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Hannover Kartenlegerin Sylvie Kollin erklärt ihr Handwerk
Nachrichten Hannover Kartenlegerin Sylvie Kollin erklärt ihr Handwerk
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00:33 11.04.2018
Diskutierten rund um den Aberglauben (von links): Julia Offe, Moderatorin Tanja Schulz, Mark Feuerle und Sylvie Kollin. Quelle: Foto: Katrin Kutter
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Hannover

 Wenn die Kartenlegerin Sylvie Kollin Kunden einen Blick in die Zukunft verspricht, ist das Prozedere genau festgelegt. „Die mischen, ich lege die Karten und sage, was ich sehe.“ Wenn 75 Prozent ihrer Vorhersagen Treffer sind, ist sie zufrieden. Die Kundschaft stellt selten Fragen zum Ergebnis und will Genaueres wissen, weil, sagte Kollin: „Ich bin genau.“ Sie schreibt es ihrer Arbeitsweise zu, einer Mischung aus „Phantasie, Intuition und Interpretation der Karten“. 

Aber was ist schon ein Treffer? Julia Offe fragte das, und weil sie Vorstandsmitglied der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften ist, war ihre Skepsis nicht zu überhören. „Treffer, das sind oft allgemeine Aussagen von Wahrsagern. Jeder kann dann hinterher denken, eine Vorhersage sei eingetroffen.“ Kollins Handwerk hält sie für eine Pseudowissenschaft. Bei Kartenlegern legten Kunden wichtige Entscheidungen in die Hand von Menschen, die sie kaum kennen. 

Im Foyer des Regionshauses diskutierten am Sonntag drei Fachleute über Aberglauben. Während es draußen schön war und pulkweise Marathonläufer vorbei liefen, interessierte das eher ältere Publikum der Matinee, ob Aberglaube beweisbarer Unsinn ist oder doch eine erweiterte Sicht auf die Welt abseits von Naturwissenschaften – und damit kein Aberglaube. Mark Feuerle vom Institut für Philosophie der Leibniz-Universität  sagte es so: „Der Aberglaube des einen ist der Glaube des anderen.“ 

Diese These wurde bereits während der Veranstaltung bewiesen. Zum Beispiel Homöopathie. Für Offe ist diese Behandlungsform eine Methode, die im schlimmsten Fall Kranke vom Leben in den Tod befördert. Ein Zuhörer widersprach und meinte, homöopathische Medikamente seien genauso getestet wie Medizin von Pharmaherstellern. Nein, entgegnete Offe, „das stimmt nicht“. Und diese Kornkreise, die mitunter auftauchen, die mancher Mitbürger für eine Hinterlassenschaft von Außerirdischen hält? Ein menschengemachter Scherz, sagte ein Mann im Publikum, das sei bewiesen. Da schüttelte ein Nachbar schon den Kopf. Es gebe wissenschaftliche Untersuchungen, danach könnten Menschen solche Kreise nicht anlegen. Als Offe erzählte, bei Experimenten habe kein Wünschelrutengänger den Wasser voll Eimer unter den Leeren gefunden, hielt ihr ein Mann entgegen, so etwas funktioniere ja nicht in geschlossenen Räumen, sondern nur im Freien. Der Rutengänger hatte zuvor erklärt, es klappe auch in Räumen. 

Doch abseits von kulturell bedingten Kinkerlitzchen (die 13, eine Unglückszahl?) hat Aberglaube gesellschaftliche Funktionen. Julia Offe sagte, dass Frauen eher an  Horoskope und Wahrsagerinnen glaubten, könne mit ihren Arbeitsplätzen zu tun haben, an denen sie sich oft ausgeliefert fühlten. Feuerle stimmte zu: „Aberglauben kann eine Ventilfunktion haben für diejenigen, die sich ohnmächtig fühlen.“ Oder er wurde gezielt eingesetzt, etwa in Jahren der Hexenverbrennung, als Zeitgenossen Vorteile daraus zogen, missliebige Frauen zu denunzieren. 

Mark Feuerle warnte davor zu glauben, dass Menschen heute so viel anders, also rationaler sind. Sein Beispiel: Ein Mann kauft sich Autowachs mit Nanotechnologie. Man kaufe das Versprechen, dass Nanotechnologie besser sei, ohne es zu wissen. „Die Zauberei war die Nanotechnologie des Mittelalters.“ 

Von Gunnar Menkens

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