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Hannover In den Frauenhäusern gibt es zu wenige Plätze
Nachrichten Hannover In den Frauenhäusern gibt es zu wenige Plätze
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00:49 18.04.2018
Silke Dietrich, Mitarbeiterin im Frauenhaus Hannover, berät regelmäßig Frauen, die Schutz vor ihrem gewalttätigen Ehemann suchen. Quelle: Samantha Franson
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Hannover

 365 Mal mussten die Mitarbeiterinnen im Frauenhaus Hannover vergangenes Jahr Frauen, die dringend Schutz vor gewalttätigen Ehemännern oder Lebensgefährten suchten, eine Absage erteilen. Zu den Hilfesuchenden gehörte eine etwa gleich große Anzahl Kinder. „Frauen, die bei uns anriefen, hatten kaum Chancen, einen Schutzplatz zu bekommen“, berichtet Sozialarbeiterin Silke Dietrich. Denn inzwischen dauert es oft neun bis zwölf Monate, bis eine Bewohnerin die Einrichtung wieder verlässt und in eine eigene Wohnung ziehen kann. Es gibt Ausnahmen: Manche Frauen kehren nach einigen Tagen oder Wochen zu ihrem Ehemann zurück, wenn eine Wiederannäherung möglich erscheint. Andere sind so stark bedroht, dass sie umgehend die Stadt wechseln müssen. Von den 36 Wohnplätzen im Frauenhaus wird dennoch nur zu selten einer frei.  

„Wir können unserer Aufgabe, Notfallplätze vorzuhalten, nicht mehr gerecht werden“, bilanziert Dietrich. Auch die beiden anderen Zufluchtstätten, das Frauen- und Kinderschutzhaus Hannover sowie das Frauenhaus der AWO in der Region Hannover, stoßen an ihre Grenzen. Dorit Rexhausen, Leiterin des Frauen- und Kinderschutzhauses Hannover, vergleicht die Frauenhäuser mit der Feuerwehr. „Unsere Häuser sind Kriseneinrichtungen, die im Notfall zur Verfügung stehen müssten.“ In ihrer Stimme schwingt Ärger mit. 

Die Mieten sind zu hoch

Ein Grund für die Misere ist die angespannte Lage auf dem Wohnungsmarkt. Die meisten Frauen sind nach drei bis sechs Monaten soweit stabilisiert und neu orientiert, dass sie zum Auszug bereit sind. Mitarbeiterinnen helfen in dieser Zeit bei Anwaltssuche, falls eine Scheidung ansteht, Anträgen auf Sozialleistungen oder der Anmeldung beim Wohnungsamt für eine Sozialwohnung. „Wir sind fast rund um die Uhr ansprechbar, auch damit Bewohnerinnen ihre Ängste los werden können“, erklärt Rexhausen. 

Doch dann beginnt die quälende Zeit des Wartens auf eine Wohnung. Aufs Frauenhaus angewiesen sind Frauen vor allem, wenn da kein Freundeskreis ist, keine Familie, die helfen kann oder will. Mit mehreren Kindern findet eine Frau kaum Unterschlupf bei Verwandten, wenn die selbst beengt leben. „Die meisten Bewohnerinnen bei uns haben kleine Kinder und werden auf absehbare Zeit nicht berufstätig sein“, berichtet Rexhausen. Auf dem privaten Wohnungsmarkt sind ihre Chancen gering. Vermieter ziehen zahlungskräftigere Mieter vor. Umso länger bleiben die Frauen mit ihren oft traumatisierten Kindern im Schutzhaus. Ein Beispiel zeigt die vertrackte Lage: Eine Wohnungsgesellschaft hat einer Mutter mit mehreren Kindern eine Wohnung zugesagt, doch die Sanierung verzögert sich seit einem halben Jahr. Die Familie war bereits aus dem Frauenhaus ausgezogen und ist nun gezwungen, zwischenzeitlich in einer Obdachlosenunterkunft zu leben.

