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Hannover Waldheimer protestieren gegen Baupläne
Nachrichten Hannover Waldheimer protestieren gegen Baupläne
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00:41 01.06.2018
In Waldheim regt sich Protest gegen zwei Bauvorhaben. Quelle: Nils Oehlschläger
Hannover

Ungewissheit und Verbitterung haben die Waldheimer auf die Straße getrieben. Ein Dutzend Bewohner des idyllischen Stadtteils an der Eilenriede haben sich an der Roßkampstraße versammelt. Sie sind mit Papieren ausgerüstet, einer Unterschriftenliste, einem Auszug aus dem Wasserhaushaltsgesetz und einer Reihe von Fragen an die Stadtverwaltung. Die Dokumente sollen Pläne verhindern, an denen die Waldheimer sich nicht ausreichend beteiligt fühlen und die ihren Stadtteil spürbar verändern könnten. Nun sehen sich die Anwohner übergangen – und ziehen alle Register.

Es geht um zwei Streitpunkte, die räumlich nur von einer Straßenkreuzung getrennt werden. Inhaltlich geht es zwar um ganz unterschiedliche Dinge. Was die Waldheimer in ihrem Protest dennoch vereint, ist ihr Frust darüber, dass sie bei beiden Bauprojekten nicht mitreden durften. Dafür haben sie nun umso mehr Redebedarf – auch wenn der Großteil seine Meinung nicht mit seinem Namen in Verbindung gebracht haben möchte. Zu groß ist die Sorge davor, es sich mit den Nachbarn zu verscherzen oder als Sündenbock ausgemacht zu werden.

Viele Fragen, kaum Antworten

Im Norden will das Pflegeheim Wilkening an der Wolfstraße sein Gebäude um einen Anbau erweitern. Dort sind Menschen untergebracht, die aufgrund psychischer Erkrankungen oder körperlicher Gebrechen auf die Betreuung von Pflegekräften angewiesen sind. Noch zählt das Heim 239 Bewohner, durch den Anbau sollen es schon im nächsten Jahr 296 sein.

Der zweite Streitpunkt befindet sich auf der südlichen Seite des Senator-Eggers-Weges. Dort will die Wohnungsgenossenschaft Heimkehr fünf Wohngebäude abreißen und durch Neubauten ersetzen. Im Gegensatz zu den zweigeschossigen Altgebäuden sollen die neuen Wohnhäuser dann über drei Etagen verfügen. Statt bisher 36 Wohnungen sollen dort bald 55 stehen, die Wohnfläche wächst von 2600 auf 4700 Quadratmeter – und eine Tiefgarage bietet 55 Stellplätze. Auch die Mietpreise werden steigen, von derzeit im Schnitt 8 Euro pro Quadratmeter auf 9,50 bis 11,50 Euro.

Als einer der aktivsten Gegner der Bauprojekte hat sich ein Anwohner aus dem Senator-Eggers-Weg entwickelt. Seit Februar hat er mehrfach die Verwaltung kontaktiert und Fragen gestellt. Klärende Antworten blieben bislang aus. Sorge vor psychisch labilen Menschen hat er nicht. Ihm geht es vor allem darum, dass geltendes Recht bei den Bauprojekten eingehalten wird. Und den Eindruck hat er nicht.

Der Anwohner hegt den Verdacht, dass die Bauvoranfragen von der Stadt nicht ausreichend geprüft worden seien. Die Leidtragende könne am Ende die Stadt selbst sein, sollten aufgrund der mangelhaften Prüfung der Bauvoranfragen Schadensersatzansprüche geltend gemacht werden. Vereinfacht ausgedrückt bemängelt der Waldheimer: Das Ausmaß der geplanten Bauvorhaben überschreite gesetzlich festgelegte Grenzen und auch das erträgliche Maß für den Stadtteil. Auch seien die Gebäude zu hoch und belegten zu viel Fläche. Im Gegenzug steige der Einfluss auf die sowieso schon stark belastete Kanalisation, es gebe weniger Stellflächen für Autos, und der Verkehr in Waldheim nehme ebenfalls zu. „Eine Errichtung der Gebäude auf diesen Grundlagen ist untragbar“, sagt der Waldheimer.

