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Hannover 1968: So protestierten Hannovers Studenten
Nachrichten Hannover 1968: So protestierten Hannovers Studenten
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00:21 27.05.2018
Im Lichthof der Technischen Hochschule protestieren Studenten im Mai 1968 gegen die geplante Verabschiedung der Notstandsgesetze. Quelle: HMH Hauschild 020361
Hannover

Mit dem Plan im Gepäck, an der Technischen Hochschule Hannover seine Abschlussarbeit zu schreiben, kehrte der Student Alfred Krovoza 1966 zurück in seine Heimatstadt. In Frankfurt hatte der junge Mann bei den Größen seines Fachs die Wissenschaften von der kritischen Gesellschaftstheorie studiert, er war Schüler des Gottvaters Theodor W. Adorno und lernte beim soziologischen Vordenker Jürgen Habermas. Es waren inspirierende Jahre. Krovoza nannte sie später „meine theoretische Inkubationszeit“.

In Hannover glühte die Revolte noch auf Sparflamme, aber doch so heiß, dass Krovoza seinen Plan vorerst zurückstellte und infiziert wurde für die politische Praxis. Heute ist der ehemalige Professor am Institut für Sozialpsychologie lange eremitiert. Sein Blick auf drei bewegende Jahre antiautoritärer Protestbewegung und außerparlamentarischer Opposition in Hannover fällt eher nüchtern aus: „Eine Studentenrevolte hat hier im Grunde nicht stattgefunden. Hannover war eine technische Hochschule, die Mehrheit blieb unberührt von den Ereignissen.“

SDS-Bühne war die Straße

Was Krovoza meint: Mit Bauingenieuren, Maschinenbauern und Elektrotechnikern war wohl ein Staat zu machen, doch keine Revolution. An der konservativ und praxisnah ausgerichteten Hochschule waren Naturwissenschaftler und Techniker traditionell deutlich in der Überzahl. Was womöglich falsch lief in der Gesellschaft, war dort kein Thema für Vorlesungen und Seminare. Erst 1964 entstand das Seminar für die Wissenschaft von der Politik, dessen Lehrstuhl mit dem linken Sozialdemokraten Peter von Oertzen besetzt war. Ein Jahr später folgte das Seminar für deutsche Literatur und Sprache mit dem charismatischen Wissenschaftler Hans Mayer, der einst vor den Nazis aus Deutschland flüchten musste. Von 1967 an leitete Peter Brückner das neue Psychologische Institut, seine radikal-kritischen Positionen machten ihn zu einer Ikone für etliche Studenten. Im April 1968 wurde schließlich die Fakultät V für Geistes- und Staatswissenschaften gegründet. Eine Minderheit blieben ihre Studierenden dennoch, es waren kaum 300 von 5200 Studenten an der Universität.

Alfred Krovoza war 1967 einer der Gründer des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) in Hannover und dann sein Vorsitzender. Wer hier mitmachen wollte, musste kein Student sein, weshalb sich unter seinem Dach auch Kommunisten, Gewerkschafter und Anarchisten fanden, insgesamt etwa um die 150 Leute. Es war eine Gruppe, die parlamentarische Demokratie und Kapitalismus überwinden wollte und die sich sich als radikale Oppositionsbewegung verstand. Der SDS war nicht in erster Linie auf Reformen der Hochschule aus, es ging ihm darum, Staat und Gesellschaft von Grund auf zu ändern. Seine Bühne war eher die Straße, nicht der Campus.

An der Technischen Hochschule wurde Ende 1967 der Ingenieurstudent Gerd Förch zum neuen Vorsitzenden der Studentenvertretung gewählt. Im Mitteilungsblatt aus dem November ist der AStA-Chef mit Kurzhaarschnitt und Bart abgebildet, dazu trägt er Hemd und Fliege. Der Umgangston war noch förmlich, Förch siezte in seinem Grußwort die Kommilitonen. Neu war eine Haltung: Themen der Universität genügten den Studentensprechern nicht mehr. „Wir haben ganz eindeutig ein politisches Mandat für uns beansprucht und uns zu gesellschaftspolitischen Fragen geäußert“, sagt Förch im Rückblick. Er war Mitglied im Sozialdemokratischen Hochschulbund (SHB), der eine enge Bindung an die Studentenvertretung hatte und von dieser Position aus weit mehr in die Studentenschaft hinein wirkte als der SDS. Man war konzilianter im Ton als die lauten Sozialisten und wollte Veränderungen in Staat und Universität, nicht jedoch das System stürzen.

