Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Hannover Das sind die Folgen der Kindergarten-Reform
Nachrichten Hannover Das sind die Folgen der Kindergarten-Reform
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
23:00 08.05.2018
Spaß mit Seifenschaum: Leiter Thomas Müller mit den Kindern Clara (v. l.) , Adriel, Tom, Nora und Hannah in der Lister Gethsemane-Kita.   Quelle: Kutter
Anzeige
Hannover

Der Berg unter Bäumen mitten auf dem Außengelände, der Kicker in einer Nische am Eingang, der Waschraum mit den bunten Kacheln, die an Kunstobjekte von Hundertwasser erinnern, und das sich über mehrere Ebenen schlängelnde Waschbecken – Lieblingsplätze hat Thomas Müller gleich einige in der evangelischen Kita der Gethsemane-Gemeinde in der List. Seit 1991 leitet er die Einrichtung, in der 132 Kinder vom Krabbel- bis zum Grundschulalter betreut werden. Der 56-Jährige hat schon viel erlebt in der Bildungspolitik. Soviel Reform wie derzeit war allerdings selten.

„Die Abschaffung der Kita-Gebühren ist eine politische Entscheidung“, sagt  Müller. Eine, die er richtig findet. „Es geht nicht darum, dass die gut verdienenden Eltern sich die Gebühren leisten könnten, es geht um das grundsätzliche Bekenntnis zur entgeltfreier Bildung.“ Der Schulbesuch sei an öffentlichen Schulen kostenlos, immer mehr Schulen würden zu Ganztagsschulen ausgebaut, die Studiengebühren seien abgeschafft worden. Die kostenlose Krippe? „Das wird irgendwann kommen, das wäre schließlich der nächste logische Schritt“, sagt Müller überzeugt. Es sei gut, das Eltern nicht mehr an ihrem Portemonnaie gemessen würden, sondern einfach nur Eltern seien. Es gehe nicht mehr darum, dass Familien mit den Monatsbeiträgen im Rückstand seien oder sogar Privatinsolvenz anmelden müssten: „Das hat es immer gegeben.“

Droht ein Betreuungsnotstand?

Gleichzeitig mahnt Müller an, dass die Qualität der Betreuung in den Kitas nicht leiden darf. Die Kommunen dürften mit der  Kompensation der wegfallenden Elterngebühren nicht alleine gelassen werden. Dafür gibt das Land 450 Millionen Euro  – dieses Geld wäre auch gut in der Qualität investiert. Ab August müssen die Erzieher auch noch die vorschulische Sprachförderung übernehmen. „Das ist inhaltlich die richtige Entscheidung“, findet Müller, aber konzeptionell überhaupt nicht vorbereitet.“  

Droht mit dem Gratis-Kindergarten ein Betreuungsnotstand, weil Eltern ihre Kinder gern länger betreuen lassen, wenn es umsonst ist? „Der Wunsch nach mehr Betreuung ist jetzt schon da, und das seit mehreren Jahren“, sagt Müller. Der Wunsch nach Ganztagsbetreuung sei auch so ein politischer Wunsch, der in die Familien getragen worden sei. Berufstätige Eltern, die ihre Kinder erst acht Stunden in einer Krippe ließen, wechselten nicht in eine Vormittagsgruppe, die um 12 Uhr ende, wenn das Kind drei Jahre alt sei. Das passe gar nicht in die Lebensplanung. Die Krippe sei oft der Einstieg in die Ganztagsbetreuung, sagt Müller, nach dem Kindergarten kommen dann der Hort oder die Ganztagsschule. „Eltern müssen sich neun Jahre lang um Betreuung keine Gedanken machen.“

Der dänische Familientherapeut Jesper Juul warnt schon seit einigen Jahren vor zu viel und zu früher Fremdbetreuung. Man dürfe nicht in einen traditionellen Kollektivismus verfallen. Kinder seien nicht zur selben Zeit hungrig oder müde, sie würden nicht gleichzeitig windelfrei. Leiter Müller warnt ebenfalls Eltern, die auch selbst Entwicklungsprozesse bei ihrem Nachwuchs erleben wollen, vor allzu langen Kita-Tagen. „Länger als acht Stunden sollten Kinder nicht in den Einrichtungen verbringen, auch wenn das organisatorisch mit Acht-Stunden-Arbeitstagen und dem Hinbringen und Abholen nicht zu schaffen ist, viele Paare teilen sich auf, der Vater bringt, die Mutter holt ab oder umgekehrt.“

