Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Hannover Was geschah mit Herschel Grynszpan?
Nachrichten Hannover Was geschah mit Herschel Grynszpan?
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
10:04 09.11.2018
Dieses Bild von Herschel Grynszpan entstand nach seinem Attentat 1938. Quelle: Bundesarchiv
Hannover

Fünf Schüsse fielen in der deutschen Botschaft in Paris. Fünf Schüsse, die den Legationsrat Ernst vom Rath das Leben kosteten – und einen schmächtigen jungen Mann aus Hannover auf tragische Weise zu einer Figur der Weltgeschichte machten. Der erst 17 Jahre alte Herschel Grynszpan lieferte mit seinem Attentat den Nazis einen willkommenen Vorwand für die „Reichskristallnacht“ vom 9. November 1938, die den Übergang von der behördlichen Verfolgung zur physischen Gewalt gegen Juden markiert.

Grynszpan war in der Burgstraße aufgewachsen; an der Stelle seines Geburtshauses steht heute das Historische Museum. Seine Eltern stammten aus Polen, doch Herschel und seine Schwester Esther redeten sich mit den deutschen Namen Hermann und Bertha an. Grynszpan hielt sich gerade in Paris auf, als die Nazis mehr als 12 000 polnische Juden nach Polen abschoben. Darunter waren auch 484 Menschen aus Hannover. Unter unmenschlichen Bedingungen vegetierten auch Herschels Eltern in einem Grenzort dahin. Ihr Schicksal veranlasste den 17-Jährigen zu seiner Verzweiflungstat. Danach ließ er sich widerstandslos festnehmen. Später kam er ins KZ Sachsenhausen. Dort verliert sich seine Spur; Forscher gehen meist davon aus, dass er von den Nazis ermordet wurde.

Zeigt dieses Bild Herschel Grynszpan? Das Foto entstand nach dem Krieg in Bamberg.                                          Quelle: Jüdisches Museum Wien / Archiv

Foto gibt Rätsel auf

„Herschel Grynszpan hat den Holocaust überlebt“, sagt hingegen der Berliner Historiker Armin Fuhrer. Seit Jahren erforscht der Autor der Biografie „Herschel“ (Berlin Story Verlag, 368 Seiten, 19,80 Euro) den Kriminalfall. Der 55-Jährige hat den Grynszpan-Komplex bis in kleinste Verästelungen durchdrungen – und er ist sich sicher, den Attentäter auf einem Foto identifiziert zu haben, das am 3. Juli 1946 in Bamberg entstand.

Aufgetaucht ist das Bild vor zwei Jahren im Archiv des Jüdischen Museums in Wien. „Ich habe Grynszpan sofort erkannt“, sagt Archivleiterin Christa Prokisch. Aufgenommen wurde das Foto in einem Lager, in dem entwurzelte Ausländer untergebracht waren, sogenannte Displaced Persons. Es entstand dort bei einer Demonstration von Juden gegen die britische Regierung, die Holocaust-Überlebende nicht nach Palästina einreisen ließ. Ein Abgleich biometrischer Daten mit einer Gesichtserkennungs-Software habe eine Übereinstimmung von 95 Prozent ergeben, sagt Fuhrer: „Ich habe keine Zweifel, dass der Mann auf dem Foto Grynszpan ist.“

Dass dieser deutlich fülliger aussieht als Grynszpan bei seiner Verhaftung, spreche nicht dagegen. Im KZ Sachsenhausen war der Gefangene im „Prominentenblock“ untergebracht; seine Haare wurden nicht geschoren, angeblich durfte er sogar ein Musikinstrument spielen, und vermutlich bekam er satt zu Essen. Nach dem „Endsieg“ wollten die Nazis der Welt bei einem Schauprozess einen anständig behandelten Gefangenen vorführen.

Lebte er in Paris?

In deutschen Akten wird Grynszpan zuletzt im September 1942 erwähnt. Kurz danach kam es in Sachsenhausen zu einer Mordaktion, bei der zahlreiche Häftlinge getötet worden. „Ich halte es aber für unwahrscheinlich, dass er darunter war“, sagt Fuhrer. Hitler hatte noch im Mai verfügt, den Schauprozess zu vertagen, Goebbels wollte regelmäßig einen Bericht über den prominenten Häftling erhalten.

