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Hannover Warum beißt ein Hund Menschen tot?
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12:28 12.04.2018
Staffordshire-Terrier sind nicht gefährlicher als andere Rassen, meinen Hundeexperten. Quelle: picture-alliance/ dpa
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Hannover

  Die tödliche Beißattacke eines Staffordshire-Terriers gegen eine 52-jährige Frau und ihren 27 Jahre alten Sohn macht Hundeexperten fassungslos. „Eine solche Verhaltensstörung beim Hund ist äußerst selten“, sagt Dunia Thiesen-Moussa, Ärztin an der Tierärztlichen Hochschule Hannover (TiHo). Eine Ferndiagnose des Falles in Groß-Buchholz sei kaum möglich. Allgemein lasse sich aber sagen, dass Hunden durchaus ein extrem aggressives Verhaltens antrainiert werden könne. „Staffordshire-Terrier gehören womöglich zu einer Rasse, bei der sich Menschen so etwas vornehmen“, sagt Thiesen-Moussa. Grundsätzlich aber gelte: Keine Hunderasse ist gefährlicher als andere, das hätten Studien bewiesen. Klar sei aber auch, dass die Beißkraft eines Staffordshire größer ist als die eines Dackels.

Auch Hundetrainer sind überzeugt, dass kein Tier mit erhöhter Aggressivität zur Welt kommt. „Aber es ist durchaus möglich, Hunde so abzurichten, dass sie zu tödlichen Maschinen werden“, sagt Sven Spitzner, Hundetrainer in Langenhagen. Dass immer wieder Rassen wie der Staffordshire-Terrier in Verrruf geraten, sei sehr schade. „Das sind eigentlich tolle Hunde“, sagt er. Auch Hundetrainierin Ilka Schumacher ist entsetzt über den Vorfall in Groß-Buchholz. „In meiner langjährigen Arbeit habe ich noch keine  Hunde erlebt, die Menschen derart attackiert haben“, sagt sie. Eine Einschätzung des Falles sei von Ferne unmöglich. „Wenn Hunde sehr aversive Strafen erleiden, kann es irgendwann zu einer aggressiven Gegenwehr kommen. Hinzu kommen möglicherweise gesundheitliche Störungen bei den Tieren", sagt Schumacher. Das heißt mit anderen Worten: Hunde, die bei jedem Fehlverhalten körperlich gezüchtigt werden, können irgendwann ausrasten.

Ärztin Thiesen-Moussa ist an der TiHo unter anderem für die sogenannten Wesenstests zuständig. Die werden immer dann nötig, wenn Hunde angezeigt werden, etwa weil sie Menschen oder andere Tiere gebissen haben. Grob gesagt lässt sich durch den Test herausfinden, ob ein Tier eine gestörte Aggressivität aufweist. Ein Indiz dafür ist, dass ein Hund ohne vorherige Drohgebärden sofort zubeißt. 60 bis 80 Wesenstest führt Thiesen-Moussa pro Jahr an der TiHo durch, weniger als 10 Tiere fielen durch, sagt sie. 

Besteht ein Hund den Test nicht, darf der Halter sein Tier in der Regel nicht mehr behalten. „Manchmal entscheidet ein Veterinäramt, dass der Hund unter Auflagen beim Halter bleiben darf“, sagt die Tierärztin. Manche Hunde werden dann zur Therapie geschickt oder müssen einen Maulkorb tragen. Ob ein Tier, das zwei Menschen totgebissen hat, umerzogen werden kann, bezweifelt Thiesen-Moussa. „Ich halte einen solchen Hund nicht für therapiefähig“, sagt sie.

Die Zahlen in Niedersachsen

 In Niedersachsen werden nach Angaben des Agrarministeriums weniger als 1 Prozent aller gemeldeten Hunde als gefährlich eingestuft. Im Melderegister sind 348.504 Hunde erfasst, davon gelten 460 Tiere (rund 0,1 Prozent) als gefährlich, sagte eine Ministeriumssprecherin am Mittwoch.

  Für die Haltung solcher Hunde werden bestimmte Auflagen gemacht, etwa permanenter Leinenzwang, das Tragen eines Maulkorbes oder die Vorschrift, dass die Tiere nur in umgrenzten Arealen gehalten werden dürfen. 

