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Hannover So spielen Könner Scrabble
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18:46 03.04.2018
Er liebt die kleinen Buchstabensteine: Eckhard Brekenkamp kommt regelmäßig zum Scrabble-Treff ins Vereinsheim von Hannover 78. Quelle: Franson
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Hannover

 Sein Lieblingswort ist „Sequoia“. Das liegt nicht daran, dass der gleichnamige kalifornische Mammutbaum Sebastian Herzog botanisch besonders fasziniert. Ihm kommt es auf andere Qualitäten an. „Es ist das kürzeste Wort im Duden, in dem alle Vokale enthalten sind.“ Und es ist ein Wort mit sieben Buchstaben, die – strategisch schlau auf einem Scrabble-Brett abgelegt – mit einem einzigen Spielzug 128 Punkte einbringen. Noch Fragen? 

Herzog weiß viel über Worte. Unglaublich viel. Denn seit mehr als vier Jahrzehnten spielt er Scrabble. Angefangen hat die Leidenschaft, als er gegen seine Eltern auf der Terrasse antrat. „Da habe ich immer verloren“, erinnert er sich. Heute ist der 55-jährige Ricklinger einer der besten deutschsprachigen Scrabble-Spieler, auf der offziellen ELO-Rangliste steht er auf Platz 4. Er ist Gründer und Präsident des Vereins Scrabble Deutschland, der seit 2005 bundesweit, in Österreich und in der Schweiz Turniere organisiert. Im Auftrag der Herstellerfirma Mattel hat er die derzeit gültigen Scrabble-Regeln verfasst. Und er ist der zentrale Kontaktmann zur Redaktion des Dudens. Schließlich ist das aktuell rund 145 000 Stichworte umfassende Wörterbuch die Grundlage für das Regelwerk der Turnierspieler.

Das ist Scrabble

Scrabble ist ein Brettspiel für zwei bis vier Personen, bei dem die Spieler zufällig gezogene Buchstaben nach Art eines Kreuzworträtsels ablegen. Das Spiel wurde vor 70 Jahren in den USA patentiert. Eine erste Variante kam dort 1931 unter dem Namen Lexiko heraus. Heute wird Srabble von der Firma Mattel produziert. Bis dato wurden mehr als 100 Millionen Spiele in gut 30 Sprachen verkauft. Etwa die Hälfte aller deutschen Haushalte besitzt ein Scrabble-Spiel – sagt der Hersteller. 

Das Spielbrett hat 225 Felder, darunter 60 Bonusfelder, mit denen sich der Wert eines Buchstabens oder Wortes verdoppeln oder verdreifachen lässt. Die Buchstabenwerte reichen von einem Punkt für häufige Lettern wie das E bis zu zehn Punkten für Q und Y. Jeder Spieler hat eine Bank mit sieben Buchstaben, für abgelegte Steine zieht er neue. Das Spiel endet, wenn alle 102 Buchstaben im Stoffsack verbraucht sind. Der Spieler mit den meisten Punkten gewinnt. Erlaubt sind alle Wörter, die im Duden stehen und deren Beugungsformen – allerdings keine Abkürzungen oder Eigennamen.

Seit 2005 organisiert der Verein Scrabble Deutschland Turniere in wechselnden Städten. Am 14. und 15. April läuft ein Turnier mit Spitzenspielern bei Hannover 78, allerdings sind keine Zuschauer zugelassen. Die Deutsche Scrabble-Meisterschaft ist vom 10. bis zum 13. Mai in Stuttgart. Der Verein arbeitet daran, die Meisterschaft 2020 nach Hannover zu holen. Mehr Informationen gibt es unter scrabble-info.de. jk

„Der Duden ist die Bibel“, sagt Werner Tiede und blättert in einem der dicken gelben Bände, die auf den Tischen liegen. Einmal im Monat treffen der 62-Jährige und ein Dutzend Gleichgesinnter sich zum Scrabbeln in der Vereinsgaststätte von Hannover 78. Allerdings trainieren die wenigsten dort für Turniererfolge – sie kommen vor allem wegen des Spaßes am Spiel. „Als Kind habe ich eine Scrabble-Infusion mitbekommen, die hält bis heute an“, sagt Sozialpädagoge Tiede mit einer Spur Selbstironie. Sein Scrabble-Partner Eckhard Brekenkamp hat das Spiel erst im Jahr 2000 kennengelernt. Doch er kann sich die Buchstabensteine aus seinem Leben inzwischen auch nicht mehr wegdenken: „Ich habe immer Probleme, das meiner Frau und meiner Tochter zu erklären, die bekommen da eher eine Gänsehaut“, gibt der Programmierer mit einem Schmunzeln zu. 