Widerspruch eingelegt

Was die direkten Anwohner der Bauvorhaben betrifft, so sieht Bezirksbürgermeisterin Antje Kellner (SPD) eine Beteiligung für Bürger gegeben. Direkte Anlieger hätten, wie bei jedem Bauvorhaben, das Recht auf Akteneinsicht, das Vorbringen von Einwänden und schlussendlich auch ein Klagerecht. „Es gibt also durchaus eine Beteiligung der direkten Anwohner“, sagt sie. Dennoch hätte auch sie sich gewünscht, frühzeitig über die Bauvorhaben informiert zu werden und nicht erst aus der Zeitung oder durch einen Aushang davon zu erfahren. Dass das Pflegeheim Wilkening die Bürger zu einem Informationsabend geladen hätte, sei positiv zu sehen. „Eine ähnliche Initiative erhoffe ich mir in naher Zukunft auch vom zweiten potentiellen Investor“, sagt Kellner.

Bevor endgültig gebaut werden kann, muss die Stadt einen Bauantrag genehmigen. Noch ist das nicht passiert, und wenn es nach den Waldheimern geht, soll es auch keine Genehmigung geben – wenigstens nicht für die Pläne in der jetzt vorliegenden Größe. Inzwischen haben sie Widerspruch gegen beide Bauvorbescheide erhoben. „Unser erstes Anliegen ist, dass die Baugenehmigung nicht erteilt wird“, sagt eine Frau aus der Gruppe von der Straßenkreuzung in Waldheim. Eine erste Liste mit Unterschriften gegen den Bau kam an diesem Nachmittag schnell zusammen.

Ein Traditionshaus wächst

Das Pflegeheim Wilkening will mehr Bewohnern ein Zimmer bieten können und plant daher einen Anbau. Quelle: Tim Schaarschmidt

Das Pflegeheim Wilkening will sein Gebäude um einen Anbau erweitern, statt 239 Bewohnern sollen demnächst 296 hier untergebracht sein. „Das ist kein Pflegeheim, das ist ein psychiatrisches Krankenhaus“, sagt eine Frau aus der Gruppe an der Kreuzung. Die Bewohner müssten als „Insassen“ bezeichnet werden und dürften sich nicht mehr auf den Straßen aufhalten. Gegen Inklusion, also die Teilhabe aller Menschen am gesellschaftlichen Leben, habe niemand etwas, beteuert die Frau. „Bisher ist das für uns alles in Ordnung gewesen“, pflichtet ihr ein Anwohner bei. „Aber jetzt wird es zu viel.“

Rund 200 Meter entfernt im Pflegeheim Wilkening legt Geschäftsführer Martin Leben seinen Tablet-PC auf den Konferenztisch. „Ich bin nach wie vor gerne bereit, mit denjenigen, die daran Interesse haben, ins Gespräch zu kommen“, sagt er. Einen Informationsabend, bei dem das Pflegeheim über seine Baupläne informieren wollte, hat es bereits im April gegeben.

Für manche Waldheimer kam dieser Abend zu spät. Sie fühlten sich bereits vor vollendete Tatsachen gestellt. „Eine Gesprächsrunde kann es ja erst zu einem Zeitpunkt geben, an dem das Sinn macht“, sagt Leben. Da es sich um ein privates Bauprojekt handele, sei man zu keinem Zeitpunkt in der Pflicht gewesen, den Anwohnern berichten zu müssen. Der Informationsabend sei also ein freundliches Entgegenkommen gewesen. Leben verteidigt die Baupläne als „langfristige Standortsicherung“. Das Unternehmen müsse ein „attraktives Angebot“ am Markt machen können. Dazu gehörten zum Beispiel auch Einbettzimmer. Immerhin müsse das Pflegeheim seine gesellschaftliche Aufgabe erfüllen, gerade in Zeiten des demografischen Wandels. Darüber hinaus gehöre das Heim seit mehr als 100 Jahren zur Geschichte von Waldheim – und damit länger als jeder Anwohner.

