Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Hannover Flüchtling sollte 700 Euro für Mini-Zimmer zahlen
Nachrichten Hannover Flüchtling sollte 700 Euro für Mini-Zimmer zahlen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:18 02.02.2018
Tarek Z. (l.) wurde zu sechs Monaten Bewährungsstrafe verurteilt, Serdar H. - rechts neben ihm sein Verteidiger Dirk Harz - zu 1600 Geldstrafe. Ein Platz auf der Anklagebank blieb frei: Der Betreiber des Naturfreundehauses fehlte unentschuldigt. Quelle: Tim Schaarschmidt
Hannover

 Ein Flüchtling aus Syrien, der im November 2016 in Hannover eine Wohnung suchte, bekam von zwei windigen Vermittlern eine Unterkunft angeboten. Der junge Mann, heute 22 Jahre alt, unterschrieb einen Mietvertrag mit dem Naturfreundehaus in Misburg. Für ein 2,5 mal 2,5 Meter großes Zimmer sollte er 500 Euro Kaltmiete plus 200 Euro Nebenkosten zahlen, also 80 Euro pro Quadratmeter kalt. Vor dem Amtsgericht mussten sich deshalb am Dienstag drei Männer wegen Betrugs und Wuchers verantworten. Zwei wurden verurteilt – doch der Betreiber des Naturfreundehauses nicht.

Haftbefehl gegen Pächter erlassen

Der 42-Jährige war einfach nicht zur Verhandlung erschienen, so dass Amtsrichterin Monika Pinski auf Antrag von Staatsanwalt Martin Lienau einen Haftbefehl erließ und den Pächter von Beamten des Polizeikommissariats Misburg in eine Haftzelle des Amtsgerichts bringen ließ. Wenige Stunden später wurde der Haftbefehl außer Vollzug gesetzt, der Misburger muss sich aber bis zu einer neu anzuberaumenden Gerichtsverhandlung täglich bei der Polizei melden.

Wie sich im Laufe der Verhandlung herausstellte, hätte nicht der Flüchtling für das 6,25 Quadratmeter kleine Zimmer zahlen müssen, sondern das Jobcenter der Region. Denn neben dem in deutscher Sprache verfassten Mietvertrag, den der Syrer überhaupt nicht verstand, unterschrieb er auch eine Abtretungserklärung. Demnach wäre das Jobcenter gehalten gewesen, dem Betreiber des Naturfreundehauses die 700 Euro Monatsmiete zu überweisen. Doch nachdem der Syrer ein paar Stunden in dem kalten Dachlukenzimmer verbracht hatte – es war ihm erst nach dem Unterschreiben der zwei Dokumente gezeigt worden –, machte er sich wieder auf den Heimweg. Der junge Mann war aus der Nähe von Rotenburg (Wümme) nach Hannover gekommen, um hier Arbeit zu finden; nach der ernüchternden Erfahrung im Naturfreundehaus kehrte er wieder zu seiner Familie zurück und erstattete wenige Tage später Anzeige.

Staatsanwalt nennt Vermittler „dreist“

Als Wohnungsvermittler hatten sich dem Flüchtling Tarek Z. (40) und sein Schwager Serdar H. (41) angeboten, die der Syrer zufällig am hannoverschen Hauptbahnhof kennengelernt hatte. Die beiden kassierten für ihre Vermittlertätigkeit je 200 Euro – die sie später trotz des Drängens ihres Opfers nicht zurückzahlen wollten. „Und ich hätte 600 Euro Miete für das Zimmer auch für angemessen gehalten“, erklärte Z., mit 19 Einträgen im Vorstrafenregister kein Neuling im Betrugsgeschäft. Schließlich seien die Mietpreise in Hannover hoch, und die Unterkunft in Misburg habe schließlich „in guter Natur“ gelegen: „Es hat den Mann ja niemand gezwungen, da zu wohnen.“ Richterin Pinski folgte dem Plädoyer von Staatsanwalt Lienau, der das Vorgehen der Vermittler als „dreist“ charakterisierte, und verurteilte Z. wegen versuchten Betrugs und Wuchers zu einer Bewährungsstrafe von sechs Monaten. Der bislang nicht vorbestrafte Serdar H. kam mit einer Geldstrafe von 80 Tagessätzen à 20 Euro davon.

Die Angeklagten hätten die Ahnungslosigkeit und die Zwangslage ihrer Opfers schamlos ausgenutzt, urteilte die Richterin: „Und Ihnen war auch völlig egal, was mit dem Flüchtling nach Zahlung der Provision passiert.“ Angemessen für ein Zimmer von gut sechs Quadratmetern wäre eine Miete um die 50 Euro gewesen, meinte Pinski; für die Wuchermiete aber hätte die öffentliche Hand aufkommen müssen. „Und ich würde gerne wissen, wie viele derartiger Unterkünfte Sie noch vermittelt haben“, lautete eine rhetorische Frage der Richterin. Das Jobcenter mochte eine Anfrage der HAZ, in welchem Umfang es Mietzahlungen für Zimmer im Naturfreundehaus übernommen hat, aus Datenschutzgründen nicht beantworten.

Von Michael Zgoll

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Das „Demokratisches Gesellschaftszentrum der Kurden in Hannover“ hat weitere Proteste in Hannover angekündigt. Am 3. Februar wird zu einer großen regionalen Demonstration gegen den Krieg in Afrin auf dem Ernst-August-Platz aufgerufen.

30.01.2018

Wenn die Stadt Hannover wie vorgesehen und politisch gewünscht ein eigenes Fahrradverleihsystem aufziehen würde, müsste sie bis zu zwei Millionen Euro investieren. Hamburg hat sich dafür entschieden.

02.02.2018

US-Rapper Eminem spielt im Juli in Hannover auf dem Messegelände. Es ist sein einziges Konzert in Deutschland. Nun sind die Ticketpreise bekannt. Die günstigste Karte kostet 75 Euro.

30.01.2018