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Hannover Neue Wege statt neuer Schilder
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06:00 03.11.2018
Simon Benne ( HAZ Redakteur) Quelle: Samantha Franson
Hannover

Man würde heute keinen Platz mehr nach Konrad Lorenz benennen. Der berühmte Verhaltensforscher machte in der NS-Zeit Karriere, sein Denken war der Rassenideologie der Nazis eng verbunden. Auch der Unternehmer Ferdinand Porsche wird wegen seiner Rolle in der Rüstungsindustrie heute deutlich kritischer gesehen als früher. Der Konrad-Lorenz-Platz und der Porscheweg stehen auf einer Liste von 17 Straßen, bei denen der städtische Beirat zur Umbenennung geraten hat. Tatsächlich ist jeder einzelne Namenspatron fragwürdig. Und trotzdem darf man es sich nicht so einfach machen.

Personen, denen eine „aktive Mitwirkung in einem Unrechtssystem zuzuschreiben ist“, sind nach den Maßstäben des Beirats nicht würdig, mit einem Straßennamen geehrt zu werden. Mal ganz abgesehen davon, dass es in den Biografien der meisten Menschen sowohl Licht als auch Schatten gibt – eine Ehrung ist ein Straßenname vor allem im Moment seiner Verleihung. Je mehr Jahre ins Land gehen, desto stärker wird er zu einer historischen Quelle.

Straßennamen erinnern an einen Schiffgraben oder ein Aegidientor auch dann noch, wenn es diese längst nicht mehr gibt. Und sie führen uns vor Augen, was Menschen früher einmal ehrenwert erschien. Die Straßennamen der List lesen sich wie ein einziges Who-is-who des preußischen Kasernenhofs – und erinnern uns so daran, dass die Kaiserzeit nicht nur schmucke Hausfassaden, sondern auch schneidigen Militarismus hervorbrachte.

Die Frage ist nicht, ob wir Personen wie Hindenburg oder General Wever heute mit einem Straßennamen ehren würden. Die Frage ist, wie wir damit umgehen, dass dies in der Vergangenheit geschehen ist. Die Fraktion der Umbenenner wirft der Fraktion der Beibehalter gerne Geschichtsvergessenheit vor. Doch der Vorwurf funktioniert andersherum mindestens ebenso gut. Zu unserer Geschichte gehört es nun einmal, dass man früher auch solchen „Helden“ Kränze flocht, die wir heute ablehnen. Dunklen Kapiteln der Vergangenheit stellt man sich nicht, indem man ihre Spuren tilgt, sondern indem man sie aufarbeitet. Man stürzt ja auch keine Denkmäler und man säubert keine Archive.

Der Schriftsteller Karl Kraus befand einmal, wir lebten in einer Zeit, „welche die Fähigkeit verloren hat, Nachwelt zu sein“. Im Zweifel ist es meist intelligenter, unliebsame Relikte der Vergangenheit zu kommentieren als sie zu schleifen. Man kann kritische Informationstafeln an die Straßenschilder hängen, und vielleicht wäre ja gerade der Konrad-Lorenz-Platz ein idealer Ort, um eine Skulptur aufzustellen, welche die Rassenideologie der Nazis künstlerisch kritisch thematisiert.

Es gibt viele Wege, um sich mit dem Erbe der Geschichte auseinander zu setzen. Sie erfordern allerdings mehr Kreativität, als man für das bloße Austauschen eines Straßenschildes braucht. Die für Straßennamen zuständigen Bezirksräte können jetzt zeigen, ob ihnen mehr einfällt als ein billiges Ausradieren.

Von Simon Benne

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