Nicht alle Waldheimer scheuen Begegnungen mit Bewohnern des Pflegeheims. Eine Mutter aus der Roßkampstraße berichtet, sie habe keine Bedenken, ihre Kinder in der Nachbarschaft spielen zu lassen. Es sei gut für den Stadtteil, dass es eine Vermischung in der Anwohnerschaft gebe. „Wo sollen die Leute denn auch hin?“, fragt sie. Eine psychische Erkrankung sei kein gesellschaftliches Tabu. „Das kann uns ja auch jederzeit passieren.“

Wohnungen werden abgerissen

Die Wohnungsgenossenschaft Heimkehr will fünf Wohnhäuser abreißen, um sie durch Neubauten zu ersetzen. Quelle: Tim Schaarschmidt

Fünf Wohngebäude der Genossenschaft Heimkehr sollen durch Neubauten ersetzt werden – alle Bewohner müssen daher ausziehen. Mit dem Neubau soll die Zahl der Wohnungen von 30 auf 55 steigen. „Ich wohne seit mehr als 30 Jahren hier“, erzählt ein 77-jähriger Mieter einer Heimkehr-Wohnung am Roßkampweg. Nun müssten sich 16 Bewohner der Heimkehr-Wohnhäuser mit unbefristeten Mietvertrag ein neues Zuhause suchen, fast alle seien im Rentenalter. Die übrigen 24 Mieter hätten schon beim Einzug nur befristete Mietverträge bekommen. „Ich bin davon ausgegangen, dass ich hier bis an mein Lebensende wohnen kann“, sagt der Mieter. Nun müsse er mindestens noch einmal umziehen.

Als Entgegenkommen sei den Mietern angeboten worden, dass Heimkehr die gepackten Kartons kostenlos aus Waldheim in die neue Bleibe bringen würde, berichtet der 77-Jährige. Diese müssten sich die Mieter allerdings selbst suchen. „Man darf auch als erster zurück in die neuen Wohnungen ziehen“, erzählt der Rentner. Nur ob man das bei höheren Mietpreisen überhaupt wolle, stehe auf einem anderen Blatt. Er ärgert sich über die Genossenschaft, an der er Anteile besitzt. „Die jonglieren mit unserem Geld und schmeißen uns aus unseren Wohnungen raus.“

Entmietet Heimkehr in Waldheim seine Mieter? Sven Scriba aus dem Vorstand der Wohnungsgenossenschaft redet nicht lange drumherum: „Ja, das tun wir.“ Man sei sich bewusst, dass dort Menschen aus ihren Wohnungen gedrängt werden. „Das ist immer extrem unangenehm“, sagt er. Aber die Genossenschaft müsse modernisieren, um weiter attraktives Wohnen anbieten zu können. Dabei könne nicht jedes Einzelschicksal berücksichtigt werden.

In einigen Fällen habe sich gezeigt, dass die Mieter am Ende dankbar für die neuen Wohnungen seien. Diese seien nicht nur energetisch effizient und modern geschnitten und barrierefrei, sagt Scriba. Dort sei auch eine ambulante Versorgung von Hilfsbedürftigen der Pflegestufen 1 und 2 möglich. Ältere Waldheimer könnten also länger in der eigenen Wohnung leben, auch wenn sie auf Pflege angewiesen wären. Anfang 2020 soll mit dem Abriss begonnen werden – es sei denn, ein Rechtsstreit zögert das hinaus. Auch das hat die Wohnungsgenossenschaft schon mehrfach erlebt.

Von Nils Oehlschläger

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