswohnung geklettert.

25.04.2018