Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Hannover Nun droht ein juristisches Tauziehen
Nachrichten Hannover Nun droht ein juristisches Tauziehen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:19 11.10.2018
So soll es aussehen: Ein Detail des von Markus Lüpertz konzipierten Fensterentwurfs für die Marktkirche. Quelle: Lüpertz Hannover
Hannover

Jetzt schlägt die Stunde der Juristen. Voraussichtlich müssen die Gerichte entscheiden, ob der Kirchenvorstand ein Buntglasfenster des Künstlers Markus Lüpertz in der Marktkirche installieren darf. Georg Bissen, der Stiefsohn des 1994 verstorbenen Nachkriegsarchitekten Dieter Oesterlen, hatte sein Veto dagegen eingelegt. Die nun drohende juristische Auseinandersetzung könnte kniffelig und langwierig werden.

Rechtsanwalt Bissen beruft sich darauf, das bis 2064 geltende Urheberrecht am Oesterlen-Bau geerbt zu haben. Dieses Recht gilt nicht für jedes Gebäude. Die meisten Ein- oder Mehrfamilienhäuser könnten von ihren Besitzern ohne Zustimmung des Architekten umgebaut werden, sagt Martin Leuschner, Jurist bei der Architektenkammer: „Laut Bundesgerichtshof muss ein Bauwerk eine gewisse ,Schöpfungshöhe’ haben, um urheberrechtlich geschützt zu sein.“

Im Fall der Marktkirche sei eine solche Schöpfungshöhe mit hoher Wahrscheinlichkeit gegeben. „Es ist allerdings fraglich, ob der Urheberrechtsschutz sich auch auf das fragliche Fenster erstreckt“, sagt Leuschner. Voraussichtlich würden Richter dies durch Gutachter prüfen lassen. Wie weit Urheberrechtsinhaber bei Umbauten mitsprechen dürfen, hängt sehr vom Einzelfall ab.

„Ein Gebäude muss dienen“

In ähnlichen Fällen hatten Eigentümer vorsorglich alles getan, um sich mit Oesterlens Erben gütlich zu einigen. Als die Laatzener Thomasgemeinde vor einigen Jahren ihre 1976 errichtete Kirche umbaute, erteilte Eva-Maria Oesterlen, die inzwischen verstorbene Witwe des Architekten, den Plänen nach langen Verhandlungen ihren Segen: „Die Funktion hat sich geändert, und ein Gebäude muss dienen“, sagt sie damals.

Bei der Neugestaltung des Orgelprospektes in Laatzen setzte Bissen dann vor gut zwei Jahren seine Vorstellungen weitgehend durch, und auch bei der Anbringung eines Turmkreuzes sprach sich die Gemeinde mit Bissen ab: „Man kann mit ihm durchaus Kompromisse finden“, sagt Magdalena Hentschel vom Kirchenvorstand.

In Langenhagen spricht Bissen derzeit beim geplanten Anbau des ebenfalls von Oesterlen konzipierten Rathauses ein Wörtchen mit. „Wir stehen immer wieder in Kontakt“, sagt Baudezernent Carsten Hettwer diplomatisch. Sogar bein Einbau einer Notausgangstür des Ratssaals habe man Bissens Zustimmung eingeholt. Anders als im Fall der Marktkirche hat sich Oesterlen beim Langenhagener Rathaus vertraglich sogar ein für 100 Jahre geltendes Mitspracherecht für sich und seine Erben festschreiben lassen. „Einen Abriss könnten sie nicht verhindern, bauliche Veränderungen hingegen schon“, sagt Hettwer.

Vor neun Jahren hatten Oesterlens Erben in einem anderen Fensterstreit schon einmal das Nachsehen: Im historischen Teil des Landtagsgebäudes wurden damals Sprossenfenster eingesetzt – obwohl Oesterlen selbst sich noch zu Lebnzeiten Ende der Achtziger vehement gegen solche Fenster eingesetzt hatte. Die Entscheidung sei „nach intensiver Entscheidungsfindung mit dem Denkmalschutz“ gefallen, erklärte Landtagssprecher Franz Rainer Enste damals.

Dass der Marktkirchenvorstand nach Bissens Veto nun auf das von Markus Lüpertz konzipierte Fenster verzichtet, gilt als unwahrscheinlich. „Der Entwurf ist theologisch spannend“, sagt Stadtsuperintendent Hans-Martin Heinemann. Voraussichtlich in der kommenden Woche werde der Kirchenvorstand entscheiden, ob er auf eine Feststellungsklage setzt, um sich sein Recht auf den Einbau des Fensters bestätigen zu lassen – oder ob er diesen kurzerhand beschließt und seinerseits auf eine Klage Bissens wartet.

In diesem Fall wäre es allerdings auch denkbar, dass ein Gericht später verfügt, das bereits installierte Fenster wieder auszubauen. „Wir werden diese Fragen jetzt mit einem größeren Kreis von Juristen erörtern“, sagt der Kirchenvorstandsvorsitzende Reinhard Scheibe: „Und dann kommt es auch darauf an, wie mutig der Kirchenvorstand ist.“

Das war Dieter Oesterlen

Kaum ein Architekt hat das Hannover der Nachkriegszeit so geprägt wie Dieter Oesterlen (1911-1994). Er baute Opernhaus, Leineschloss und Marktkirche wieder auf und schuf Gebäude wie das Historische Museum. Dabei verstand er es, historische und neue Formen zu verbinden. Der Kunst solcher Brückenschläge entspräche auch der Einbau des zeitgenössischen Lüpertz-Fensters in der Marktkirche, sagen dessen Verfechter: „Die Fenster gotischer Kirchräume sind meist sukzessive über Jahrhunderte entstanden“, sagt Reinhard Spieler, Direktor des Sprengel Museums. Daher sei es legitim, ein einzelnes Fenster jetzt anders zu gestalten als Oesterlen beim Wiederaufbau.

Von Simon Benne

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!
Hannover Opfer ist nicht auffindbar - Vergewaltigungsprozess vorerst geplatzt

Der Prozess gegen einen 31-jährigen Angeklagten aus der Nordstadt ist vorerst geplatzt. Ihm wird Vergewaltigung vorgeworfen. Doch das Opfer ist zu Prozessbeginn nicht auffindbar.

11.10.2018

Mit Posaunen und Trompeten in der Schule: Der Posaunenchor St. Johannis sucht Nachwuchs und stellte sich in der Pestallozi-Schule vor. Zudem veranstaltete er einen „Schnuppertag“ im Gemeindesaal der Gemeinde.

18.10.2018
Hannover Die tägliche Hannover-Glosse - „Lüttje Lage“: Mit den Welfen heulen

So lustig kann das Leben in Hannover sein: In der täglichen Kult-Glosse „Lüttje Lage“ erzählen HAZ-Autoren von den skurrilen, absurden und bemerkenswerten Erlebnissen des Alltags. Heute: Mit den Welfen heulen

08.10.2018