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Hannover „Lindens Geschichte ist voller Überraschungen“
Nachrichten Hannover „Lindens Geschichte ist voller Überraschungen“
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00:15 11.10.2018
Linden zu Beginn des 20. Jahrhunderts: Blick auf Wasserwerk und Windmühle von der Badenstedter Straße. Quelle: Foto: Histroisches Museum
Linden-Nord

„Wir wollen einen anderen Blick auf unseren Stadtteil ermöglichen“ – so begrüßt Jonny Peter die Zuhörer im historischen Stadtteilarchiv des Freizeitheims Linden. Das Vorstandsmitglied des Vereins Quartier nimmt sein Publikum mit auf eine 90-minütige Reise in die Vergangenheit. Für seinen Vortrag über die Frühgeschichte der einstigen Arbeiterstadt Linden hat Peter viele interessante Details aufgearbeitet – sie ermöglichen eine ganz besondere Sicht auf den heutigen Stadtteil Linden, der von vielen als „hip“ wahrgenommenen wird.

Linden zu Beginn des 20. Jahrhunderts: Blick auf Wasserwerk und Windmühle von der Badenstedter Straße. Quelle: Marius Klingemann

„Linden ist voller Überraschungen, wenn man nur etwas in die Tiefe geht“, sagt Peter, der selbst seit über 40 Jahren dort lebt. Von der ersten urkundlichen Erwähnung um 1115 als Gerichtsstand des Grafen Widukind von Schwalenberg („in loco Linden“) über die Verleihung der Stadtrechte im Jahr 1885 bis hin zur Eingemeindung in die Stadt Hannover anno 1920 veranschaulichte der 64-Jährige die lokale Entwicklung, garniert mit zahlreichen launigen Anekdoten und aufschlussreichen Fakten.

Bereits vor dem offiziellen Beginn seines Vortrags kommt Peter mit den Besuchern ins Gespräch und bringt sogleich erste kleine Geschichten sowie einige Buchtipps zur örtlichen Historie unter die Leute. Begleitet von zeitgenössischen Zeichnungen, Karten und Aufnahmen des Historischen Museums und des Niedersächsischen Hauptstadtarchivs, berichtet der Stadtteilhistoriker dann über viele Lindener Orte, die den Menschen nach wie vor ein Begriff sind.

Der aus vor Ort abgebautem Kalkstein errichtete Wartturm auf dem Lindener Berg etwa wurde in der Mitte des 17. Jahrhunderts zu einer Windmühle umgebaut, deren Flügel wiederum im Zweiten Weltkrieg zerstört wurden. Der Turm aber steht nach wie vor und bildet heute das Zentrum des beliebten Biergartens.

Jonny Peter vom Bürgerverein Quartier e.V. berichtet im Freizeitheim über die Entwicklung Lindens bis 1920 Quelle: Hauschild, Wilhelm

Peter berichtet ebenso von dem seinerzeit rund 7,5 Hektar großen Küchengarten, den die adeligen Welfen 1652 als Obst- und Gemüsegarten anlegen ließen. Der ungefähr zur selben Zeit im Auftrag des Hannoverschen Oberhofmeisters Franz von Platen errichtete Barockgarten – mittlerweile als Von-Alten-Garten bekannt – ist ebenfalls Gegenstand des Vortrags. Mitte des 19. Jahrhunderts wurde Linden schließlich weithin als „das schönste Dorf im Königreich Hannover“ bezeichnet, wie Soziologe und Linden-Liebhaber Peter erklärt. Und es wirkt ein wenig so, als sei er darauf heute noch stolz.

Der Ort Linden wuchs auch immer weiter: Nach dem Dreißigjährigen Krieg (1618–1648) lebten dort gerade einmal noch rund 200 Menschen – bei der Eingemeindung im Jahr 1920 waren es dann mehr als 80 000 und damit mehr als etwa in Celle oder Lüneburg.

Ein Grund hierfür war die voranschreitende Industrialisierung. Zahlreiche Arbeiter aus dem Eichsfeld, dem Weserbergland und vielen weiteren Regionen zogen zum Broterwerb nach Linden – sie fanden Arbeit in der Egestorffschen Maschinenfabrik oder in der großen Weberei an der Ihme (wo heute das Ihme-Zentrum steht).

Linden wurde auch politisch zum Arbeiterzentrum. 1884 errang der Gewerkschafter Heinrich Meister hier das erste sozialdemokratische Direktmandat im Deutschen Kaiserreich. Und auch in der Folge blieb Linden rot – bis zur Machtübernahme der NSDAP im Jahr 1933.

Von Marius Klingemann

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