Hannover: Studenten protestieren in Hannover mit Che Gueavara Plakaten. Sie blockieren mit einer Sitzblockade die Gleise der Straߟenbahn am Kröpcke. Quelle: HAZ

Nicht nur Studenten protestieren

Dieser Staat lieferte beständig Themennachschub für den Protest. Ohnesorgs Ermordung, knüppelnde Polizisten und Wasserwerfer, Unterstützung für den Vietnam-Krieg, das Attentat auf Studentenführer Rudi Dutschke, eine hetzende Springer-Presse, die Große Koalition mit einem Kanzler Georg Kiesinger an der Spitze, der Mitglied der NSDAP gewesen war. An den Universitäten forderten Studenten Mitbestimmung und neue Lehrpläne. Krovoza erinnert sich: „Wer ein bisschen bei Bewusstsein war dachte: So kann man nicht weitermachen.“ In ihren erfolgreichsten Momenten brachte diese Protestbewegung Tausende auf die Straße, und es waren nicht allein Studenten, die für eine offenere Gesellschaft kämpften. Wer wollte, konnte sich imaginieren, in vorrevolutionären Zeiten zu leben.

Zum Beispiel im Mai 1968, als sich Passanten in der Stadt ein seltenes Bild bot. Vormittags demonstrierten vor der Oper 700 Gymnasiasten gegen die Notstandsgesetze (auch Schüler wurden aufmüpfig und wehrten sich zunehmend nicht nur gegen verkrustete Lehranstalten), ehe sie in einem Zug Richtung Hochschule marschierten. Dort hatten bereits Hunderte Studenten ein sogenanntes Teach-In organisiert. Männer und Frauen saßen auf dem Fußboden des Lichthofs, ein Plakat verkündete den „Widerstand gegen den autoritären Staat“. Sollte der Bundestag einen Tag später das umstrittene Gesetz verabschieden fürchtete der SHB die uniforme Gesellschaft, „Überwachung und Zwang der einzelnen Bürger in einem mächtigen Wehrverband“, also massiv eingeschränkte Freiheitsrechte nur zwei Jahrzehnte nach dem Ende der Nazidiktatur.

Auf dieser Veranstaltung sprach sich der Sozialdemokrat und Politikprofessor Peter von Ortzen gegen die Notstandsgesetze aus. Studenten und Schüler zogen gemeinsam Richtung Sporthalle am Maschsee, wo sie sich einer Kundgebung des Deutschen Gewerkschaftsbundes anschlossen. Für die Studenten trat SDS-Sprecher Alfred Krovoza ans Mikrofon. 4500 Demonstranten hörten zu, als er zur „Aktionseinheit der Arbeitnehmer und Studenten gegen die Notstandsgesetze“ aufrief. Dieser Protest hatte für die Studenten große Bedeutung, stellt Förch heute fest: „Wichtig waren Aktionen gegen die Notstandsgesetze, die zu einer engeren Zusammenarbeit mit linken Kräften wie Gewerkschaftern und Jungsozialisten führten.“

Demonstranten gegen Nazis: Demo in der Georgstraߟe. Quelle: HP, Hannoversche Presse

Der SDS spaltet sich auf

Die gemeinsame Front von Geist und Faust hielt aber nie auf Dauer. Ende 1969 ging den Nachkriegskindern in der Studentenbewegung die Luft aus. Im Sommer feierte man noch Tage der Anarchie, als die „Rote-Punkt-Aktion“ zu einer Massenbewegung gegen die Üstra wurde, doch so schön war es nie wieder. Der SDS in Hannover löste sich zwar formal nie auf, spaltete sich aber in Fraktionen, die kein gemeinsames Ziel mehr fanden. Die einen wollten bürgerlichen Institutionen mit Stadtteilarbeit und Kinderläden begegnen, andere setzten auf Betriebsprojekte und dem Evangelium des Marxismus-Leninismus. Der SHB hielt noch etwas länger durch.

Die Gesellschaft machte weiter wie bisher. Doch die außerparlamentarische Opposition hatte den Keim für ein freieres Leben gesetzt. Alfred Krovoza glaubt, dass die Revolte den Beteiligten unbedingt persönlich genützt hat: „Die Protestbewegung war mit ihren Parolen nach der Veränderung von Alltäglichkeit auch eine individuelle Emanzipation.“ Um Reformen an der Uni ging es ebenso wie um eine freiere Sexualität. Irgendwo unterm Pflaster musste der Strand liegen. Die Suche hatte gerade erst begonnen.

Hier lesen: Teil 1 der HAZ-Serie über die Revolte um das Jahr 1968.

Von Gunnar Menkens

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