Ein Häftling erklärte später, er habe Grynszpan in den letzten Kriegstagen im Polizeigefängnis in Magdeburg gesehen, das kurz darauf von den Amerikanern befreit wurde. Seit den Fünfzigerjahren gab es immer wieder Gerüchte, dass er überlebt habe. Mal sollte er unter anderem Namen eine Tankstelle bei Paris betreiben, mal als Hauptmann in der israelischen Armee Dienst tun oder als Handelsreisender zwischen Hamburg und Paris pendeln.

Der Historiker Helmut Heiber veröffentlichte 1957 einen Aufsatz in den renommierten „Vierteljahresheften für Zeitgeschichte“, in dem er schrieb, Grynszpan lebe unter falscher Identität in Frankreich. Er blieb jedoch Beweise schuldig und nahm seine Aussage später zurück.

Viele Verschwörungstheorien

Wenige Jahre darauf brachte die Familie des getöteten Ernst vom Rath in Bayern einen Journalisten namens Michael Graf Soltikow vor Gericht, weil dieser behauptet hatte, das Attentat sei in Wirklichkeit eine Beziehungstat unter Homosexuellen gewesen. Soltikow erklärte 1960 im Prozess, Grynszpan lebe noch, nenne sich inzwischen Otto Schneider und sei bereit auszusagen, wenn die Staatsanwaltschaft ihm freies Geleit zusichern würde – wozu es natürlich nicht kam. „Vielleicht eine vergebene Chance, sein Schicksal zu klären“, sagt Fuhrer.

Der Historiker weiß, dass im Fall Grynszpan die Grenze der Geschichtsschreibung zur Verschwörungstheorie besonders durchlässig ist. Sicher ist, dass Grynszpans Eltern ihren Sohn 1960 vom Amtsgericht Hannover für tot erklären ließen, was auch eine Voraussetzung für Entschädigungszahlungen war. Sicher ist aber auch, dass Grynszpan allen Grund gehabt hätte abzutauchen: Er musste eine Mordanklage fürchten, und auch in den jüdischen Gemeinden brachten ihn viele vor allem mit der Pogromnacht in Verbindung.

Im Staatsarchiv München hat Fuhrer einen 1960 verfassten Brief entdeckt, unterzeichnet von „Herschel Feibel Grynszpan“, in dem der Verfasser behauptet, unter falschem Namen in Frankreich zu leben. „Die Handschrift ist aber nicht die von Grynszpan, es handelt sich wohl um eine Fälschung“, sagt der Historiker. Viele Spuren in diesem Fall verlaufen im Sande, vieles bleibt ominös. Auch das Foto aus Bamberg liefert keine letzte Gewissheit.

Akribisch hat Fuhrer Listen aus jenem Lager, in dem das Bild 1946 entstand, nach Männern im passenden Alter durchforstet. Ohne greifbaren Erfolg. „Was danach aus Grynszpan wurde, ist noch immer die große Frage“, sagt die Wiener Archivleiterin Prokisch, „das wäre Stoff für ein internationales Forschungsprojekt.“ Auch nach 80 Jahren ist am Fall Grynszpan vieles rätselhaft. „Ich fürchte“, sagt Fuhrer, „das wird auch so bleiben.“

Von Simon Benne

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Für das Konzert der Band Rammstein in Hannover gab es bereits kurz nach dem Start des Vorverkaufs keine Tickets mehr. Fans, die auf eine Zusatzshow gehofft haben, müssen die Veranstalter jedoch enttäuschen: Ein zusätzliches Konzert in der HDI-Arena wird es nicht geben.

09.11.2018

Nach dem internen Gutachten über Organisationmängel im Bauamt verlangt die CDU Akteneinsicht. Derweil hat Stadtbaurat Uwe Bodemann die Konsequenzen aus dem Gutachten vorgestellt.

12.11.2018

Stahl und Schweiß, Muskeln und Mut: Der Zirkus „Flic Flac bietet“ mit seiner zweistündigen Show „Farblos“ unkonventionelle und oft draufgängerische Action-Artistik.

11.11.2018