„Brr“, „Rucksens“, „Cure“, – auf dem Spielbrett sind Wörter zu lesen, die nicht gerade so klingen, als seien sie ein korrekter Bestandteil der deutschen Sprache. Doch der Duden gibt den beiden recht. Mit Triumph in der Stimme erklärt Tiede: „Rucksen ist die substantiverte Form eines älteren Wortes für gurren, und Rucksens ist der Genitiv.“ Die Grammatik muss man als Scrabble-Spieler durchaus beherrschen. Mit dem Ausruf „Brr!“ bringt der Reiter ein Pferd zum Stehen, und ein Curé ist ein französischer Geistlicher, der ebenfalls Eingang in den deutschen Duden gefunden hat – nur begnügt man sich beim Scrabble mit einem einfachen E-Buchstabenstein am Wortende.

„Alles korrekt“, urteilt Sebastian Herzog. Bei Turnieren der Topspieler ist er Schiedsrichter, beim Monatstreffen im Vereinslokal muss er nicht allzu streng sein. Er freut sich über jeden, der Scrabble spielt, und gern würde er noch mehr Jüngere für das Wörterlegen begeistern. Unter den 150 Mitgliedern von Scrabble Deutschland sind einige unter 30, die meisten aber zwischen 50 und 70 Jahre alt. Die Erfolge der deutschen Schülermeisterschaften, die der Verein zwischen 2005 und 2007 ausrichtete, waren offenbar nicht nachhaltig.

Dabei sei Scrabble ein unglaublich vielseitiges Spiel, schwärmt Herzog. „Es kommt nicht nur auf den Wortschatz an. Man braucht auch ein gutes Auge, um zu erkennen, wo sich ein Wort am besten anlegen lässt.“ Taktik und Strategie spielten eine Rolle, „keineswegs nur Glück, wie meine Frau immer meint“. Etwas rechnen sollte man auch können, um zu überschlagen, welche Bonusfelder die meisten Punkte bringen. Parallel zur analogen Welt des Scrabble gibt es im Übrigen längst virtuelle Varianten: „Ich trainiere nur online“, sagt Herzog. Jeden Tag spielt er über ein Internetportal ein bis zwei Stunden, meist ein halbes Dutzend Partien gleichzeitig. 

Es gebe auch Spitzenspieler, die lange Wortlisten aus dem Duden auswendig lernten, „zum Beispiel alle Wörter, an denen an dritter Stelle ein Y vorkommt“. Die 77 zulässigen Wörter mit zwei Buchstaben parat zu haben, sei nicht allzu schwer – bei den dreibuchstabigen sind es immerhin schon 657. Die offizielle Turnierwörterliste umfasst exakt 181 603 bis zu neunbuchstabige Wörter. Herzog hat mitgeholfen, sie zu aktualisieren. Dafür mussten auch die 5000 Wörter abgeglichen werden, die in der 27. Auflage des Dudens neu hinzugekommen sind. „Da sind ein paar schöne Neuzugänge dabei“, freut er sich. „Hygge zum Beispiel, das dänische Wort für Gemütlichkeit. Oder das berlinerische icke.“  

Woher hat er all die Zeit für Scrabble? „Ich habe mein Hobby zum Beruf gemacht.“ Der gelernte Fotolaborant, der auch als Croupier im Casino gearbeitet hat, ist seit fast zwei Jahrzehnten professioneller Rätselerfinder. Neben Kreuzworträtseln und Denksportaufgaben, die er für diverse Publikationen austüftelt, investiert er den größten Teil seiner Arbeitszeit in Scrabble-Rätsel, die in der Wochenzeitschrift „Die Zeit“ erscheinen. Unterm Strich, sagt er, könne er von Scrabble leben.

Frank Buchenau geht noch seinem Brotberuf nach. Der Geschichts- und Spanisch-lehrer ist stets beim Scrabble-Monatstreff dabei. „Früher habe ich nur Schach gespielt“, sagt er. Nun debattiert er darüber, ob es das Wort „muttere“ gibt. Eine Variante von „bemuttern“ in der Befehlsform vielleicht? Der Duden und Herzog sagen nein. Gisela Prodehl und Ulrich Lübke machen es weniger kompliziert. Er hat mit den drei Buchstaben S, E und X begonnen, sie hat das Wort Examen angelegt. „Das da drüben sind die Cracks, da können wir nicht mithalten“, meint die 77-Jährige, die das Spiel als „Anregung für die grauen Zellen“ schätzt. 

Herzog hat da noch einen ganz anderen Tipp: Myxödem. Klingt nicht gut. Ist eine chronische Krankheit. Aber mit 32 Punkten Wortwert. Und wenn man dann noch auf die Bonusfelder kommt...

Der nächste Scrabble-Treff ist am Freitag, 24. April, um 15 Uhr in der Vereinsgaststätte von Hannover 78, Ferdinand-Wilhelm-Fricke-Weg 2.

Von Juliane Kaune

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