Eltern-Beürfnisse ändern sich

„Die Bedürfnislagen von Eltern haben sich verändert“, sagt Müller über seine Beobachtungen. Wenn die Drei- bis Sechsjährigen nachmittags abgeholt würden, dann gingen sie nicht nach Hause, um Zeit mit ihren Eltern zu verbringen, sondern hätten weitere Aktivitäten, Sport, Klavierunterricht, manchmal seien sie mit Freunden zum Spielen verabredet, oft bis 19 Uhr. Dass Eltern den dritten Geburtstag ihres Sohnes mit 20 Kindern auf dem Spielplatz oder im Zoo feiern, ist keine Seltenheit. Wie viel das Geburtstagskind davon hat, bleibt die Frage.

Auf der einen Seite ist der Wunsch bei den Familien nach mehr und längerer Betreuung, auf der anderen Seite steht der Erziehermangel. Den kennt auch Kita-Leiter Müller. „Natürlich werben sich die Einrichtungen untereinander die Fachkräfte ab, da ist sich jeder selbst der Nächste“, sagt er seufzend. Mehr als 100 Kinder stehen derzeit auf der Warteliste der Gethsemane-Kita. Aber nur 24 Plätze werden in diesem Sommer frei. Noch sind die Zusagen fürs neue Kindergartenjahr nicht erteilt. Müller hat den 1.  Mai abgewartet. Bis zu dem Tag konnten sich Eltern, deren Kinder zwischen Anfang Juli und Ende September sechs Jahre alt werden, nämlich entscheiden, ob sie ihren Nachwuchs vom Schulbesuch zurückstellen lassen oder nicht. Diese „Flexibilisierung des Einschulungskorridors“ hat die Landesregierung auch gerade erst beschlossen.  Prinzipiell sei das richtig, meint Müller, nur der Stichtag liege zu spät: „Der 1. März wäre besser gewesen.“

Die Kindergärten, die die Plätze ihrer vermeintlichen Schulanfänger bereits vergeben haben, und jetzt hören, dass Eltern ihr Kind länger in der Kita lassen wollen, haben jetzt ein Problem. Wer bekommt den Platz, der Sechsjährige, der länger bleibt, oder der Dreijährige, der nachrücken sollte? Pädagogisch sei es nicht sinnvoll, die Kinder für ein Jahr in eine komplett neue Einrichtung zu schicken. Die Landesregierung hat versprochen, kein Kind im Regen stehen zu lassen. Übergangsweise mehr als 25  Kinder in einer Gruppe zu haben, sei aber auch nicht zulässig. „Ich beneide die Kollegen nicht, die in diesem Dilemma stecken“, sagt Müller.

Ein zentrales Anmeldesystem für Kindergartenplätze, wie es Hannover im nächsten Jahr plant, hält Müller für überfällig. Viele Eltern melden sich zurzeit bei bis zu zehn Kitas an, oft aber nicht wieder ab, wenn sie einen Platz woanders gefunden haben. „Das bringt Chaos, das kann nur besser werden.“

„Geld besser in die Qualität der Einrichtungen stecken“

Die Betragsfreiheit für drei- bis sechsjährige Kinder in der Tagespflege ist eine der offenen Fragen, die das Land in den nächsten Wochen noch mit den kommunalen Spitzenverbänden klären muss. „Die Stadt Hannover hat sich gemeinsam mit anderen Kommunen für eine Beitragsfreiheit analog zu den Kitas positioniert, das Ergebnis bleibt abzuwarten“, sagt eine Sprecherin. In Hannover sind rund 80 Kinder zwischen drei und sechs Jahren in der Tagespflege.

Marlene Kubaile (39) ist eine von rund 350 registrierten Tagespflegepersonen. In ihrer Altstadtwohnung in der Südstadt betreut sie zurzeit fünf Kinder unter drei Jahren. Anrufe, ­E-Mails, Mütter, die vor der Haustür warten, um ihre Kinder zu präsentieren, in der Hoffnung einen der begehrten Plätze bei Tagesmüttern zu ergattern – von einer riesigen Nachfrage wissen Kubaile wie ihre Kollegin Irma Schranz (61) zu berichten, die sogar Kinder bis 13 Jahre betreut.

