Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Hannover Grundschule Ahlem hat Angst vor dem Abseits
Nachrichten Hannover Grundschule Ahlem hat Angst vor dem Abseits
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
12:03 19.04.2018
Die Grundschule Ahlem will seit sechs Jahren Ganztagsschule werden. Quelle: Foto: Heidrich
Anzeige
Hannover

  Die Grundschule Ahlem schlägt Alarm. „Noch sind wir keine Brennpunktschule, noch geht es uns nicht wie der Grundschule Mühlenberg“, sagt Mutter Julia Stein (33), „aber wir sind auf dem besten Weg dorthin.“ Yusuf Agca (42) hat bereits sein viertes Kind auf der Grundschule. „Es ist traurig zu sehen, wie alles bergab geht“, sagt er. Die Lehrer würden den Schülern immer noch viel beibringen und gut auf den Wechsel nach Klasse 4 vorbereiten, fügt er hinzu. Seine drei ältesten Kinder sind auf dem Gymnasium oder haben bereits Abitur gemacht. Es gibt dieses Bild „sehenden Auges in den Abgrund laufen“. So könne man die Situation der Grundschule Ahlem wohl zusammenfassen, meinen Eltern- und Lehrervertreter im Schulvorstand. Sie fühlen sich von der Stadt im Stich gelassen. Die Entwicklung sei bekannt, sagt Schulleiterin Christine Grimpe, aber es geschehe trotz aller Mahnungen der Eltern und Lehrer nichts.

Seit 2012 will Grundschule auf Ganztag umstellen – bislang ohne Erfolg

Seit sechs Jahren will die Grundschule Ahlem Ganztagsschule werden. Inzwischen haben aber acht Nachbarschulen bereits ein Nachmittagsangebot, und berufstätige Eltern wählen lieber die Grundschule mit dem längeren Betreuungsangebot. 77 Kinder sind im vergangenen Sommer in die erste Klasse eingeschult worden, weitere 50 mehr hätten es sein sollen, fügt die Schulleiterin hinzu. Die wurden aber an anderen Grundschulen angemeldet. Von den  pädagogischen Angeboten der Ahlemer Grundschule seien viele Eltern bei den Informationstagen angetan, meint Grimpe, aber am wichtigsten sei den Familien sei, ob die Schule eine Ganztagsschule sei oder nicht. Wer die Schüler um 13 Uhr nach Hause schicken müsse, sei klar im Nachteil. „Wir kämpfen um jeden Schüler“, sagt Grimpe.

Für 345 Kinder gebe es nur 40 Hortplätze, beworben hatten sich dafür zuletzt 140 Kinder. Das Angebot deckt den Betreuungsbedarf nur zu 11,7  Prozent ab. Neue Horte dürfen aber nicht mehr entstehen, weil in der Stadt der Ausbau von Ganztagsschulen den Vorrang hat.

Weniger berufstätige Eltern, dafür mehr Kinder aus Flüchtlingsfamilien

Viele berufstätige, besser situierte Eltern aus den Neubaugebieten wandern also ab von der Grundschule Ahlem. Gleichzeitig kommen immer mehr Schüler ohne Deutschkenntnisse in die Schule. Rund 19 Prozent – 62 Kinder von insgesamt 345 Schülern – stammen aus den drei Flüchtlingsheimen in Ahlem. „Das ist keine gute Mischung mehr“, sagt eine Lehrerin, „in den Klassen wachsen die Konflikte.“ Es gebe Klassen, da hätten nur noch fünf Kinder die Muttersprache Deutsch. Hier werde eine Schule alleingelassen. Das Angebot der christlichen Pfadfinder, für 30 Kinder zwei Stunden Nachmittagsbetreuung an jeweils zwei Tagen in der Woche ohne Mittagessen reiche bei Weitem nicht aus. Die Stadt prüft gerade, ob zum neuen Schuljahr eine weitere Gruppe eingerichtet werden kann.

Dabei liegen aus Sicht des Schulvorstandes günstige Rahmenbedingungen für den Ganztagsbetrieb durchaus vor: Es gibt eine Küche, eine als Mensa geeignet Pausenhalle, die Möglichkeit einer Geschosserweiterung, zudem grenze der Schulhof an einen städtischen Park. Trotzdem ist eine schnelle Umstellung auf Ganztagsbetrieb zunächst weiterhin ein frommer Wunsch. Von den neun Grundschulen, die ab dem Schuljahr 2020/21 zur Ganztagsschule werden können, nimmt die vierzügige Grundschule Ahlem nur den 5. Rang ein. 

Veraltete Kritierien zugrunde gelegt bei Berechnung von Betreuungsbedarf

Der Schulvorstand bemängelt, dass veraltete Kriterien für diese Einteilung zugrunde gelegt worden seien. Anfang 2016 hat der Anteil der  Null- bis Neunjährigen mit Migrationshintergrund in Ahlem nach Berechnungen der Stadt bei 52,3 Prozent gelegen. Dies stimme längst nicht mehr, sagen die Eltern- und Lehrervertreter. Ab Mai 2016 seien in kurzer Zeit viele Familien aus Kriegsgebieten in den angrenzenden Flüchtlingsheimen untergebracht worden, schon jetzt sei jeder sechste Schüler ein Flüchtlingskind, Tendenz weiter steigend. Im Dezember 2014 habe der Anteil der Familen, die auf Transferleistungen angewiesen seien, bei 26 Prozent gelegen, durch die Flüchtlinge dürfte auch dieser Anteil deutlich gestiegen sein, heißt es in einer Stellungnahme der Grundschule an die Stadt. 

Besonders ärgert es den Schulvorstand, dass die Betreuungsquote im Kindergarten als Bemessungsgrundlage für den Ganztagsversorgungsbedarf zähle. „Das ist angesichts des Kita-Notstands in Ahlem ein Hohn“, sagt Selina Schwarz (38), vierfache Mutter. Es gebe zu wenig Krippenplätze, zu wenig Kindergartenplätze, zu wenig Hortplätze, das könne doch nicht bedeuten, dass es keinen Bedarf an Ganztagsschulplätzen gebe. 

Hilfe aus dem Programm für Brennpunktschulen?

Die Stadt verweist darauf, dass der Bedarf an Kita-Plätzen bekannt sei, deshalb sollten in den nächsten Jahren auch rund 450 neue Krippen- und Kindergärtenplätze entstehen. Möglicherweise könne die Grundschule Ahlem als „Schule mit besonderen Herausforderungen“ Hilfe beantragen, wenn eine solche Belastung vorliege. Die Verwaltung arbeite gerade an einem entsprechenden Konzept. 

Von Saskia Döhner

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Die Polizei hat in der Nacht zu Montag am hannoverschen Hauptbahnhof zwei Männer nach einer Schlägerei festgenommen. Sie sollen einen 34-Jährigen verprügelt haben, der einer Begleiterin einer der beiden Schläger zuvor zu Hilfe kommen wollte.

02.04.2018
Hannover Einsatz in der Innenstadt - Polizei geht gegen PS-Protze vor

Die Polizei ist in der Nacht zu Karsonnabend gegen Lärmbelästigungen durch PS-starke Autos in der Innenstadt vorgegangen. Dabei ahndeten sie 42 Ordnungswidrigkeiten und fünf Straftaten.

02.04.2018

Drei Mal haben türkische Hochzeitsgesellschaften am Osterwochenende in Hannover die Polizei auf den Plan gerufen. In allen drei Fällen feuerten Gäste mehrere Schüsse ab. Die Täter konnten bislang nicht identifiziert werden.

02.04.2018
Anzeige