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Hannover Kindesentzug: Tunesischer Vater bleibt im Gefängnis
Nachrichten Hannover Kindesentzug: Tunesischer Vater bleibt im Gefängnis
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00:30 22.04.2018
Kais B. (Mitte) wird seit Jahren von Anwalt Michael Hahne (r.) verteidigt. Quelle: Rainer Dröse
Hannover

 Der Tunesier Kais B. bleibt  im Gefängnis. Das Amtsgericht hat den 40-jährigen Vater von zwei aus Hannover stammenden Mädchen am Donnerstag zu einer neuen Haftstrafe von elf Monaten verurteilt. Erst im März hatte B. zwei Jahre abgesessen, die ihm das Landgericht Hannover im März 2017 per Berufungsurteil auferlegt hatte. Eine weitere Verurteilung war vor vier Monaten wegen Verfahrungsfehlern aufgehoben worden. Amtsrichterin Monika Pinski warf dem Vater vor, dass es ihm nach wie vor darum gehe, seiner 38-jährigen Exfrau die Kinder vorzuenthalten und sich an ihr rächen zu wollen. Die Ärztin hatte das Sorgerecht für die neun und elf Jahre alten Mädchen sowohl von deutschen wie von tunesischen Familiengerichten zugesprochen bekommen.

Anwalt plädiert auf Freispruch

Verteidiger Michael Hahne plädierte auf Freispruch. Sein Mandant, den die Haft zermürbt habe, dürfe für das gleiche Delikt nicht doppelt und permanent bestraft werden, dies sei ein Verstoß gegen das Übermaßverbot. Kais B. habe keinen neuen Tatentschluss zu einer Kindesentziehung gefasst und sei unter bestimmten Bedingungen bereit, die Mädchen freizugeben; allerdings schiebe nun der Großvater der Rückreise einen Riegel vor. Sein Mandant sei früher immer ein guter Familienvater gewesen, habe in Hannover in der Gastronomie gearbeitet und sich nie etwas zuschulden kommen lassen. Hahne verwies auf ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts aus 2006; seiner Einschätzung nach verstößt die Verhängung von zwei Freiheitsstrafen – bei einem Strafrahmen bis höchstens fünf Jahre – gegen das Verhältnismäßigkeitsprinzip und sei eine Art „Beugehaft“.

Richterin Pinski dagegen schloss sich Staatsanwalt Ralf Bettermann an, dass die Rechtslage klar sei und sich B. den Sorgerechts-Beschlüssen zu beugen habe. Sie machte darauf aufmerksam, dass die Entziehung Minderjähriger sogar mit bis zu zehn Jahren Haft geahndet werden kann, wenn eine solche Tat zu einer „erheblichen Schädigung der körperlichen oder seelischen Entwicklung“ des Kindes führt. Das könnte bedeuten, dass der 40-Jährige noch bis zu acht Jahre im Gefängnis verbringen müsste, sollte er die Mädchen nicht freigeben. Volljährig sein wird die Jüngere erst in achteinhalb Jahren, dann könnte sie eh eigenständig  entscheiden, wo sie leben möchte.

Vater seit zwei Jahren in Haft

Die Kinder leben seit Sommer 2015 in der Stadt Kasserine, die knapp 90.000 Einwohner hat und etwa 300 Kilometer südwestlich von Tunis liegt. Eigentlich sollten sie dort – mit Einwilligung der Mutter – nur ein halbes Jahr verbringen, um die Heimat ihres Vaters kennenzulernen. Doch weil es damals schon heftig kriselte in der Ehe des Elternpaars, ließ B. die Mädchen nicht mehr nach Deutschland zurückreisen. Anfang 2016 kam der Tunesier nach Hannover, um seine Position in dem Sorgerechtsstreit zu vertreten – und wurde im März verhaftet. Seither sitzt er ununterbrochen im Gefängnis, nach Angaben seines Verteidigers in „Isolationshaft“. Allerdings hatte B. Ende 2016 auch Nachrichten an seine Familie aus dem Gefängnis geschmuggelt, dass diese die Mädchen niemals herausgeben solle. 

Wie die Mutter dem Gericht am Donnerstag erklärte, besuche sie ihre Kinder derzeit einmal pro Monat für jeweils eine Woche. Diese lebten grundsätzlich bei Onkel und Tante; da diese berufstätig seien, hielten sich die Mädchen aber oft bei ihren Großeltern auf. Die Ärztin bestätigte die Angaben des von ihr im Vorjahr geschiedenen B., dass die  Kinder auf ihre Fragen hin tatsächlich erklären würden, weiter in die tunesische Grundschule gehen zu wollen; dort sollen sie zu den Klassenbesten zählen. Doch gleichzeitig hätten sie ihr mehrfach gesagt: „Wir wollen wieder zu Mama und Papa.“ Ihre Kinder trügen schmutzige Sachen und sähen dünn und blass aus. Doch das konnte die Richterin aus den Fotos, die ihr vorgelegt wurden, nicht herauslesen: „Auf den ersten Blick kann ich nicht erkennen, dass die Mädchen verwahrlost oder traumatisiert aussehen.“

Die Hoffnung trog

Anfang dieses Jahres hatte es den Anschein, als wenn sich B. einen Ruck geben und der Ausreise seiner Kinder zustimmen würde. Doch dann hatte sein Bruder, der die Mädchen zurückholen sollte, in Hannover einen schweren Unfall. Und klare Anweisungen an die Verwandten in Tunesien, den Behörden oder der Mutter die Kinder ohne Bedingungen zu übergeben, gibt es offenbar immer noch nicht. „Sie meinen nach wie vor, dass es ihre Kinder in Tunesien besser haben als in Deutschland“, sagte Pinski in Richtung des Angeklagten. Doch das spiele bei der eindeutigen Rechtslage keine Rolle – und deshalb sei Kais B. erneut zu verurteilen. 

Von Michael Zgoll

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