Viele Eltern wählen bewust eine kleine Gruppe für ihre Kinder, sie schätzen den kleinen, vertrauten Rahmen. Die Qualität in den Krippen und Kindergärten sei in den vergangenen Jahren kontinuierlich schlechter geworden, finden die Tagesmütter. „Es fehlen Räume, vor allem aber aber qualifiziertes Personal“, sagt Kubaile. Teils verlernten Kinder im Kindergarten sogar das, was sie bei der Tagesmutter schon gekonnt hätten. „Manche entwicklen sich zurück.“

Die Gratis-Kita sehen die Tagesmütter skeptisch. „Das Land hätte das Geld besser in die Qualität der Einrichtungen stecken sollen“, sagt Kubaile. Der Berufsverband für Kindertagespflegepersonen kämpft dafür, dass Tagespflege endlich als vollwertiger Beruf anerkannt. Sie erhielten dann Krankengeld und müssten Fortbildungen nicht mehr am Wochenende oder in der Urlaubszeit – 25 Tage pro Jahr – machen. 

Nachfragt bei Kinderarzt Remo Largo

„Kinder brauchen andere Kinder, um sich zu entwickeln“

Herr Largo, in Niedersachsen ist der Besuch einer Kindertagesstätte ab dem Sommer für alle Kinder zwischen drei und sechs Jahren kostenlos. Die Konsequenz wird vermutlich sein, dass noch mehr Eltern ihre Kinder in die Kita schicken. Sie sehen die Entwicklung in Deutschland hin zu immer früherer, zeitlich immer umfassenderer Ganztags-Betreuung kritisch. Warum eigentlich?

Zuerst das Positive: Kinder brauchen um sich gut zu entwickeln, andere Kinder, jeden Tag. Das ist in Kleinfamilien nicht mehr gewährleistet. Kitas sind nicht nur ein Ort der Kinderbetreuung, wenn Eltern arbeiten. Sie leisten einen wichtigen Beitrag an die Entwicklung der Kinder. Sie sind Teil des Bildungswesens und sollten daher vom Staat finanziert werden.

Wo sehen Sie als Forscher die größten Defizite in der Betreuungsarbeit der derzeitigen Kindertagesstätten?

Ich kenne mich in Deutschland diesbezüglich zu wenig aus. Aber hier einige Kriterien, die eine gute Kita ausmachen: Kinder unterschiedlichen Alters, Stabilität der Kindergruppen, vielfältige Anregungen und Erfahrungen, etwa in der Natur, sowie Anzahl Kinder pro Betreuerin, Kontinuität und Stabilität der Betreuung und natürlich eine gute Ausbildung der Erzieherinnen.

Kindertagesstätten sollen in Niedersachsen jetzt sogar noch zusätzliche Aufgaben wie die vorschulische  Sprachförderung von Kindern vor der Einschulung übernehmen. Wie finden Sie das?

Da verzichte ich auf eine Beantwortung, weil ich dazu nichts sagen kann.

Was können Eltern denn in jedem Fall tun, um eine bessere Qualität der Kinderbetreuung zu erreichen?

Sie müssen sich in der Öffentlichkeit dafür einsetzen und ihren Politikern bewusst machen, dass eine qualitativ gute Kinderbetreuung essenziell für die Entwicklung der Kinder und finanziell eine Investition in die Zukunft der Gesellschaft ist – mit größerer Wirksamkeit als Investitionen in die Hochschulen.

Interview  Jutta Rinas

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Einmalgrills, Plastikbecher, Pfandflaschen: Tonnenweise Unrat lässt die Stadt täglich aus den Parkanlagen entsorgen. Forscher sagen: Das Phänomen sei Ausdruck eines Lebensgefühls. Oder ist es schlicht schlechte Erziehung?

11.05.2018

Zwei Pferdebesitzerinnen verklagen sich gegenseitig – und erzielen am Amtsgericht einen Vergleich. Der übergewichtige Haflinger aber kann nicht mehr geritten werden: Er leidet an unheilbarer Hufrehe.

11.05.2018

Über Pfingsten kehrt das Autokino nach Hannover zurück. Geschaut wird auf einer aufblasbaren Leinwand direkt auf dem Schützenplatz. Nun können HAZ-Leser Karten gewinnen.

08.05.2018
Anzeige