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Hannover Ausgerechnet in Mühlenberg sind Kitaplätze knapp
Nachrichten Hannover Ausgerechnet in Mühlenberg sind Kitaplätze knapp
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00:17 18.06.2018
Ausgerechnet im Brennpunkt Canarisweg in Mühlenberg sind Kitaplätze nach wie vor ein rares Gut. Quelle: Samantha Franson
Hannover

Delven Mosto hat geschafft, wovon andere Mütter träumen. Die so bescheidene Mühlenberger Stadtteilmutter hat ihre drei Kinder bravourös durch die Schule gebracht. 14, 13 und 7 Jahre sind sie alt, die beiden Großen besuchen mittlerweile die Humboldtschule in Hannover, ein Gymnasium in Linden-Süd. Das ist umso bemerkenswerter, weil Mosto selbst kaum Schulbildung hat. Vier Jahre sei sie zur Schule gegangen, erzählt sie an diesem Tag im Elterntreff des Familienzentrums Mühlenberg im Canarisweg 2. Als sie vor 20 Jahren als junge Flüchtlingsfrau aus dem Irak nach Deutschland kam, sprach sie überdies kein Wort Deutsch. Was also ist ihr Erfolgsrezept? Wieso sind ihre Kinder so gut der Schule? „Ich habe ihnen gesagt, dass Schule sehr wichtig ist“, antwortet die 38-Jährige schlicht. „Man muss gut in der Schule sein“, betont sie noch einmal ernst, dann lacht sie, und erzählt stolz von den Noten ihrer Kinder. In Mathe, in Kunst, auch in Deutsch habe ihre große Tochter in der Grundschule immer eine Eins gehabt. Das Mädchen möchte studieren – und vielleicht Innenarchitektin werden.

Die Not am Canarisweg bleibt

Geholfen hat sicher auch, dass Mostos Kindern etwas zuteil wurde, das in Deutschland unter dem so behördlich klingenden Namen frühkindliche Bildung firmiert. Alle drei hatten einen Kindergartenplatz, etwas, das vielen Kindern ausgerechnet in einem so armen Stadtteil wie Mühlenberg fehlt. 301 Kinder haben sich in diesem Jahr im Familienzentrum Mühlenberg vorangemeldet. Darunter sind 25 Kinder, die 2017 geboren, also gerade einmal Jahr oder jünger sind. 209 der angemeldeten Kinder wurden zwischen 2013 und 2016 geboren. Für 67 Kinder ist die Anmeldung die letzte Chance, überhaupt noch so etwas wie vorschulische Bildung zu erlangen: Ihr Geburtsdatum liegt im Jahr 2012, sie müssen also 2019 in jedem Fall die Schule. Chance auf einen Kindergartenplatz ist in ihrem Fall ein großes Wort: Gerade einmal 13 Kinder kann das direkt gegenüber den Betonhochburgen des Canariswegs liegende Familienzentrum in evangelischer Trägerschaft aufnehmen. In der städtischen Wohnungskita am Canarisweg 21, die 2017 für Aufsehen sorgte, weil Anwohner Müll von den Balkonen warfen, sieht es kaum besser aus. Auf 130 Kinder auf der Warteliste kommen hier 20 Plätze. Auch wenn mittlerweile der Mühlenberger Vier-Punkte-Plan zu greifen beginnt, mit dem die Stadt neue Kitaplätze in dem so stark von Armut betroffenen Stadtteil schaffen will, auch wenn man konzediert, dass viele Familien ihre Kinder in mehreren Mühlenberger Kindergärten angemeldet haben - die Zahlen belegen dennoch eindrucksvoll: Die Not am Canarisweg ist immer noch groß.

Das ist umso bedrückender, weil die hohen Anmeldezahlen auch zeigen, dass die Mütter im Canarisweg verstanden haben, wie wichtig frühkindliche Bildung ist. Dabei hatten sie selbst oft kaum oder keine Schulbildung, geschweige denn etwas so Exotisches wie einen Kindergartenplatz. Kindergärten habe es im Irak nur in den großen Städten gegeben – und sie seien teuer gewesen, erzählt die 23-jährige Aishan Nouri Suleiman. Die junge Mutter aus dem Irak trifft sich regelmäßig mit anderen Flüchtlingsfrauen im Elterntreff des Familienzentrums, mit Kitamüttern und Müttern, die keinen der raren Plätze ergattern konnten. Die Mischung ist gewollt: Der Elterntreff will Treffpunkt für alle Bewohner des Stadtteils sein, Sprachbarrieren abbauen, Hilfestellungen bei Ämterfragen leisten. Stadtteilmutter Delven Mosto übernimmt dabei eine wichtige Brückenfunktion zwischen Erziehern und Eltern. Sie spricht arabisch, kurdisch und deutsch, übersetzt, unterstützt bei Behördengängen.

Dass Bildung im Irak oft den Jungen vorbehalten war – und die Mädchen im Zweifel zurücksteckten, berichten die Mütter an diesem Morgen. Eine darf genau wie der Bruder in die Dorfschule gehen. Aber als ein Schulwechsel in eine größere Stadt bevorsteht, muss sie, anders als der Bruder, zu Hause bleiben. Eine andere weigert sich als kleines Mädchen aus Angst vor dem Schulweg in die Schule zu gehen. Als sie es später will, sagt ihre Mutter: „Du bist älter geworden, jetzt brauchst Du keine Schule mehr.“ Warum ist den Frauen, die zum Teil Analphabetinnen sind, die Bildung ihrer Kinder so wichtig? „Wir erleben jeden Tag, wie schwierig es ist, wenn man nicht mal seinen Namen schreiben kann“, sagen die Mütter: beim Arzt, bei Behörden, im Sprachkurs. Ihre sprachmächtigeren Kinder nehmen sie deshalb zu wichtigen Terminen mit, notgedrungen auch in der Schulzeit. Es ist ein Teufelskreis, der da oft beginnt, weil Kinder für ihre Familien im Einsatz sind und in der Schule fehlen.

