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Hannover „Ich distanziere mich in aller Schärfe“
Nachrichten Hannover „Ich distanziere mich in aller Schärfe“
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00:17 11.05.2018
„Der Wissenschaftsbetrieb hat sich im Elfenbeinturm an dieser Stelle abgeschottet“: Oskar Negt kritisiert die Versäumnisse im Fall Kentler. Quelle: Alexander Körner
Hannover

 

Herr Negt, wie gut kannten Sie Helmut Kentler?

Nicht gut. Um nicht zu sagen, die Bekanntschaft ging über Kollegenschaft nicht hinaus. Ich habe kein Wort, keine Schrift von Kentler gelesen. Was erstaunlich ist, denn ich habe in meinem Berufsleben viel gelesen. 

Wenn man die Rundbriefe einsieht, die Helmut Kentler zu Lebzeiten alljährlich an Freunde schickte, kann man einen anderen Eindruck gewinnen. Kentler betont, dass Sie in der letzten, von ihm geleiteten Fakultätssitzung an der Uni Hannover eine Abschiedsrede hielten, die ihn „sehr bewegte“. „Etwas sehr Schönes ereignete sich“, schreibt Kentler. Sie hätten lange darüber nachgedacht, wie Kentlers ‚Führungsstil’ zu bezeichnen sei, und dann die Formulierung „regulierte Anarchie“ gefunden. Das klingt sehr persönlich.

Das war es nicht. Diese ‚Abschiedsrede’ war am 11. Juli 1996, ich kann das aufgrund meiner Notizen im Kalender rekapitulieren. Ich hielt sie nicht etwa bei einer Festveranstaltung, sondern bei einer normalen Fakultätssitzung, in der ich dazu aufgefordert wurde, einige freundliche Worte zur Verabschiedung Kentlers als Vorsitzender der Fakultät zu sagen. Es war ein eher geschäftsmäßiger Vorgang.

Die Formulierung „regulierte Anarchie“ klingt dennoch sehr spezifisch, originell.

Viele Leute empfanden sie als treffend. Helmut Kentler hat sie hinterher in der Universität verbreitet und als Markenzeichen benutzt. Er ist ein sehr narzisstischer Mensch gewesen und hat offenbar mit meinem Namen geprahlt. Aber die Formulierung gründete sich nicht auf Erfahrungen außerhalb der Fakultät oder gar eine persönliche Freundschaft. Ich habe sie mir spontan ausgedacht.

Was bedeutete „regulierte Anarchie“ genau?

Kentler kam immer recht unvorbereitet in die Fakultätssitzungen und fädelte sich dann in die Themen ein, bis er einen Fokus hatte. Wenn er ihn hatte, hatte er einen sehr konzentrierten Blick auf die Sache. Das war etwas, was er wirklich gut konnte. 

In seinen Briefen nennt Kentler Sie „der Große Oskar“, schreibt Sätze wie „Ich achte ihn wirklich sehr“.

Er ist nicht der einzige, der das tat. Ich habe in der Fakultät nie Funktionen, Dekanate, übernommen. Aber ich trat als Friedensstifter zwischen den verschiedenen Fraktionen auf und wurde von allen respektiert, nicht nur von den Linken.

War Kentlers Berliner „Experiment“, in dem er Ausreißerkinder an pädophile Pflegeväter vermittelte, an der Uni bekannt? Kannten Sie es?

Nein, ich habe erst jetzt davon erfahren. Allein, dass er dieses finstere Projekt ein ‚Experiment’ nennt, ihm also einen Anstrich des Wissenschaftlichen gibt, ist eine Form des Missbrauchs von Wissenschaft. Es verschleiert die wahren Beweggründe, dass es nämlich nicht um Wissenschaft, sondern um das Ausnutzen von Abhängigkeitsverhältnissen geht. Jugendliche, die in Not geraten sind, zu Lieferanten von sexuellem Vergnügen von Erwachsenen zu machen, ist ein Verbrechen.

Kentlers „Experiment“ stammt aus einer Zeit, als er noch nicht an der Uni Hannover wirkte. Aber auch später hat Kentler seine pädophilenfreundlichen Thesen immer wieder geäußert, auch – für jedermann nachlesbar – in Büchern wie dem bei rororo erschienenen  „Leihväter. Kinder brauchen Väter“. Wussten Sie davon?

Nein, wie viele Kollegen, mit denen ich jetzt gesprochen habe. Wir haben nicht gewußt, was Kentler außerhalb der Hochschule machte, auch seine populären Schriften waren mir unbekannt. Dafür kann man den Wissenschaftsbetrieb anklagen. Er hat sich als Elfenbeinturm an diese Stelle abgeschottet.

Kentler wurde 1997, nach Interventionen von Feministinnen wie der „Emma“, der Magnus-Hirschfeld-Preis in letzter Minute nicht zuerkannt.  Schon 1993 kam es bei einem Vortrag in Hannover zu einem Eklat. Es gab also deutlich Hinweise auf seine Positionen.

