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Hannover Wagenersche Stiftung erforscht Geschichte
Nachrichten Hannover Wagenersche Stiftung erforscht Geschichte
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00:21 10.09.2018
Ein Schmuckbau für die Armen: Die Ansichtszeichnung von 1895 zeigt das Gebäude der Wagenerschen Stiftung, das damals gebaut wurde – und in dem diese noch heute sitzt. Quelle: Stiftung
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Hannover

Der Bäckermeister muss ein sehr gläubiger Mensch gewesen sein. Als Johann Jobst Wagener im Jahr 1784 auf 49 Seiten sein Testament abfasste, trieb ihn die Sorge um die „Armen, Kranken, Rathlosen und Nothleidenden“ in der Calenberger Neustadt um. Ein modernes Sozialwesen gab es noch nicht. Kriege, Missernten und Hunger setzten vielen Menschen zu – zumal die Kartoffel in Hannover, anders als in anderen deutschen Landen, noch als exotisch galt. Und so richtete Wagener für den Fall, dass seine Erben ohne Nachkommen bleiben sollten, eine Stiftung über 30 000 Taler für Bedürftige ein.

„Sein Testament ist ein Beleg für Bürgersinn, Frömmigkeit und Nächstenliebe“, sagt Reinhold Fahlbusch, der Vorsteher der Johann Jobst Wagenerschen Stiftung, die es bis heute gibt. Jetzt hat die altehrwürdige Institution ihre eigene Geschichte aufgearbeitet. Verschiedene Autoren haben Beiträge für den Band „Bis hierher... – Die Wagenersche Stiftung in Hannover in Wort und Bild“ (MediaLit-Verlag, 172 Seiten, 24, 80 Euro) beigesteuert.

Ein Akt der Nächstenliebe

Die Armenstiftung des Bäckermeisters wurde wirksam, als dessen Enkelin 1853 kinderlos verstarb. Neben dem Barvermögen bestand die Stiftung anfangs noch aus mehreren Immobilien, Ländereien und Bergwerksanteilen. Die Pastoren der Neustädter Kirche – Wagener hatte selbst zu dieser Gemeinde gehört – sollten das Geld gegen Aufwandsentschädigung an die Armen verteilen.

In dem Buch arbeitet Reinhold Fahlbusch die Geschichte der bisherigen Stiftungsvorsteher auf. Sozialdezernentin Konstanze Beckedorf hat einen Aufsatz über die soziale Funktion des Stiftungswesen beigesteuert, und der Bauhistoriker Sid Auffarth schreibt über das heutige Stiftungsgebäude – in seinen Augen ein „ein baulich-soziales Kleinod“. Das 1897 fertiggestellte Stiftsgebäude an der Theodor-Krüger-Straße ist eine Schöpfung des damaligen Stararchitekten Hermann Schaedtler. Die repräsentative Architektur gab den Armen ein Stück ihrer Würde zurück.

Das Gebäude, das in den vergangenen Jahren von Grund auf renoviert wurde, ist seit mehr als 120 Jahren das Herzstück der Stiftung. In dem schmucken Bau finden sich heute 80 Wohnungen, im Schnitt etwa 36 Quadratmeter groß, die zu moderaten Preisen an Bedürftige vermietet werden. Darunter sind psychisch Kranke, Alkoholiker oder Menschen mit Handicap, die auf dem freien Markt schwer eine Wohnung finden würden. Betreut werden sie von zwei Sozialarbeiterinnen.

Grabstelle neu entdeckt

„Housing first“ nennt man eine aktuelle Strategie, um den Kreislauf aus Obdachlosigkeit und sozialem Abstieg zu durchbrechen, indem man Menschen zunächst ein Dach über dem Kopf verschafft. „Wir tun dies bereits seit Jahrzehnten“, sagt Stiftungsvorsteher Fahlbusch.

Im Zuge der Recherchen für das Buch tauchte im Keller der Stiftungsverwaltung ein Bündel Papiere auf – Akten, die dort seit Jahrzehnten unbeachtet gelegen hatten. Darin befand sich auch ein Plan des alten Friedhofs am heutigen Conti-Hochhaus der Uni, in dem Wageners längst vergessene Grabstelle eingezeichnet war.

Tatsächlich fand sich an der Stelle unter einer dicken Moosschicht die verwitterte Grabplatte seiner Frau Ilse Sophie – Wageners eigener Stein ging offenbar in den Kriegswirren verloren. Der Plan, hier eine Hecke anzulegen und ein Hinweisschild aufzustellen, scheiterte am Widerstand der Stadt, doch die Steinmetzin und Restauratorin Magdalena Hinze hat die Grabplatte liebevoll herausgeputzt. Im Gedenken an den frommen Bäckermeister, der noch Jahrhunderte nach seinem Tod täglich Menschen in Not hilft.

Kommentar: Ein Lob auf den edlen Stifter

In den vergangenen Jahren wurde das repräsentative Gebäude aufwendig saniert; jetzt ist es mit seinem lauschigen Innenhof und der stilvollen Fassade ein städtebauliches Kleinod. Doch in der Johann Jobst Wagenerschen Stiftung an der Theodor-Krüger-Straße leben nicht die Wohlbetuchten. Hier haben Menschen mit psychischen Erkrankungen ein Domizil gefunden, Alkoholiker oder Männer und Frauen mit Handicap, die auf dem freien Markt nur schwer eine Wohnung finden würden. Der Gedanke, dass auch für die Armen das Beste gerade gut genug ist, trieb schon die Bauherren um, die das Stiftungsgebäude um 1897 im schlossähnlichen Stil errichteten. Gerade den Benachteiligten wollten sie durch eine angemessene Wohnung ein Stück Würde zurückgeben. Heute bietet das schmucke Umfeld Menschen Halt, deren Biografien sonst oft reich an Brüchen sind. Zu moderaten Preisen werden die 80 Wohnungen an Bedürftige vermittelt. Unter dem modernen Begriff „Housing first“ setzen Sozialarbeiter seit einiger Zeit darauf, Menschen zuerst ein Dach über dem Kopf zu verschaffen, um ihren sozialen Abstieg zu stoppen. Hier tut man das schon seit mehr als 120 Jahren.Die Stiftung verdankt ihre Existenz der Nächstenliebe des Bäckermeisters Johann Jobst Wagener, der in seinem Testament die „Rathlosen und Nothleidenden“ großzügig bedachte. Als die Stiftung jetzt ihre Geschichte aufarbeitete, stieß sie auch auf das Familiengrab ihres Gründers auf dem alten Friedhof am heutigen Conti-Hochhaus der Leibniz-Uni. Das Vorhaben, hier eine Hinweistafel aufzustellen, scheiterte am Widerstand der Stadt. In einer Zeit, die nach Vorbildern sucht, kann es nicht schaden, diese Entscheidung noch einmal zu überdenken.

Von Simon Benne

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