Sobald die eigene Situation halbwegs geklärt ist, wollen die Frauen Abstand gewinnen, ihr Leben neu angehen, berichtet Silke Dietrich. Zumal die Wohnsituation in den Frauenhäusern beengt ist. Frauen ohne Kinder bewohnen häufig zu zweit ein Zimmer. Im Frauen- und Kinderschutzhaus gibt es Neun-Quadratmeter-Einzelzimmer mit Bett, Tisch, Schrank, Stuhl und Waschbecken. In größeren Zimmern leben Frauen mit mehreren Kindern. Sanitäreinrichtungen und Küche nutzen alle. „Der Standard liegt unter dem Niveau einer Jugendherberge. Das ist bedrückend“, sagt Dorit Rexhausen. Inzwischen gebe es aber vielversprechende Gespräche mit Stadt, Region und Land, die auf eine verbesserte Ausstattung hinauslaufen könnten.

Die Zahl der Plätze ist zu niedrig

Nicht gelöst ist damit aber das Problem der fehlenden Notfallplätze. Das Land hat deshalb angekündigt, die Frauenhäuser in Niedersachsen besser zu vernetzen. „In den ländlichen Regionen gibt es durchaus freie Plätze. Und oft ist es auch besser, wenn eine Frau außerhalb des bisherigen Wohnorts unterkommt“, sagt eine Sprecherin des Sozialministeriums. 

Die Mitarbeiterinnen der Häuser halten das nicht für ausreichend. Sie verweisen auf die sogenannte Istanbul-Konvention des Europarats zum Schutz von Frauen vor Gewalt, die seit Februar 2018 auch in der Bundesrepublik in Kraft getreten ist. Angesichts der Bevölkerungszahl in der Region Hannover wären laut den Empfehlungen rund 156 Schlafplätze notwendig. Die drei Frauenhäuser bieten bisher Platz für 96 Frauen und Kinder.

Silke Dietrich hat im Frauenhaus Hannover schon etliche Schwangere aufgenommen, deren Kinder in der Zeit des Aufenthalts zur Welt kamen. „In problematischen Beziehungen ist die Schwangerschaft eine besonders gefährliche Zeit.“ Die besondere Abhängigkeit der Frau mag den gewalttätigen Partner reizen. „Womöglich trennen sich Frauen dann auch eher, um ihr Kind zu schützen.“ Dietrich hofft darauf, in Zukunft einige Zimmer leer stehen zu haben. Damit das Frauenhaus für solche Notfälle seine Aufgabe erfüllt.

Frauenhäuser bestehen seit 40 Jahren

Die Frauenhäuser in Hannover sind vor rund 40 Jahren entstanden. Seitdem hat sich vieles zum Positiven entwickelt. Das Gewaltschutzgesetz ermöglicht es Frauen, den gewalttätigen Ehemann der Wohnung verweisen zu lassen. Sicherer erscheint es vielen Frauen dennoch, sich eine neue Wohnung zu suchen. „Die Polizei war anfangs keine große Hilfe. Heute sind die Beamten gut geschult“, berichtet Silke Dietrich vom Frauenhaus Hannover. In der Beratung begegnet die Sozialarbeiterin Frauen aus allen Gesellschaftsschichten. Die gewalttätigen Partner sind in jedem denkbaren Beruf tätig – Handwerker, Politiker, Ärzte und Anwälte. 

Die Expertinnen gehen davon aus, dass dominante Beziehungen leichter entstehen, wenn ein Partner in einer eher hilflosen Lage ist. Das Frauenhaus Hannover ist deshalb seit 2015 auch auf behinderte Frauen eingestellt. „Alles, was eine Frau unabhängig macht, das eigene Konto, Beruf und Bildung, wirkt gegen Gewalt“, betont Dietrich. 

Dorit Rexhausen vom Frauen- und Kinderschutzhaus möchte Mädchen und Frauen animieren, selbst zu arbeiten und sich nicht auf die Absicherung in einer Ehe zu verlassen. „Eine gute Ausbildung allein nützt nichts. Nach zehn Jahren kräht kein Hahn mehr danach.“

Dietrich beobachtet, dass sich die Altersspanne der Frauen ändert, die Schutz suchen: Heute gehen auch über 70-Jährige ins Frauenhaus.

Von Bärbel Hilbig

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