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Hannover Ohne Internet: So vernetzt waren Europas Gartenkünstler früher
Nachrichten Hannover Ohne Internet: So vernetzt waren Europas Gartenkünstler früher
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00:18 18.03.2019
Herrenhausen als Teil eines Gartennetzwerks: Die Ausstellungsmacher Hedda Saemann von der Technischen Informationsbibliothek, Andreas Urban vom Historischen Museum und Restauratorin Ulrike Hähner. Quelle: Tim Schaarschmidt
Hannover

Sophie war begeistert. Nach ihrer Italienreise 1665 schwärmte Hannovers spätere Kurfürstin von dem „Vergnügen, in den herrlichsten Gärten der Welt spazieren gegangen zu sein“. Selbstredend kannte die weltgewandte Sophie, unter deren Händen in Herrenhausen ein großartiges Gartenreich entstand, auch die berühmten Lustgärten in Frankreich und den Niederlanden.

Im Schlossmuseum Herrenhausen zeigt eine sorgsam gestaltete Ausstellung jetzt, wie sehr Einflüsse aus ganz Europa auch jene Sommerresidenz prägten, die sich die Welfen im 17. Jahrhundert in Herrenhausen erschufen. „Die Ausstellung zeigt einmal mehr unsere vielfältigen Bezüge zu Europa“, sagt Stadträtin Konstanze Beckedorf auch im Blick auf Hannovers Bewerbung als Kulturhauptstadt 2025.

Schon vor rund 350 Jahren kursierten grenzüberschreitend Kupferstiche und Drucke, die berühmte Gärten in Rom, Amsterdam oder Paris abbildeten. „Die Fürsten engagierten außerdem ausländische Gastarbeiter“, sagt Ausstellungskurator Andreas Urban. Herzogin Sophie, selbst in Den Haag geboren, schickte ihren französischen Gartenmeister Martin Charbonnier in die Niederlande, um die Gärten der mächtigen Statthalter dort zu inspizieren. Der Kulturaustausch war groß – und Herrenhausen entstand als Teil eines internationalen Netzwerks, als ein Stein in einem europaweiten Mosaik.

„Ein fantastischer Schatz“

Kernstück der Ausstellung sind historische Druckgrafiken aus dem Fundus der Technischen Informationsbibliothek (TIB). Zusammengetragen hat diese einst der Architekt und Bauforscher Albrecht Haupt (1852 bis 1932), der von ausgedehnten Forschungsreisen Tausende von Blättern mitbrachte – darunter Werke von Dürer, Michelangelo und Piranesi. Noch zu Lebzeiten übergab er seine Sammlung der Technischen Hochschule. Jetzt sind die Dokumente erstmals seit der 300-Jahr-Feier Herrenhausens 1966 öffentlich zu sehen.

„Wir haben einen fantastischen Schatz gehoben“, sagt Kurator Urban. Experten der Hochschule für Angewandte Wissenschaft und Kunst (HAWK) in Hildesheim haben mehr als 4800 Dokumente aus der Sammlung Haupt mit besonders schonenden elektrostatischen Methoden gereinigt und in „fast detektivischer Kleinarbeit“ Spuren auf dem Papier gesichert, wie Restauratorin Ulrike Hähner sagt. Ein eigener Teil der Ausstellung präsentiert die Arbeitsweise der Konservatoren.

Im Mittelpunkt jedoch steht Europas Gartenkunst. Über Jahrhunderte galt die Natur vor allem als Hort von Gefahren oder bestenfalls als Nahrungslieferant. In der Renaissance-Zeit entdeckten italienische Künstler und Gelehrte die Natur dann als Heimstatt der Schönheit neu; reiche Geschlechter kultivierten harmonisch angelegte Gärten als irdischen Abglanz des verlorenen Paradieses.

Barocken Fürsten dienten aufwändige Gartenanlagen dann zur Demonstration ihrer absolutistischen Macht; sie inszenierten eine von überlegener Hand geordnete Natur. „Versailles war ein Vorbild auch für Herrenhausen“, sagt Kurator Urban. Anno 1679 führte Ludwig XIV. höchstselbst Sophie durch Versailles, doch die Herzogin zog der bombastischen Anlage die vergleichsweise bescheidenen Barockgärten von Saint Cloud vor: „Man spaziert dort auf die angenehmste Weise der Welt durch verwunschene Orte mit den Geräuschen der Kaskaden“, schwärmte sie.

Flaniermeilen des Adels

Lässt man sich auf die Details der Grafiken ein, entdeckt man, welche Ideen an der Wiege von Herrenhausen Pate standen. Das Prinzip der Symmetrie fand sich zuerst in italienischen Gärten. Ein Kupferstich von 1691 zeigt die Kascade am päpstlichen Quirinalspalast, die frappierend an Herrenhausen erinnert. In jenem Garten, den die Medici um die Villa Medicea Pratolino bei Florenz schufen, fand sich eine verwunschene Grotte – solche Vorbilder dürften Hannovers Herzog Johann Friedrich, der im Karneval regelmäßig nach Italien reiste, für Herrenhausen inspiriert haben.

Kupferstiche von französischen Gärten zeigen die Zentrierung von Gartenanlagen auf das Schloss. In französischen Anlagen gab es auch Skulpturen und Gartentheater. Ein Parterre wie in Herrenhausen fand sich schon in Gärten wie Saint Cloud bei Sévres. „Das Parterre war der rote Teppich des Gartens“, sagt Urban. Mit Buchsbäumen und Kiesschnörkeln dienten repräsentative Prunkzonen in den Gärten als Flaniermeilen des Adels. Die niederländischen Anlagen waren meist von Mauern umschlossen – oder, wie in Honselarsdijk, von Wassergräben, die auffallend an Herrenhausens Graft erinnern.

In Deutschland zählte Herrenhausen zu den frühen Barockgärten – und stand daher seinerseits Pate für die berühmten Gartenanlagen in Salzdahlum bei Wolfenbüttel oder Lietzenburg bei Berlin. Obwohl europaweit ähnliche Muster kursierten, entstand dabei jedoch keineswegs überall Dasselbe in grün; die Gartenschöpfer pflegten jeweils auch eigene Vorlieben. Von Ludwig XIV. jedenfalls ließ Sophie sich nur mäßig beeindrucken. „In Versailles“, bemerkte sie spitz, „bewirkt das Geld größere Wunder als die Natur.“

Ausstellung läuft bis Januar

Die Ausstellung „Herrenhausen und Europa – Ein Gartennetzwerk“ ist von Sonntag an im Museum Schloss Herrenhausen bis zum 12. Januar 2020 zu sehen. Führungen gibt es an jedem ersten Sonntag im Monat jeweils um 11.30 Uhr oder nach Vereinbarung (auch für Schulklassen) unter (0511) 16843945.

Papierhistoriker und Restauratorinnen geben Einblicke in ihre Arbeit am 15. Juni und am 16. November jeweils um 14 Uhr. Literarische Führungen unter dem Motto „Herrenhausen – ein Garten als Symbol“ mit Marie Dettmer gibt es am 30. März, 15. Juni und 28. September jeweils um 14 Uhr. Das Begleitbuch zur Ausstellung „Herrenhausen und Europa“ (160 Seiten mit zahlreichen Abbildungen) kostet 15 Euro.

Von Simon Benne

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