Das ist der einzige Punkt, den ich wirklich bedauere: die 1993 von feministischer Seite vorgetragene und öffentlich diskutierte Kritik an Kentlers pädophilenfreundlichen Schriften nicht wahrgenommen und somit auch nicht unterstützt zu haben. Diese unabsichtliche Unterlassung werfe ich mir tatsächlich vor.

Ist es nicht befremdlich, dass jemand wie Kentler sogar Vorsitzender der Fakultät werden konnte?

Diese Position ist mit viel Verwaltung verbunden und nicht sonderlich beliebt. Da meldete sich mit Kentler jemand, dem diese Arbeit Spaß machte – und diese Arbeit hat er auch gut gemacht. Von der Unterseite seines Wirkens ist nichts zu uns durchgedrungen.

Es bleibt die Frage: Wie konnte Kentler sich so gut an der Uni Hannover halten? Kentler gilt als Begründer der emanzipierenden Sexualpädagogik. Die Politologin Teresa Nentwig hat jetzt in einem Vortrag vermutet, dass begünstigend gewirkt haben könnte, dass dezidiert linke Wissenschaftler wie Peter Brückner oder Sie womöglich auch eine emanzipatorische Sexualpädagogik vertraten.

Nein! Davon distanziere ich mich in aller Schärfe. Es gibt keinen einzigen Satz von mir, der so eine Annahme rechtfertigen könnte. Mehr noch, das Ausnutzen von Abhängigkeitsverhältnissen wie bei Kentler, steht im absoluten Widerspruch zu meinen pädagogischen und humanistischen Vorstellungen, die Kinder selbstbestimmt, mündig, machen sollen. 

Die Missbrauchsfälle an der Odenwaldschule haben aber gezeigt: Zu Teilen der Reformpädagogik gehören auch Männerbunde, das Homoerotische, die Überzeugung, dass pädagogischer Eros so etwas die geistige Entwicklung fördert. Diskreditiert das reformpädagogische Projekte nicht auch?

Nach dem Debakel an der Odenwaldschule habe ich als einer der ersten die Vorfälle dort öffentlich als sexuelle Gewalt bezeichnet. Ich habe damals schon gesagt, dass die Idee von einem ‚quasi intimen Lehrer-Schüler-Verhältnis’ nur dafür sorgt, dass die wahren Abhängigkeitsstrukuren verwischt werden.  Der Missbrauch konnte an der Odenwaldschule so lange funktionieren, weil es eine geschlossene Gesellschaft war. 

Sie haben die Glockseeschule in Hannover, auch ein Kind der Reformpädagogik, 1972 mitgegründet. Solche Strukturen spielten dort also keine Rolle? 

Im Gegenteil. An der Glockseeschule hat man alles öffentlich diskutiert. Elternarbeit, als drittes Element neben Lehrern und Schülern, war immer sehr wichtig. Das Sexualitätsproblem spielte überhaupt keine Rolle. Es ging bei meiner Arbeit dort um das, was Kinder freier, und eben gerade nicht, wie bei Kentler, abhängig macht. Mir ist dort kein einziger Missbrauchsvorfall bekannt. Und: Man kann nicht einmal eine atmosphärische Nähe zu den Positionen von Kentler herstellen.

Der Fall Kentler

 Der Sexualwissenschaftler Helmut Kentler brachte in Berlin Ende der Sechzigerjahre Pflegekinder bei vorbestraften Pädophilen unter. Das „Experiment“ wurde damals vom Berliner Senat genehmigt. Danach lehrte der Wissenschaftler von 1976 bis 1996 als Professor für Sozialpädagogik an der Leibniz-Uni und vertrat auch in dieser Zeit weitgehend unbehelligt immer wieder pädophilenfreundliche Positionen. Posthum weisen Gutachten des Göttinger Instituts für Demokratieforschung dem 2008 gestorbenen Professor eine Schlüsselrolle in deutschen Netzwerken pädophiler Aktivisten zu. Anfang 2018 gab die Uni Hannover ein Gutachten bei der Politologin Teresa Nentwig in Auftrag, um die Rolle Kentlers im eigenen Haus aufzuarbeiten. Von Kentlers „Experiment“ in Berlin führt eine Spur auch an die Odenwaldschule. Nentwig fand Belege dafür, dass Mitarbeiter des Jugendamtes, die in Kentlers „Experiment“ involviert waren, auch „schwierige“ Jungen an das Internat vermittelten, an dem der pädosexuelle Schulleiter Gerold Becker zahllose Jungen missbrauchte. Die Berliner Senatsverwaltung bezahlte die Internatsplätze angeblich, weil sie billiger waren als in einem Heim. Ein Jugendlicher wohnte offenbar in Beckers direktem Umfeld und musste wegen angeblichen Alkohol- und Drogenmissbrauchs die Schule verlassen. Er starb später an Leberzirrhose. Als Becker ihn aus der Schule warf, soll er 13 Jahre alt gewesen sein.

jr

Von Jutta Rinas

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