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Hannover Beate Schmidt und der Beginn der Frauenbewegung in Hannover
Nachrichten Hannover Beate Schmidt und der Beginn der Frauenbewegung in Hannover
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00:27 27.05.2018
Beate Schmidt, 73, in ihrer Wohnung in Anderten. Quelle: Tim Schaarschmidt
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Hannover

Männer, wohin man sah. An der Universität sowieso nur Professoren. In der allgemeinen Studentenvertretung saß eine einzige Frau, und im Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS), der selbst ernannten Speerspitze für Freiheit und Aufklärung besprachen ausschließlich Männer, was als nächstes zu tun sei im revolutionären Prozess. Die Unterdrückung der Frau galt im rhetorischen Besteckkasten marxistischer Denker als „Nebenwiderspruch“ – wäre erst der Kapitalismus mit seiner elenden Lohnarbeit beseitigt, wären auch Frauen freie Menschen.

Die Studentenproteste in Hannover waren eine männliche Angelegenheit. Beate Schmidt, 73, Malerin, Sozialwissenschaftlerin und seit den 1960er-Jahren praktisch ihre eigene Frauenbewegung, erklärt es sich so: „Dieses Selbstbewusstsein, Frau zu sein, das war damals einfach nicht da. Wir hatten natürlich davon gehört, dass es anderswo eine Frauenbewegung gab, aber in Hannover spielte das keine Rolle.“

Es reichte bis in den Alltag hinein. Als Schmidt und eine Gruppe von Freundinnen eines Abends den Club Voltaire betrat, den Treffpunkt der außerparlamentarischen Opposition, rief Psychologieprofessor Peter Brückner: „Jetzt kommen die Bräute.“ Die Frauen waren empört und besprachen den Vorfall. Unter sich, um einen Tisch versammelt, aber nicht mit Brückner. Schmidt dachte, wie tief in Männerköpfen veraltete Frauenbilder stecken mussten, wenn selbst ein so reflektierter Mensch wie Brückner solch einen Spruch vom Stapel ließ.

Beate Schmidt brauchte keine Bewegung

Beate Schmidt hat indes keine Bewegung gebraucht, um sich ein Leben lang für das einzusetzen, was sie für richtig hielt. Als sie 15 war, demonstrierte sie mit Sandwich-Plakat und Anti-Kriegs-Slogan gegen eine Werbeaktion der Bundeswehr. Die Folge: Verhaftung und Besuch des Verfassungsschutzes im Elternhaus. Als Vater und Mutter den Beamten tatsächlich ihr Tagebuch aushändigten, weil sie auf Namen von möglichen Sympathisanten hofften. zog Beate Schmidt zuhause aus. Sofort. Diesen Vertrauensbruch verzieh sie den Eltern nicht.

In Anderten nahm sie der Drucker Fritz Schmidt auf, ein Mann mit starken anarchistischen Vorlieben. Im ersten Stock wurde 1967 der hannoversche SDS-Ableger gegründet, im Erdgeschoss später Flugblätter und Raubdrucke hergestellt. Mit anderen Genossen gab Beate Schmidt die pazifistische Zeitschrift „Direkte Aktion“ heraus, das hektographierte Din-A-4-Heftchen zu 50 Pfennig. Wer ein Dach über dem Kopf brauchte, kam in dem großen Haus unter. Und von Anderten zog Beate Schmidt los in die Innenstadt, um einen Hungerstreik gegen den Vietnam-Krieg zu beginnen und vorm Amerika-Haus zu protestieren. Bei diesen Aktionen machten vielleicht 20 Leute mit, „höchstens“.

Eine historische Adresse für den linken Protest

Dann kamen die Frauen doch noch nach Hannover. Der SDS hatte zur Delegiertenkonferenz nach Hannover eingeladen. Da hatte sich bereits in Berlin der „Aktionsrat zur Befreiung der Frauen“ gegründet, eine Opposition innerhalb der linken Opposition und mit Gemüse in der Hand: In Frankfurt wurde der Genosse Hans-Jürgen Krahl aus Sarstedt bei Hildesheim, einer der Haupttheoretiker der Apo, Ziel eines Tomatenwurfs. In Hannover kursierte nun das Flugblatt mit dem entmannenden Spruch: „Befreit die sozialistischen Eminenzen von ihren bürgerlichen Schwänzen.“ Er wurde zum Klassiker der Frauenbewegung.

Beate Schmidt war da schon befreit von traditionellen Vorstellungen des Zusammenlebens. „Ich habe immer mein eigenes Geld verdient“, sie wollte nie das abhängige Anhängsel eines Mannes sein. Der Slogan der 68er-Frauenbewegung, wonach das Private politisch ist, wurde in Anderten gelebt. In Hannover ist das Haus eine historische Adresse für den linken Protest.

Von Gunnar Menkens

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