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Hannover Protec-Kontrolleure wehren sich gegen Fangprämie
Nachrichten Hannover Protec-Kontrolleure wehren sich gegen Fangprämie
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10:55 09.04.2018
Kontrolleure der Protec erwischen immer weniger Schwarzfahrer. Quelle: HAZ
Hannover

So viele Schwarzfahrer erwischen wie möglich, um die höchste Fangprämie zu kassieren – gegen dieses System setzen sich die Fahrkartenkontrolleure der Sicherheitsfirma Protec jetzt zur Wehr. „Wir können doch nicht wie ein Inkasso-Unternehmen durch die Stadtbahnen rennen und die Menschen bedrängen“, sagt ein Protec-Mitarbeiter. Letztlich sei es nicht mehr möglich, so viele Fahrgäste ohne Ticket zu erwischen wie noch vor zwei bis drei Jahren. „Die Geschäftsführung verlangt aber weiterhin hohe Fangzahlen und setzt uns unter Druck“, sagt ein anderer Mitarbeiter. Es hagele derzeit Abmahnungen und Kündigungen. Alle Mitarbeiter, mit denen die HAZ gesprochen hat, wollen aus Angst vor Repressalien ungenannt bleiben. „Hier herrscht Krieg“, heißt es.

Protec dementiert

 Die Protec, eine Tochter des kommunalen Verkehrsunternehmens Üstra, hat eine andere Sicht. „Es laufen derzeit Gespräche mit dem Betriebsrat, wie das Prämiensystem weiterentwickelt werden kann“, sagt Üstra-Sprecher Udo Iwannek. Die Gespräche seien ergebnisoffen. Druck werde auf die Mitarbeiter nicht ausgeübt.

Das Anreizsystem, wie die Protec ihr Kopfgeld nennt, ist umstritten. Die Kontrolleure erhalten bis zu 800 Euro im Monat zusätzlich, wenn sie genügend Fahrgäste ohne gültiges Ticket erfassen. Um den vollen Betrag zu kassieren, müssen täglich 21 Schwarzfahrer ins Netz eines Kontrolleurs gehen. Damit würden die Kontrolleure ermuntert, Jagd auf vermeintliche Schwarzfahrer zu machen, meint der Fahrgastverband Pro Bahn. Der Vorwurf wird von den Protec-Beschäftigten jetzt bestätigt.

Die Üstra-Tochter Protec macht Druck, damit ihre Kontrolleure mehr Schwarzfahrer erwischen. Ist das richtig?

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2015 und 2016 sei es noch möglich gewesen, die volle Prämie zu kassieren, berichtet ein Protec-Mitarbeiter. Auf dem Höhepunkt der Flüchtlingswelle habe er Asylsuchende gruppenweise ohne Fahrscheine erfasst. Das habe sich jetzt geändert. „Um halbwegs gute Zahlen zu liefern, müssen wir sogar Rentner aufschreiben, die eine Fahrkarte gekauft, aber vergessen haben zu stempeln“, berichtet ein anderer Kontrolleur.  Selbst bei Grundschulkindern könne man kein Auge mehr zudrücken und es bei einer Ermahnung belassen. „Das hat mit Kundenfreundlichkeit nichts mehr zu tun“, sagt der Protec-Mann.

Die Üstra bestätigt, dass die Zahl der erfassten Schwarzfahrer erheblich zurückgegangen ist, von rund 72.000 im Jahr 2016 auf etwa 64.000 im vergangenen Jahr. Im Jahr 2015 gingen den Kontrolleure sogar rund 73.500 Schwarzfahrer ins Netz und bescherten Bußgeldeinnahmen von 1,56 Millionen Euro. „Wir diskutieren jetzt, warum das so ist“, sagt Üstra-Sprecher Iwannek. Möglicherweise sei die Ehrlichkeit der Fahrgäste gestiegen. Auch neue Tarifangebote wie das Sozialticket könnten dazu beitragen, dass Menschen aufs Schwarzfahren verzichten.

Betriebsklima vergiftet

 Das sehen die Protec-Kontrolleure ebenso und ziehen den Schluss, dass hohe Fangzahlen und hohe Fangprämien nicht mehr zeitgemäß sind. „Von rund 1400 Euro netto Grundgehalt können wir aber nicht leben“, sagt ein Protec-Mitarbeiter. Daher fordere die Belegschaft, endlich so bezahlt zu werden wie die beim Mutterkonzern Üstra angestellten Kontrolleure. Die 40 Üstra-Beschäftigten beziehen keine Fangprämie, aber ein höheres Grundgehalt. Üstra-Sprecher Iwannek betont, dass die Protec mehr Gehalt zahle als in der Sicherheitsbranche üblich. 2017 sei der Lohn um 10 Prozent angehoben worden.

Das Betriebsklima bei der Protec scheint dennoch vergiftet zu sein. „Wir stehen alle am Pranger“, sagt ein Mitarbeiter. Zwei Kündigungen und mehrere Abmahnungen seien in kurzer Zeit ausgesprochen worden. So könne es nicht weitergehen – weder innerbetrieblich noch im Umgang mit den Fahrgästen.

Von Andreas Schinkel

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