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00:16 05.05.2018
Radfahrerkurs für Anfänger, Schulhof Gymnasium Limmer, Wunstorfer Straße, Frau Charlotte Niebuhr Foto: Samantha Franson Quelle: Samantha Franson
Hannover

Für Maria läuft es gut. Das Plastikhütchen, das sie während des Radfahrens auf dem Kopf balancieren soll, hält prima in ihren dicken schwarzen Haaren. Für Maria läuft der Radfahrkurs für Anfänger überhaupt ziemlich optimal. Seit zwei Tagen erst sitzt sie auf dem Gefährt und dreht schon souverän ihre Runden auf dem Schulhof des Gymnasium Limmer.

Ein knappes Dutzend Teilnehmerinnen wollen diesmal bei der zertifizierten Radfahrlehrerin Christine Niebuhr lernen, selber und fest im Sattel zu sitzen. „Diesmal sind nur Frauen und Mädchen dabei, Männer kommen aber auch manchmal“, sagt Niebuhr, die seit fünf Jahren für den ADFC nach der Methode des Hamburgers Christian Burmeister rund 10 Anfängerkurse im Jahr anbietet. Allerdings könnten Männer oft besser Radfahren. „oder sie geben einfach nicht so leicht zu, dass sie es nicht können.“ Eine Altersgrenze gibt es im Kurs nicht, „es kommen Kinder, Erwachsene und Senioren – die älteste war 85 Jahre alt“, so Niebuhr.

Zehn Nachmittage müssen sich die Teilnehmer frei halten, jeweils zwei Stunden lang wird geübt. Charlotte Niebuhr hat Trainingsräder mitgebracht, Klappräder und zwei etwas größere Modelle, die alle so einzustellen sind, dass die Neulinge mit den Füßen auf den Boden kommen. „Am Anfang üben wir allerdings mit Tretrollern““, betont Niebuhr. Die Frauen müssten erstmal ein Gefühl für das Gerät, ihren Körper und eine Balance entwickeln. Die erste Übung heißt Bremsen ziehen, Lenker gerade, einen Fuß seitlich aufs Trittbrett stellen und mit dem anderen durchsteigen. Von links nach rechts und umgekehrt. Immer wieder. Das schaffen alle. 

Das Burmeister-Konzept ist selbsterklärend. Wer den Übungen folgt, lernt in kleinen Schritten Radfahren. Spielerisch arbeitet sich die Gruppe dann vor, in Woche zwei können die Frauen schon locker Runden auf dem Schulhof drehen, Hütchen balancieren oder im Slalom umfahren. „Jede hat ihr eigenen Tempo, die meisten müssen erst einmal spüren, dass das Rad sie trägt“, sagt die Leiterin.

Charlotte Niebuhr betont, dass sie ihren Kursteilnehmern nicht im klassischen Sinn etwas beibringt, sondern sie dabei unterstützt, selbstständig und eigenverantwortlich aufs Rad zu steigen. Namu und ihre Tochter Namulan lernen gemeinsam. Die eine möchte künftig mit dem Rad zur Arbeit, die andere zur Schule fahren. „Ich war vor zehn Jahren schon einmal so weit wie jetzt“, sagt die Mutter. Aber im Straßenverkehr habe sie dann immer Angst bekommen und einen Rückzieher gemacht. „Den Führerschein habe ich auch, aber ich traue mich nicht ins Auto.“

Damit die Anfängerinnen dran bleiben, möchte Niebuhr gerne Aufbaukurse anbieten. „Dann können die Teilnehmer auch lernen, sich richtig im Verkehr zu verhalten.“ Auch Petra ist schon einmal Rad gefahren. „Als Kind hat meine Mutter es verboten – zu gefährlich. In den siebziger Jahren war ich dann manchmal unterwegs, aber immer sehr unsicher.“ Das soll sich auf dem Schulhof in Limmer ändern. Ihr Freund lebt in Wunstorf und möchte dort Radtouren mit ihr unternehmen. „Dafür will ich sattelfest werden.“ Auch Sina möchte künftig mit ihren zwei kleinen Söhnen Rad fahren. „Mein Mann hat mich ermutigt, den Kurs zu belegen“, sagt die junge Mutter. Und Evelina wurde von einer Freundin angemeldet. „Als ich fünf Jahre alt war hat mein Vater erfolglos versucht, mir das Fahren beizubringen. Jetzt kommt der zweite Anlauf als Erwachsene, ich möchte einfach per Rad in der Stadt unterwegs sein.“

Evelina ist nicht alleine. Schätzungen zufolge können mehrere hunderttausend Menschen in Deutschland nicht Radfahren. Und auch Kinder sind betroffen, immer wieder fragen Schulen und Vereine nach Kinderkursen an. Sie reagieren auf Hinweise der Verkehrserzieher, die von motorischen Schwächen bei Dritt- und Viertklässlern berichten. Und auch wer Rad fährt, ist nicht unbedingt sicher im Verkehr unterwegs. Laut Statistischem Bundesamt gab es 2016 rund 80 000 Verletzte bei Radunfällen, 15 000 davon erlitten schwere Blessuren. Und nur zwischen 7 und 20 Prozent der erwachsenen Radler tragen einen Helm.

Selbstvertrauen ist daher auch auf dem Rad besonders wichtig. Charlotte Niebuhr macht Mut, eigentlich schaffen es fast alle in den Sattel. „Bei manchen muss man einfach das Ziel neu definieren, sie fahren noch nicht selber vom Hof, haben sich dem Thema aber genähert und ordentlich Selbstbewusstsein gewonnen.“ Das Anfängertraining sei dafür Herausforderung genug. Die kurze Pause nutzen die Teilnehmerinnen in Linden beinahe ungern. Als Niebuhr den Hütchenparcours aufgebaut hat, stürmen sie wieder zu ihren Rädern. „Das ist total anstrengend, macht aber wahnsinnig viel Spaß“, meint Maria. Und Schülerin Ebru nimmt sich gleich mal eines der großen Räder. Genau wie Hadil, eine junge Araberin, kommt sie schon prima damit klar. Und sie wagen es auch bereits den Sattel höher zu stellen – und ein Stück weit Bodenhaftung aufzugeben. „Radfahren ist ein Entfaltungsprozess“, findet Leiterin Niebuhr. Es habe etwas mit Bewegung aber auch mit Wahrnehmung zu tun. „Und bei manchen muss sich nur eine Angst-Blockade lösen.“

Die letzten Runden drehen die Frauen einhändig und umkurven dabei die kleinen Hindernisse. Die meisten hochkonzentriert, aber auch hochzufrieden. „Wenn wir zum ersten Mal als Familie gemeinsam in den Schrebergarten radeln, dann habe ich es erstmal geschafft“, sagt Sina. 

Kurse kosten 80 Euro

Charlotte Niebuhr und der ADFC bieten rund 10 Kurse pro Jahr an, auch in der Region. Die Kosten für zehnmal zwei Stunden betragen 80 Euro, der Sozialtarif liegt bei 40 Euro. Räder werden gestellt, Helmpflicht besteht auf dem Übungsgelände nicht. Anmeldungen unter Telefon 0511-1640312 oder per mail an region@adfc-hannover.de.

Von Susanna Bauch

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