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Hannover Diese Pflanze breitet sich in der Eilenriede aus
Nachrichten Hannover Diese Pflanze breitet sich in der Eilenriede aus
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00:49 25.04.2018
Ulrich Schmersow inmitten eines Teppichs von Buschwindröschen, der angestammten Frühlingsbotin in der Eilenriede. Quelle: Foto: Katrin Kutter
Hannover

 Am Rand des Waldweges zwischen Zoo und Musikhochschule in der nördlichen Eilenriede machen drei ältere Frauen, gebürtig in der Türkei, ein kurzes Päuschen. Mehrere große Einkaufstaschen haben sie dabei, schon gut gefüllt mit einer langstieligen Pflanze mit weißen Blüten. „Wir machen würzen damit Salate oder Gemüse wie Brokkoli und benutzen es als Ersatz für Zwiebeln oder Knoblauch. Das ist sehr gesund“, sagt eine von ihnen. Ulrich Schmersow, Landschaftsökologe  im Bereich Forsten und Naturschutz der Stadtverwaltung, findet es ziemlich gut, was die Frauen da tun.

Die Pflanze, die die Frauen gesammelt haben, heißt Seltsamer Lauch und trägt ihren Namen wegen der ungewöhnlichen Blütenform. Ursprünglich im Kaukasus beheimatet, ist sie vermutlich durch den Menschen nach dem Zweiten Weltkrieg nach Hannover gelangt und macht sich dort mittlerweile als sogenannte invasive Art unbeliebt – als Pflanze also, die andere verdrängt. Das geht in der Eilenriede vor allem auf Kosten der Symbolblume des hannoverschen Stadtwaldes, dem Buschwindröschen, sowie dem Lerchensporn.

In den vergangenen Jahren hat der Seltsame Lauch stärker zugelegt als früher. „Den genauen Grund kennt man nicht. Der Klimawandel und erhöhte Stickstoffeinträge aus der Luft könnten eine Rolle spielen“, sagt Schmersow. Ein anderer Verdacht: Die Waldarbeiter selbst könnten dem Eindringling unabsichtlich auf die Sprünge geholfen haben, und zwar durch die Mäharbeiten. „Reste zerschnittener Lauchzwiebeln bleiben an den Maschinen hängen. Wenn die dann in einen anderen Waldbereich fahren, wandert die Pflanze mit“, erklärt der Botaniker.

Der Stadt bereitet die Entwicklung Kopfzerbrechen und Arbeit. Über die Frage, ob der Seltsame Lauch nun schöner ist als die heimischen Frühlingsboten, könnte man noch streiten. Für den ökologischen Wert gilt das nicht. Weiße und gelbe Buschwindröschen bieten mit ihrem Nektar Wildbienen, Schmetterlingen und Fliegen Nahrung. Die drei Lerchenspornarten sondern eine süßliche Flüssigkeit ab, die Ameisen schätzen. All dies kann der Kaukasier nicht leisten. „Er passt in der Eilenriede nicht in das etablierte ökologische Netzwerk“, beschreibt es Schmersow.

Den Streifen längs der Fritz-Behrens-Allee hat die Stadt bereits aufgegeben. Dort wächst der Seltsame Lauch in dichten Teppichen, Buschwindröschen sind dort nicht mehr zu sehen. „Wir wollen aber andere Waldbereiche schützen“, erklärt Schmersow. Wo sich Lauchinseln bilden, rücken Mitarbeiter aus dem Beschäftigungsförderungsprogramm des städtischen Stützpunktes Hölderlinstraße an und graben den Eindringling samt Zwiebeln aus – ein ziemlich mühsames Geschäft. Außerdem wollen die Waldarbeiter die Mäharbeiten so organsieren, dass der Lauch nicht davon profitiert. Die geernteten Pflanzen lässt die Stadt vernichten, wofür die drei Türkinnen bestimmt kein Verständnis hätten. Lauchsalat auf dem Speiseplan in der Rathauskantine ist bisher keine Option.

Allen Frühaufstehern im Pflanzenreich des Waldes gemeinsam ist der Umstand, dass sie die lichtintensive Phase zwischen den ersten warmen Tagen des Jahres und der Zeit, die es braucht, bis die Bäume ihr Blätterdach bilden, zur Blüte nutzen müssen. In der Eilenriede hat sie in diesem Jahr später begonnen als üblich und dürfte auch kürzer sein. „Die Natur ist in den vergangenen Tagen explosionsartig ergrünt, sie hat Nachholbedarf“, sagt Schmersow.

Wenn nur noch wenig Licht durch das Laub dringt, ziehen die Frühblüher ihre oberirdischen Pflanzenteile ein, um in ihren Zwiebeln Kraftreserven für die nächste Vegetationsperiode zu bilden. Das ist auch die Zeit, in der sie besonders stark ihren speziellen Geruch verströmen. In Teilen der Eilenriede und den angrenzenden Wohnvierteln wird demnächst eine sehr deutliche Knoblauchnote in der Luft liegen. Verantwortlich dafür ist dann nicht unbedingt der Nachbar, der mal wieder ambitioniert südländisch kocht. Es ist eher der Seltsame Lauch.

Von Bernd Haase

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