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Hannover Mit dieser App kann man Essensreste günstig kaufen
Nachrichten Hannover Mit dieser App kann man Essensreste günstig kaufen
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00:17 26.01.2018
 Auch kurz vor Geschäftsschluss sind die Auslagen der Bäckerei Borchers oft noch gut bestückt: Chefin Marion Borchers mit Kundin Tanja Jenisch. Quelle: Tim Schaarschmidt
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Hannover

 Brötchen mit Mohn und mit Kürbiskern, Laugenstangen, Obstkuchen und Quarkteilchen: Die Auslage der Bäckerei Borchers ist auch kurz vor Ladenschluss noch üppig bestückt. Die Kunden sind es gewohnt, selbst zu dieser Uhrzeit ein breites Angebot für jeden Geschmack vorzufinden. „Viele Kunden kommen erst abends. Wir können deshalb nicht so knapp kalkulieren, dass nur fünf Brötchen und zwei Brote übrig bleiben“, sagt Marion Borchers, die den Betrieb gemeinsam mit ihrem Mann Klaus führt. Das Problem: Jeden Tag bleiben deshalb einwandfreie Lebensmittel übrig und wandern in den Müll. Eine enorme Essensverschwendung. 

Seit einiger Zeit ist dieses Problem etwas kleiner geworden. Die Bäckerei bietet wie einige andere Betriebe in Hannover Reste-Essen über eine Handy-App zum halben Preis an. Buchen und Bezahlen läuft elektronisch. Ein kurzer Blick auf das Smartphone und Nutzerin Tanja Jenisch sieht, welche Läden heute voraussichtlich Lebensmittel übrig haben werden. Und, ganz entscheidend, in welchem Zeitraum potentielle Käufer eine Portion abholen können. Denn die Sparfüchse unter den Kunden müssen flexibel sein: Restaurants und Cafés bieten ihre Reste vom warmen Buffet meist abends gegen 22 Uhr an, wenn kein regulärer Gast mehr zu erwarten ist. Backware ist dagegen oft ab 17.30 Uhr im Angebot. 

Für Tanja Jenisch kam das bisher nicht infrage. Dafür holt sich die Sonderpädagogin jede Woche bei Borchers für 2,80 Euro eine große Tüte mit Brötchen und Kuchen ab. Ein Luxus, den sich die 29-Jährige sonst nicht leisten würde. Die Backwaren seien von guter Qualität, lobt die junge Frau. Manches friert sie zunächst ein. „Es ist ein gutes Gefühl, Lebensmittel mitzunehmen, die sonst in der Tonne landen würden.“ 

In Hannover melden inzwischen 28 Geschäfte bei der App Too-good-to-go überschüssiges Essen, wobei allein die Bäckerei Borchers mit sechs Läden vertreten ist sowie Nordsee mit vier Filialen. Überhaupt machen vor allem Bäckereien und Imbissketten mit, vereinzelt aber auch Cafés und Restaurants. Das Dormero Hotel an der Hildesheimer Straße bietet fast täglich für 3,90 Euro die Reste vom Frühstücksbuffet an. Besonders die Restepäckchen vom Sonntagsbrunch finden ihre Abnehmer. „Der Umsatz ist uns dabei nicht so wichtig. Wir produzieren auf diese Weise weniger Müll“, betont Mitarbeiter Jonas Köpke. Allerdings stellt Too-good-to-go werbeträchtige eigene Verpackungsboxen – so entsteht Abfall anderer Art.

Wenn Reste gar nicht erst entstehen

Doch es geht auch anders: Handbäcker Fuat Yakup in der Lutherstraße versucht sein Warenangebot so zu planen, dass im Idealfall nichts übrig bleibt. „Ich sehe aufs Wetter und produziere entsprechend mehr oder weniger.“ Eine Punktlandung bekommt jedoch auch Yakup selten hin. Deshalb annociert er Brötchen und Teilchen. „Sollten wir ausverkauft sein, stornieren wir unser Angebot auf der App.“ Im Café Efendi Bey wandern mal Aufschnitt, mal Antipasti oder Teigwaren vom Büffet in die Reste-Menübox. „Wir werfen ungern Lebensmittel weg“, betont Mitarbeiter Ibrahim Ince.

