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Hannover Dieser Hannoveraner ist seiner Firma seit 70 Jahren treu
Nachrichten Hannover Dieser Hannoveraner ist seiner Firma seit 70 Jahren treu
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00:19 27.06.2018
„Man muss die Firma mögen“: Jürgen Dittmer im Pelikan-Archiv. Quelle: Michael Thomas
Hannover

Jeden Dienstag zieht er die Haustür hinter sich zu, setzt sich ins Auto und fährt zur Arbeit. Als er bei Pelikan anfing, pendelte er noch mit dem Zug aus Wunstorf nach Hannover: „Die Abteile waren voller Städter, die auf Hamsterfahrt waren“, sagt Jürgen Dittmer. „Vom Bahnhof fuhr ich dann mit dem Rad zwischen den Kriegsruinen hindurch ins Werk.“ Seinen ersten Arbeitsvertrag bei Pelikan unterschrieb er als Abiturient am 14. Juni 1948; Ende des Monats fing er dann in der Füllhalterfabrikation an. In diesen Tagen feiert der 89-Jährige sein 70-jähriges Firmenjubiläum.

„Man musste damals Arbeit haben, um eine Lebensmittelkarte zu bekommen“, sagt er. „Das Werk zahlte als Exportprämie schon mal Kaffee oder Schmalz an uns aus.“ Dittmer machte eine kaufmännische Lehre bei Pelikan, später arbeitete er in der Werbeabteilung, im Außendienst und als Prokurist bei der Pelikan-Tochter Greif. Als er 1993 offiziell in Ruhestand ging, bat man ihn, das Firmenarchiv zu ordnen. „Ich sehe mich schon mit grauem Kittel und Staubschutzmaske die Schubladen aufziehen“, sagte er damals in seiner Abschiedsrede. Und jetzt, 25 Jahre später, steht er im grauen Kittel da zwischen seinen Schubladenschränken.

„Das Gedächtnis unseres Hauses“

Dittmer ist Archivar, mit einem Vertrag über 50 Arbeitstage im Jahr. Aber eigentlich ist er ein Schatzhüter und Geschichtenerzähler. Historische Werbeplakate und „Pelikano“-Füller verwahrt er in seinem Reich, uralte „4001“-Tintenflaschen und Deckfarbkästen aus den Dreißigern. Auch sein eigener Gewerkschaftsausweis von 1948 ist längst Teil des Archivs. „Herr Dittmer ist das Gedächtnis unseres Hauses“, sagt Frauke Wandrey vom Pelikan-Vorstand respektvoll.

Die Welt hat sich verändert seit 1948: Adenauer, Kohl und Schröder kamen und gingen, ebenso wie Wirtschaftswunder und Beatmusik, Vinyl-Schallplatten, D-Mark und Nadeldrucker.

Nur Jürgen Dittmer blieb.

Der alte Herr kann sehr kurzweilig über Tintensichtkontrollfenster und über die Kleckssicherheit alter Füllfederhalter sprechen – und über Kugelschreiber, die laut Werbung in den Sechzigern einen „ringbördelzentrierten Kugelsitz mit Doppelnutschmierung“ hatten: „Wir hatten immer gute Sprüche drauf“, sagt er und lacht.

Dittmer sagt oft „wir“, wenn er über Pelikan spricht. Seine Frau lernte er 1953 im Auslieferungslager kennen. Er hatte einen Knopf verloren, sie nähte ihn wieder an. Über Pelikan spricht er wie von seiner Familie. Fragt man ihn, wie man es so lange bei einer Firma aushält, sagt er nur: „Man muss sie mögen.“

Viel hat sich verändert

Dabei ist er Pelikan treuer geblieben als Pelikan sich selbst. „Wir waren mal ein patriarchalisch geführtes Familienunternehmen“, sagt Dittmer. Zur bestandenen Kaufmannsgehilfenprüfung überreichte ihm Seniorchef Günther Beindorff noch höchstselbst das Buch „Goethe für Kaufleute“.

Das ist lange her. Die Produktion von Schreibgeräten wurde schon 1973 nach Vöhrum ausgelagert. Später gab es Krisen und Entlassungen. Inzwischen gehört Pelikan größtenteils einem malaysischen Multimillionär namens Hooi Keat Loo. Die Firma, bei der Dittmer heute ist, ist nicht mehr die Firma, bei der er 1948 anfing. Und doch ist sie Teil seines Lebens.

Viele Menschen empfinden Arbeit als etwas Lästiges, das sich zwischen sie selbst und ihr eigentliches Leben schiebt. Bei ihm ist das anders. „Arbeiten? Tue ich nicht!“, sagt er und holt tief Luft. „Ein oller Chinese hat mal gesagt: ,Wer liebt, was er tut, braucht nie zu arbeiten.’“. Dittmer überlegt kurz. „So gesehen habe ich eigentlich in meinem ganzen Leben nicht viel gearbeitet“, sagt er dann. Vielleicht liegt es daran, dass er meist eigenverantwortlich tätig war: „Am besten lief es immer, wenn ich einen Vorgesetzten hatte, der mir freie Hand ließ.“

Mit 90 will er aufhören

Als Archivar ordnet er nun alte Unterlagen, er digitalisiert Stück für Stück historische Fotos, schickt Museen Leihgaben für Ausstellungen und führt gelegentlich Besuchergruppen übers Pelikan-Gelände: Seit dem vergangenen Jahr residiert das Unternehmen wieder im Tintenturm auf dem angestammten Firmenareal, wo Dittmer vor 70 Jahren seine Karriere begann. Unlängst wandte sich eine Filmfirma an ihn. Um eine Szene zu drehen, in der NS-Widerständler Flugblätter drucken, brauchten sie einen alten Vervielfältiger. „Ich habe ihnen unseren Rotafix-Schablonendrucker gegeben und die Schauspieler gleich mit eingewiesen“, sagt er.

Aus seiner eigenen Personalakte zieht er ein uraltes Schreiben. „D. machte immer einen guten Eindruck“, heißt es darin. Auf den Briefköpfen der Personalabteilung steht „Fernruf 66001“ neben der Telegramm-Anschrift. Dittmer legt das Schreiben fort: „Im nächsten Februar werde ich 90, dann höre ich wohl auf“, sagt er unsentimental. Er werde dann mehr Zeit für Frau, Kinder, Enkel und den ersten Urenkel haben. Seine Passion, das Reiten, hat er schon im vergangenen Jahr aufgegeben. Fürs Archiv gebe es jetzt nämlich einen guten Nachfolger. Einen Mitarbeiter, der demnächst in Pension geht. „Ich finde“, sagt Dittmer, „das ist ein guter Zeitpunkt, um anzufangen.“

Immer mehr Alte arbeiten

Die Zahl der Senioren, die noch arbeiten, wächst: Mittlerweile 11,4 Prozent der Menschen zwischen 65 und 74 Jahren in Deutschland einer bezahlten Tätigkeit nach. Im Jahr 2002 waren es nur 4,2 Prozent. Nach Angaben des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung in Wiesbaden liegt die Erwerbstätigenquote in dieser Altersgruppe bei Männern bei 14,8 Prozent und bei Frauen bei 8,3 Prozent. Viele Betroffene schätzen es, eine Aufgabe zu haben, sie finden Erfüllung in der Arbeit und pflegen im Beruf soziale Kontakte. Ein entscheidender Grund für die Entwicklung liegt allerdings auch in den Rentenreformen – und in vielen Fällen steckt dahinter blanke Not, denn zahlreiche Rentner sehen sich von Altersarmut bedroht. be

Von Simon Benne

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