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Hannover Trauerzug für Benno Ohnesorg stand am Anfang der Protestbewegung
Nachrichten Hannover Trauerzug für Benno Ohnesorg stand am Anfang der Protestbewegung
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17:00 21.11.2018
Mit schwarzen Fahnen: Politische Transparente waren beim Trauermarsch durch die Stadt tabu. Ohnesorg Quelle: Filminstitut Hannover
Hannover

 Manchmal wirkt ein einzelnes Ereignis wie ein Fanal. Wie eine Zäsur, die die Zeit in ein Davor und ein Danach teilt. Für viele junge Hannoveraner war der 9. Juni 1967 so ein Tag. Für sie fielen an diesem Freitag deutsche Geschichte und persönliche Betroffenheit in eins, tiefe Trauer und politisches Engagement verschmolzen untrennbar miteinander. 

Trauerzug für Benno Ohnesorg Quelle: Joachim Giesel

„Ich hatte damals das Gefühl, daß eine Periode zu Ende gegangen war“, erinnerte sich der damalige Politikprofessor und spätere Kultusminister Peter von Oertzen im Rückblick. „Der Tod Benno Ohnesorgs“, befand der 2008 verstorbene von Oertzen, „war die offizielle Ouvertüre für den Wechsel von der ideologischen zur todernsten Auseinandersetzung."

Hannover im Jahr 1968

In dieser Serie blicken wir auf die Ereignisse vor 50 Jahren in Hannover zurück. Weitere spannende Geschichten zur Serie finden Sie hier.

In den Geschichtsbüchern hat das, was in der Woche zuvor in Berlin passiert war, längst einen festen Platz. Der aus Hannover stammende Student Benno Ohnesorg, Pazifist und Mitglied der Evangelischen Studentengemeinde, war am 2. Juni bei einer Demonstration gegen den Schah-Besuch erschossen worden. Von einem Polizisten. Das Foto des tödlich getroffenen 26-Jährigen, dem eine junge Frau am Heck eines VW Käfers den Kopf stützt, ist eine düstere Ikone der Zeitgeschichte.

Friederike Hausmann beugt sich über den erschossenen Studenten Benno Ohnesorg.  Quelle: dpa

Wie ein Erweckungserlebnis

In der Rückschau auf jene Tage zeigt sich, wie sehr die große Zeitenwende, die unter dem Rubrum 1968 in die Geschichte einging, das Land verändert hat – und wie nötig diese war. Brutal hatten Polizisten die Proteste der Studenten in Berlin niedergeknüppelt. Berlins Regierender Bürgermeister Heinrich Albertz bescheinigte dem Polizisten umgehend, in Notwehr gehandelt zu haben. Und die bürgerliche Presse empörte sich vor allem darüber, dass Studenten es gewagt hatten, den Glanz eines Staatsbesuches durch Proteste zu stören. Der gewaltsame Tod eines Menschen wog dagegen offenbar wenig. 

Es ist eines der dunkelsten Kapitel der Westberliner Polizei nach 1945. Am 2. Juni 1967 erschoss Karl-Heinz Kurras den Studenten Benno Ohnesorg – die Aufklärung des Attentats ließ zu wünschen übrig.

Dass die Versammlungsfreiheit ein Grundrecht ist und keine Ruhestörung, hatte die Kriegsgeneration nie gelernt; der Geist des Grundgesetzes war im Alltag noch nicht angekommen. Ohnesorgs Tod wirkte da für viele kritische Geister wie ein Erweckungserlebnis. „Der Tod Benno Ohnesorgs rüttelte viele auf“, schrieb die Historikerin Anna Christina Berlit-Schwigon. Tatsächlich brach im Juni 1967 ein Generationenkonflikt auf. Das Aufbegehren gegen den Muff von tausend Jahren, gegen den Vietnamkrieg und die Nazi-Väter nahm für viele hier seinen Anfang – ebenso allerdings wie die Legitimation von Gewalt durch die terroristische „Bewegung 2. Juni“.  

Schwarze Fahnen in Hannover

Zur Beisetzung Ohnesorgs in Hannover ließ die DDR einen Trauerkonvoi von rund 200 Autos aus Westberlin praktisch unkontrolliert passieren. Die FDJ stand publikumswirksam Spalier, als Ausweis genügte an der sonst so undurchlässigen Grenze ein Trauerflor am Wagen – ein einzigartiger Vorgang in der deutsch-deutschen Geschichte. Benno Ohnesorgs Leichenwagen, ein schwarzer Cadillac, sollte später auch bei den Beerdigungen von Marlene Dietrich und Hildegard Knef zum Einsatz kommen. In Hannover wiesen schwarze Fahnen an den Autobahnabfahrten den Wagen den Weg.