Kundin Melanie Hagenah probiert über Too-good-to-go regelmäßig verschiedene Anbieter aus. „Ich finde es spannend, was ich für das Geld bekomme. Wir waren bisher immer zufrieden.“ Gekochte Mahlzeiten lässt die 44-Jährige sich in eine Tupperbox füllen und wärmt sie am nächsten Tag im Büro auf. Bei Mr. Clou gab es kürzlich Gemüsebratlinge plus Gemüse, als Beilage durfte sie zwischen Reis und Nudeln wählen. „Es ist krass, wie viel täglich übrig bleibt. Diese App ist deshalb wirklich cool.“ Begeistert sind auch Inka Spühler und Hannes Feuersänger. Angesichts ihres schmalen Budgets freuen sich die Auszubildende und der Student über die preisgünstigen Angebote. „Alle Seiten profitieren und das Essen wird nicht verschwendet“, bilanziert der 20-Jährige. Student Jan Baumgärtner versorgt seit zwei Monaten regelmäßig seine Wohngemeinschaft mit Riesentüten vom Bäcker. „Das ist eine sinnvolle Sache. Und wir bekommen jedes Mal reichlich.“

Konkurrenz für Bedürftige?

Doch tritt Too-good-to-go nicht in Konkurrenz zu karitativen Einrichtungen, die unverkäufliche Lebensmittel als Spende für Bedürftige abnehmen? „Wir können gar nicht so viel Backwaren abholen, wie uns angeboten werden“, berichtet Katja Keßler, Leiterin der Hannöverschen Tafel. Bereits zubereitete Speisen aus Restaurants dürfen die Helfer laut Lebensmittelgesetz sowieso nicht weitergeben. „Deshalb finde ich es toll, wenn diese ganzen Büffetreste noch zweckentsprechend Verwendung finden“, betont Keßler. 

Zweimal pro Woche gibt die Bäckerei Borchers bereits diverse Ware an die Hannöversche Tafel sowie Kuchen an ein Obdachlosenheim ab. „Die Brötchen, die dennoch übrig bleiben, kann ich gar nicht alle zu Paniermehl mahlen“, erzählt Marion Borchers. Zumal dieses Resteprodukt bei den Kunden aus der Mode gekommen ist. Deshalb wandern weiter Backwaren in eine spezielle gebührenpflichtige Gastro-Abfalltonne, damit aus dem Brot zumindest Bioenergie wird. „Das Abholen müssen wir teuer bezahlen“, sagt Borchers. Mit der Reste-App gewinnt die Bäckerei dagegen langfristig neue Kunden. Und ein gutes Gefühl. 

Teilen liegt im Trend

Internet-Plattformen, die Menschen vor Ort vernetzen, liegen im Trend. Bei den Gartenpaten suchen Grundstücksbesitzer Mitstreiter, die einen Teil der Fläche bewirtschaften wollen. Bei Nebenan.de finden sich Nachbarn, die Werkzeuge austauschen, damit nicht jeder eine eigene Bohrmaschine anschaffen muss. Oder Dienstleistungen wie Babysitten und Nachhilfe anbieten. Gegen die Verschwendung von Lebensmitteln organisiert die Slow Food Youth gemeinsame Kochaktionen mit Gemüse, das sonst im Müll landen würde.

Das Unternehmen Too-good-to-go startete Ende 2015 in Dänemark. In Deutschland beschäftigt die Too-good-to-go GmbH in Berlin rund 20 Mitarbeiter, die neue Betriebe gewinnen und beraten sowie bei Stornierungen Kundenservice leisten. Von den verkauften Portionen geht jeweils ein Euro an den App-Betreiber. Im Raum Hannover gibt es nach Firmenangaben rund 2.300 aktive Nutzer. Besonders junge Berufstätige wenden die App an.

Von Bärbel Hilbig

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