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Hannover Margot Käßmann gibt Persönliches preis
Nachrichten Hannover Margot Käßmann gibt Persönliches preis
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00:24 07.04.2018
Auf den Spuren der Bibel: Käßmann bei einer Bildungsreise in Israel 1978. Quelle: Margot Käßmann Privatarchiv
Hannover

 Der Anästhesist riet ihr, bis zum Einsetzen der Narkose bis zehn zu zählen. „Nein“, widersprach die Krebspatientin auf dem Operationstisch, „ich sage Psalm 23 auf, und wenn ich nicht mehr kann, beten Sie weiter: ,Der Herr ist mein Hirte ...’“. Man muss schon fest im Glauben stehen, um mit diesen Worten in eine Operation zu gehen. Und man darf keine falsche Scheu vor den Autoritäten dieser Welt haben. So wie Margot Käßmann bei ihrer Erkrankung im Jahr 2006.

Die Anekdote findet sich in der jetzt erschienenen Biografie der prominenten Theologin, die neuerdings wieder in Hannover wohnt. Das Buch mit dem etwas gefühligen Titel „Margot Käßmann – Folge dem, was Dein Herz Dir rät“ (bene!-Verlag, 223Seiten, 19,99 Euro) hat Hannovers frühere Landesbischöfin nicht selbst verfasst. Es stammt jedoch von ihrem engen Mitarbeiter Uwe Birnstein. Eine übermäßig kritische Auseinandersetzung mit Werk und Person Käßmanns ist es nicht geworden; das Buch schildert den unermüdlichen Einsatz der Theologin für Frieden und Fortschritt, Flüchtlinge und Frauenrechte. Ein Leben zwischen meditativem Joggen und Tischgebet. Eine bodenständige Lichtgestalt, irgendwo auf halbem Weg zwischen Alice Schwarzer und Mutter Teresa.

In Hosen zur Grundschule

Es geht um Käßmanns Kindheit in Hessen – das eigensinnige Mädchen soll schon in der Grundschule gegen den Trend Hosen statt Röcke getragen haben –, um den schweren Autounfall, den sie 1971 überlebte, und um ihre erste Jugendliebe. Einen Katholiken. Fotos aus ihrem privaten Album zeigen das Mädchen Margot in der elterlichen Autowerkstatt und die junge Margot mit Latzhose im Kreise langhaariger Studenten. Teils gibt Käßmann sehr persönliche Dinge von sich preis.

Das Buch ist zwar keine Generalabrechnung anlässlich ihres bevorstehenden Ruhestands geworden, doch Käßmann verheimlicht auch nicht, wer ihr im Laufe ihrer Karriere Steine in den Weg gelegt hat: Im Jahr 1985 bekam ihr Mann Eckhard eine Pastorenstelle im hessischen Spieskappel, sie selbst musste als junge Mutter hintan stehen. „Als Pfarrersfamilie lebt man auf dem Dorf wie auf einem Präsentierteller“, heißt es an einer Stelle. Als sie 1994 als Generalsekretärin des Kirchentags antrat, hätten ausgerechnet der liberale Pädagoge Hartmut von Hentig und der damalige Stasi-Akten-Beauftragte Joachim Gauck im Vorstellungsgespräch scharf nachgefragt, wie sie als 35-jährige Mutter von vier Kindern das Amt denn ausüben wolle. Ihr Aufstieg zur Bischöfin der Landeskiche Hannovers, „die vor Patriarchalismus strotzte“, sei 1999 „fast wie ein demokratischer Aufbruch“ gewesen, heißt es in der Biografie. 

Kritik an den Medien

Das Buch zeigt auch, dass Käßmann auf einige Medienvertreter nicht gut zu sprechen ist: Als sie an Krebs erkrankte, hätten diese die Grenze zwischen persönlich und privat überschritten. Eine „Medienschlacht“ mit verzerrten Darstellungen habe es auch um ihre Scheidung gegeben – ganz zu schweigen von der Berichterstattung über ihre Alkoholfahrt. 

Zwei Glas Weißwein habe sie in einer hannoverschen Tapasbar im Februar 2010 getrunken, ehe sie mit einem Freund ins Kino gegangen sei. Danach fuhr sie mit ihrem VW Phaeton über eine rote Ampel, ein Polizist ließ sie pusten. Das Gerät habe 1,1 Promille gezeigt, heißt es in dem Buch. Dass Zeitungen später von 1,54 Promille berichteten, wurmt Käßmann ebenso wie die mediale Suche nach ihrem unbekannten Beifahrer. „Nur nicht weinen“, sagte sie sich vor der Pressekonferenz, in der sie ihren Rücktritt verkündete: „Meine Tränen bekommt ihr nicht!“ Bei aller Medienkritik gerät da bisweilen aus dem Blick, dass es die Medien auch waren, die Käßmanns Popularität enorm beförderten. 

Ihrer Beliebtheit hat der Rücktritt ohnehin nichts anhaben können. Auch wenn das Buch schildert, wie Käßmann bei ihrem anschließenden Umzug in Berlin empfangen wurde: Als sie sich beim Einwohnermeldeamt anmeldete, fragte die Beamtin ernsthaft, ob sie in der Kirche sei.

Käßmann liest in der Marktkirche

Als Austauschschülerin lernte Margot Käßmann in den Siebzigern in den USA das Werk des 1968 ermordeten Bürgerrechtlers Martin Luther King kennen. Dazu hat sie selbst jetzt das schmale Buch „Ganz anders könnten wir leben – Warum Martin Luther King mein großes Vorbild ist“ verfasst. Am Donnerstag, 12. April, 19 Uhr, liest sie in der Marktkirche daraus vor. Außerdem liest der Schauspieler Ernst-Erich Buder aus dem Martin-Luther-King-Lesebuch „Ich habe einen Traum“ des im Januar verstorbenen hannoverschen Theologen Heinrich Grosse. Es singt der Gospelchor der Gospelkirche. Der Eintritt ist frei. be

Von Simon Benne

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