Ein Teufelskreis

Es ist einer von vielen Teufelskreisen, die entstehen, wenn Kindergärten die geringe Schulbildung und die schlechten Deutschkenntnisse von Eltern nicht kompensieren. Die Mütter vom Canarisweg können von Kindern erzählen, die ohne jede Sprachkenntnisse in die erste Klasse einer Grundschule kommen und statt mit Buchstaben und Zahlen mit permanenter Überforderung kämpfen. „Dabei ist es gerade am Anfang so wichtig, dass man alles mitbekommt“, sagt Aishan Nouri Suleiman: „Sonst ist man sofort im Hintertreffen“. Mütter wie sie müssen zudem schmerzlich lernen, dass sie ihren Kindern in entscheidenden Fragen keine Hilfe sind. „Ich kann meinen Kindern einfach kein Deutsch beibringen, das können nur Kindergarten oder Schule“, sagt Jovin Khalil Alil, 23, Mutter zweier Kinder. Die deutsche Sprache sei ganz anders aufgebaut als die kurdische. Das sei für sie mindestens genau so schwer wie für ihre Kinder zu lernen.

Es ist kein Wunder, dass Frauen wie Nawal Chicho Mado mehrmals in der Woche im Familienzentrum Mühlenberg vorbeikommen, um zu fragen, ob es endlich einen Kitaplatz für ihre Kinder gibt.Vor drei Jahren kam die 31-Jährige aus dem Irak nach Deutschland. Vier Kinder hat, zwei sind in der Schule, die Kleinen sind notgedrungen zu Hause. Auch sie wünscht sich dringend, dass Kinder schnell Deutsch lernen. Gerade der Ältere, 3 Jahre alt, langweile sich ohne Spielkameraden zudem fürchterlich. Dazu kommt: Nawal Chicho Mado kann nicht arbeiten gehen – und als Nicht-Berufstätige rutscht sie auf den Wartelisten der Kita wieder weiter nach hinten. Was kann sie tun, außer ständig nachzufragen? „Nichts“, sagt die 31-jährige bitter: „Aber wenn man einen Platz mit Geld kaufen könnte – ich würde es versuchen.“

Im Stadtteil gibt es besonders viele Kinder mit Förderbedarf

In Mühlenberg gilt laut dem städtischen Armutsbericht 2017 mit 46,2 Prozent fast die Hälfte aller Bewohner als arm. Auch die Armut von Kindern bis 17 Jahre ist mit 68,9 Prozent besonders groß. Zum Vergleich: Auf Platz zwei liegt Vahrenheide mit 46,6 Prozent.

Dazu ist seit 2014 ein starker Bevölkerungszuwachs zu verzeichnen, allein 2016 lebten hier gegenüber dem Vorjahr 532 Menschen mehr, davon 146 Kinder und Jugendliche. Der Grund: der Zuzug vieler junger Familien, darunter viele Armutszuwanderer und Flüchtlinge, und eine höhere Geburtenrate. Viele Familien oder Alleinerziehende mit drei und mehr Kindern zogen in den Brennpunkt Canarisweg. Ein Drittel aller Wohnungen dort hatten dort zuvor leergestanden. Das führte zu Engpässen bei Kita-Plätzen. Die Stadt hat darauf mittlerweile mit einem Vier-Punkte-Plan reagiert. Eine Maßnahme: Rund 120 neue Kindergartenplätze sollen ab Anfang Dezember 2018 in einer Übergangskita auf dem Gelände der Beckstraße bereit stehen. Der Neubau des Familienzentrums in der Beckstraße soll 2020/2021 fertig sein.

Die Zahl der Kinder, die mit einem besonderen Förderbedarf eingeschult werden, ist in Mühlenberg zudem erschreckend hoch. Das ergibt sich aus den Schuleingangsuntersuchungen der Jahrgänge 2015/16 und 2016/17 . Besonders auffällig ist der Bereich Sprache. Während in der Landeshauptstadt rund 39 Prozent und in der Region Hannover insgesamt rund 43 Prozent der Kinder mit normal entwickelten sprachlichen Fähigkeiten in die erste Klasse kommen, sind es in Hannover-Mühlenberg gerade einmal 19 Prozent.

Das Familienzentrum Mühlenberg am Canarisweg bietet derzeit Plätze für 85 Kinder in einer Krippe, zwei Kindergartengruppen und einer Hortgruppe. Die Einrichtung in Trägerschaft der evangelisch-lutherischen Bonhoeffer-Kirchengemeinde ist eines von 44 Familienzentren in Hannover. Das heißt: Zusätzlich zur Betreuung, Bildung und Erziehung von Kindern im Sinne des Kindertagesstättengesetzes gibt es hier vielfältige Angebote für die ganze Familie. Sie richten sich nicht nur an die Eltern der Kita, sondern an alle Stadtteilbewohner. Dazu zählt auch der Elterntreff. jr

Von Jutta Rinas

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