Der Leichenwagen wurde von Fahnenträgern flankiert. Quelle: Joachim Giesel

Tausende beim Trauerzug

Rund 7000 Besucher aus ganz Deutschland kamen am 9. Juni nach Hannover. Auf dem Schützenplatz parkten Käfer mit Trauerflor; einen Pkw zierte der ungelenk formulierte Slogan „Wo man jubelt, muß man auch protestieren dürfen, ohne erschossen zu werden!“ Ohnesorg wurde im Familienkreis auf dem Bothfelder Friedhof beigesetzt. Studenten legten derweil Kränze im Lichthof der heutigen Leibniz-Uni nieder. Dann formierte sich ein schier endloser Trauerzug vom Königsworther Platz Richtung Steintor und Georgstraße.

Gerd Förch, damals AStA-Vorsitzender der Technischen Hochschule, hatte sich dafür stark gemacht, einen Schweigemarsch ohne Protestplakate und laute Parolen abzuhalten. Aus Pietät wollte der Asta ein „Abgleiten der Trauerkundgebung in politisches Fahrwasser vermeiden“. Adrett gekleidete Frauen und junge Männer mit akkurat gestutzten Haaren und schwarzen Krawatten zogen durch die Stadt, vorbei an der U-Bahn-Baustelle – und kritisch beäugt von besorgten Bürgern. 

Trauerzug für Benno Ohnesorg Quelle: Joachim Giesel

In der Stadionsporthalle versammelte sich dann das Who’s who der linken Szene. Am kurzfristig organisierten Kongress „Bedingung und Organisation des Widerstands“ beteiligte sich Rudi Dutschke ebenso wie der Politologe Wolfgang Abendroth, der Theologe Helmut Gollwitzer, der Schriftsteller Erich Kuby und der Pädagoge Hartmut von Hentig. „Es war eine merkwürdige Stimmung“, berichtete Peter von Oertzen später, „eine Mischung aus Betroffenheit und Wut.“

„Linker Faschismus“

Knut Nevermann, ehemaliger AStA-Vorsitzender der FU Berlin, sagte, Ohnesorgs Tod würde „den bitteren Höhepunkt einer Politik darstellen, die Minderheiten und Nonkonformisten ausschalten will“. Rudi Dutschke beschwor die Revolution und erklärte, dass jetzt endlich die „Abschaffung von Hunger, Krieg und Herrschaft materiell möglich geworden“ sei. Den Kongress erlebten viele als Gründungsveranstaltung einer neuen Gesellschaft, als Manifestation eines großen Zusammengehörigkeitsgefühls. Doch zugleich schien in den hitzigen Debatten auch schon etwas von der späteren Zersplitterung der linken Szene in kleine und kleinste, teils heftig rivalisierende Gruppen auf.

Trauerzug für Benno Ohnesorg Quelle: Joachim Giesel

Teilnehmer konnten an diesem Tag auf dem Parkplatz einen Herrn beobachten, der nachdenklich zu seinem Auto ging. Dann kehrte der Frankfurter Soziologe Jürgen Habermas noch einmal um und meldete sich zu Wort. Er wies auch auf Gefahren hin, die mit den Studentenprotesten einhergingen – und kritisierte den schon abgereisten Dutschke: „Ich hätte gerne geklärt, ob er nun willentlich die manifeste Gewalt herausfordert“, sagte er, „und zwar so, dass er das Risiko von Menschenverletzung absichtlich einschließt oder nicht.“ Habermas warf Dutschke gar „linken Faschismus“ vor – ein Schlagwort, das in der Szene einen Aufschrei auslöste und von dem Habermas selbst sich später distanzierte.

Habermas war zu Beginn des Tages davon ausgegangen, dass in der Stadionsporthalle nüchterne Debatten auf dem Programm stünden. Erst im Laufe der Diskussion habe er wahrgenommen, wie stark die emotionale Mobilisierung unter den Teilnehmern war, erinnert er sich heute: „Eine derartige Massenveranstaltung war auch für mich persönlich eine ganz neue Erfahrung." 

„Emotionale Massenveranstaltung“: das studentische Forum in der Sporthalle zum Tod von Benno Ohnesorg. Quelle: Joachim Giesel

In der Erinnerung vieler Zeitzeugen wurde der Tag zum Auftakt einer großen Zeitenwende. Bis dato unpolitische Studenten begannen, sich zu engagieren. Die Proteste radikalisierten sich. Und Benno Ohnesorg wurde schließlich zur Figur der Zeitgeschichte. Ein Student aus Hannover, der zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen war.

Beisetzung von Benno Ohnesorg auf dem Bothfelder Friedhof Quelle: Joachim Giesel

Von Simon Benne

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