 52.288 Hundehalter haben bisher in Niedersachsen eine Sachkundeprüfung abgelegt, den sogenannten Hundeführerschein. Die Prüfung ist für Hundebesitzer vorgeschrieben, die sich zum ersten Mal einen Hund anschaffen. Die Durchfallquote bei dieser Prüfung betrug bisher rund sechs Prozent. 

Ein Großteil der Beißvorfälle ereignet sich nach Angaben des Ministeriums innerhalb von Familien und wird deshalb nur ganz selten zur Anzeige gebracht. Unter den als gefährlich eingestuften Hunden bilden Mischlinge den Großteil. 

Bei auffälligen Hunden können nach dem niedersächsischen Hundegesetz Auflagen gemacht werden. Die erste Sanktionsmöglichkeit bestehe in einem permanenten Leinenzwang, die zweite im Leinenzwang sowie dem Anlegen eines Maulkorbes. Darüber hinaus gebe es Hunde, die auschließlich auf einem befriedeten und begrenzten Grundstück herumlaufen dürften. Wenn ein Hund auffällig werde, gehe in der Regel die zuständige Veterinärbehörde auf den Halter zu und bespreche mit ihm mögliche Maßnahmen, erläuterte ein Regierungsprecher am Mittwoch.

Niedersachsens Landwirtschaftsministerin Barbara Otte-Kinast zeigte sich „tief betroffen“ nach dem Unglück. Zunächst müsse man aber die Ergebnisse der Untersuchungen abwarten, teilte die CDU-Politikerin mit. Sie erinnerte daran, dass das niedersächsische Hundegesetz (NHundG) seit 2011 zur Verhinderung von Beißvorfällen unter anderem auf die Sachkunde des Hundehalters abzielt. „Damit setzen wir auf die Schulung des Halters und verzichten auf pauschale Rasselisten“, erklärte Otte-Kinast. Eine Einstufung eines Hundes per se als aggressiv oder gefährlich, die an die Zugehörigkeit zu einer Hunderasse anknüpfe,  sei wissenschaftlich nicht zu begründen. Bereits seit 2003 wird in Niedersachsen die potentielle Gefährlichkeit eines Hundes nicht mehr an die Rasse gekoppelt.

Die CDU im Landtag sieht keinen Anlass, Gesetze zu verändern. „Der Hundeführerschein hat sich bewährt“, sagt CDU-Fraktionschef Dirk Toepffer. Jedoch sei womöglich mehr Kontrolle nötig. „Hier sind auch die kommunalen Ordnungskräfte gefragt“, sagt Toepffer. Die Stadt Hannover baut derzeit einen Ordnungsdienst auf, der durch Hannover patrouilliert und unter anderem auf Hundehalter achten soll, die ihre Tiere nicht angeleint haben.

Auch die SPD mahnt zur Vorsicht. „Wir müssen den Fall genau analysieren“, sagt Karin Logemann, agrarpolitische Sprecherin der SPD-Landtagsfraktion. Fraglich sei, ob eine Verschärfung des Hundegesetzes solch gravierende Attacken verhindert. „Wenn man mit einer Rasse, die ein hohes Aggressionspotenzial besitzt, entsprechend umgeht, bekommt man eine Kampfmaschine“, meint Logemann. Grundsätzlich werde kein Hund bösartig geboren. 

Die Grünen behalten sich vor, Konsequenzen aus der tödlichen Beißattacke zu ziehen. „Wir müssen uns zunächst über die Hintergründe informieren“, sagt Belit Onay, innenpolitischer Sprecher der Grünen-Landtagsfraktion. Möglicherweise müsse man noch einmal über das Thema Rasselisten diskutieren.

Für Bezirksbürgermeister Henning Hofmann (SPD) ist der Vorgang unfassbar. „Meine Gedanken sind bei der hinterbliebenen Tochter“, sagt Hofmann. Er betont, dass das Quartier rund um die Wohnung in Groß Buchholz nicht zu den sozialen Brennpunkten zähle, auch wenn dort viele Menschen lebten, die auf staatliche Unterstützung angewiesen seien. „Der Begriff ,Roderbronx’ statt Roderbruch ist nicht mehr angemessen“, sagt Hofmann. 

Von Andreas Schinkelund Michael Berger

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