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Hannover Chico soll zum Wesenstest
Nachrichten Hannover Chico soll zum Wesenstest
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08:40 11.04.2018
Tierpfleger Wolfgang K. führt Staffordshire Chico auf dem Gelände des Tierheims Krähenwinkel an der Leine aus. Claus Reichinger vom Tierschutzverein München sah sich das Tier dabei an. Quelle: Rainer Droese
Hannover

 Eine Woche nach der tödlichen Attacke des Staffdorshire Terrier-Mischlings Chico auf einen 27-Jährigen und dessen 52-jährige Mutter steht fest, wie es mit dem Hund in den kommenden Tagen weitergehen soll. Nach Angaben des Tierheims Hannover soll er so schnell wie möglich einem Wesenstest unterzogen werden. „Erst danach sollen die medizinischen Untersuchungen vorgenommen werden“, sagt Heiko Schwarzfeld, der Leiter des Tierheims. Wann der Test durchgeführt werden kann ist noch offen. Hansjoachim Hackbarth von der Tierärztlichen Hochschule Hannover soll sich Chico am Mittwoch im Tierheim in Langenhagen ansehen, um diese Frage zu klären. Dabei geht es auch um die Schwellung am Kopf des Tieres. „Damit ein Hund einen Wesenstest absolvieren kann, müssen ein paar Voraussetzungen gegeben sein“, sagt  TiHo-Sprecherin Sonja von Brethorst. Dazu gehört, dass der Hund frei von Krankheiten ist, an einen Maulkorb gewöhnt und geimpft ist.

Eine Tierärztin der Stadt hatte in einer ersten Inaugenscheinnahme des Hundes im Tierheim festgestellt, dass der Unterkiefer des Tieres geschwollen ist. Woher die Schwellung stammt, ob von einer Zahnentzündung oder einem Tumor, ist noch unklar. „Wir sind der Ansicht, dass eine Computertomografie notwendig ist, um ausschließen zu können, dass der Hund keinen Tumor im Kopf hat“, sagt Schwarzfeld. 

Am Dienstag konnte Chico zum ersten Mal seit dem Vorfall seinen Zwinger im Tierheim verlassen. „Ein erfahrener Tierpfleger hat ihn zum Gassigehen ausgeführt. Er hat sich dabei super brav benommen“, sagt Claus Reichinger vom Tierheim München. Er steht seit dem Angriff in engem Kontakt mit den Kollegen in Hannover und ist am Montagabend nach Niedersachsen gereist, um sich den Hund anzusehen. Der Tierschützer befasst sich in seinem Verein seit Jahren mit Rasselisten und auffälligen Hunden. Das Tierheim München betreibt auch einen Gnadenhof. „Ob wir die Möglichkeit haben, ihn dort unterzubringen, kann erst nach Abschluss aller Untersuchungen gesagt werden“, sagt Reichinger. Die Stadt übte unterdessen harte Kritik an dem Umstand, dass ein Mitarbeiter des Tierheims vor den Augen der Öffentlichkeit mit Chico Gassi gegangen war. „Wir akzeptieren das nicht und haben das Tierheim angewiesen, das nicht noch einmal zu tun“, sagte Stadtsprecher Udo Möller.

Die Staatsanwaltschaft Hannover hat inzwischen ein Verfahren wegen fahrlässiger Tötung gegen Unbekannt eingeleitet. „Wir lassen uns alle Akten und Unterlagen kommen, um beurteilen zu können ob vor sieben Jahren jemand einen strafrechtlich relevanten Fehler gemacht hat“, sagt Oberstaatsanwalt Thomas Klinge. Bislang können die Ermittler noch immer nichts über den genauen Hergang der Tat mitteilen. „Wir wissen noch nicht, wie der Hund plötzlich so in Rage geraten konnte“, sagt Klinge. Sollte sich herausstellen, dass eine Erkrankung des Tieres, möglicherweise ein Tumor, zu der Aggressivität und der tödlichen Attacke geführt hat, hätte das nach Angaben der Staatsanwaltschaft Auswirkungen auf die jetzt eingeleiteten Ermittlungen wegen des Verdachts der fahrlässigen Tötung. 

Der städtische Ordnungsdezernent Axel von der Ohe hatte am Montag eingeräumt, dass Mitarbeitern in seinem Verwaltungsbereich 2011 folgenschwere Fehler im Fall Chico unterlaufen sind. Allerdings war zu dem Zeitpunkt noch der jetzige Enercity-Vorstand Marc Hansmann Ordnungsdezernent. Chico war damals nach Behördenhinweisen zwar als gefährlich eingestuft worden, man wollte deshalb dem Besitzer die Haltung des Hundes untersagen – dann aber kümmerte sich niemand mehr um den Fall. Es seien auch Mitarbeiter betroffen, die inzwischen dort nicht mehr in der Abteilung tätig sein, hieß es am Dienstag. Wie viele Personen an der Entscheidung, damals beteiligt waren, sei jetzt Gegenstand der Ermittlungen. Im Veterinäramt arbeiten derzeit 20 Mitarbeiter, darunter sieben Amtstierärzte. Vier weitere Angestellte kennen sich speziell mit den Paragrafen des Hundegesetzes aus. Sie sind zuständig für 15 800 offiziell bei der Stadt gemeldete Hunde. Nach Angaben des Amts prüfen die Mitarbeiter im Schnitt pro Jahr 100 auffällig gewordene Hunde. In besonders schwierigen Fällen werden zudem Experten von außen hinzu gezogen. Ob das im Fall Chico auch so war, ist noch unklar.

Ausgang ohne Maulkorb

Der Hund war bei seinem Ausgang am Dienstag zwar unter strenger Aufsicht unterwegs – aber ohne Maulkorb. Das liegt nach Angaben des Tierheims daran, dass die schmerzhafte Erkrankung am Kopf das Anlegen des Maulkorbs derzeit zur Qual macht. Nur weil erfahrene Tierpfleger den Ausgang begleiteten, habe man von der Maulkorbregel ausnahmsweise abgesehen, hieß es dazu im Tierheim.

Wer entscheidet über Leben und Tod?

Die Stadt wollte Chico eigentlich bereits zu Wochenbeginn einschläfern lassen – hat aber zunächst davon Abstand genommen, weil die Untersuchungen noch andauern. Der Anwalt der Opferangehörigen, Andreas Hüttl, wies allerdings in der HAZ darauf hin, dass der Hund derzeit den gesetzlichen Erben gehört, also den Schwestern des 27-jährigen Halters – und dass diese zumindest gefragt werden sollten vor einer Entscheidung. Im Grundsatz befürworteten auch sie aber das Einschläfern.

Trotzdem bleibt die Frage: Wer entscheidet eigentlich? Nach Angaben des Deutschen Tierschutzbunds regelt das Deutsche Tierschutzgesetz dies eindeutig. „Es schreibt vor, das kein Tier ohne vernünftigen Grund eingeschläfert werden darf“, sagt Mitarbeiterin Lea Schmitz. Die Anordnung zum Einschläfern eines gefährlichen Hundes liege im Ermessen des zuständigen Veterinäramts, also der Stadt. Im Fall Chico sind zusätzlich die gesetzlichen Regelungen des niedersächsischen Hundeschutzgesetzes und des niedersächsischen Gesetzes über die öffentliche Sicherheit und Ordnung heran zu ziehen.tm

Von Tobias Morchner

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