Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Hannover Die Chaostage sind Geschichte
Nachrichten Hannover Die Chaostage sind Geschichte
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
18:46 03.08.2015
Brennende Barrikaden und Straßenschlachten mit der Polizei: 1995 versetzten Punks die Nordstadt in Ausnahmezustand. Quelle: Archiv
Hannover

Vereinzelt sitzen noch manchmal Punker gegenüber dem Hauptbahnhof in Hannover und betteln um ein paar Münzen - die Polizisten ein paar Schritte weiter aber haben eher anreisende Fußballfans im Blick. Ganz anders die Situation vor 20 Jahren, als sich bei den berüchtigten Chaostagen Polizisten und Punker in der Landeshauptstadt wüste Straßenschlachten lieferten.

Die gewalttätigen Ausschreitungen bei dem Punker-Treffen vom 3. bis zum 6. August 1995 mit mehr als 400 Verletzten versetzten Hannover in den Ausnahmezustand und brachten die Stadt weltweit in die Negativschlagzeilen. "Das war fast wie im Bürgerkrieg", erinnert sich der spätere Polizeipräsident Hans-Dieter Klosa. Punks warfen mit Pflastersteinen, errichteten brennende Barrikaden, plünderten stundenlang einen Supermarkt - und die Polizei sah hilflos zu. "Der Polizeieinsatz damals war ein Desaster", sagt Klosa, der seinerzeit Chef der Landesbereitschaftspolizei war. "Bilder vom brennenden Hannover gingen um die Welt und haben das Image der Stadt schwer beschädigt."

1995 war geplant

Die Anfänge der Chaostage gingen zurück bis ins Jahr 1982. Punker wollten sich damit damals gegen eine von der Polizei eingerichtete "Punker-Datei" zur Wehr setzen. Von da an gab es jährlich Punker-Treffen, bei denen es immer wieder zu Gewalttätigkeiten kam. 1994 drohte die Situation erstmals außer Kontrolle zu geraten - das spornte die durch Anarchie und Nicht-Organisation gekennzeichnete Szene vermutlich an, im folgenden Jahr so richtig Dampf abzulassen.

Schon Anfang 1995 mehrten sich im Internet und auf Flugblättern Aufrufe zur Teilnahme mit Parolen wie "Tötet alle Bullen" oder "Wir legen die Stadt in Schutt und Asche". Anfang August dann kamen rund 1500 bunthaarige und autonome Menschen aus dem ganzen Bundesgebiet und dem Ausland nach Hannover und lieferten sich Straßenschlachten mit der Polizei.

Als Konsequenz trat der damalige Polizeipräsident zurück. Sein Nachfolger Klosa setzte im kommenden Jahr auf Stärke und bereitet den Chaostagen für immer ein Ende. 6000 Beamte verwandelten Hannover im Sommer 1996 in eine Festung. Krawalle blieben aus.

Chaostage noch immer kein gutes Thema bei der Polizei

So mancher im Rathaus und bei der Polizei wird zwar auch nach 20 Jahren nicht gerne auf die Chaostage angesprochen - das Image von Hannover ist aber schon lange durch andere Dinge geprägt. Als Großstadt im Grünen wirbt Hannover nicht nur erfolgreich um eine wachsende Zahl von Touristen, auch die Einwohnerzahl steigt seit einigen Jahren wieder, unter anderem dank der florierenden Wirtschaft. Wenn die Polizei heute in Gerangel mit Protestlern verwickelt wird, dann geht es wie in anderen Großstädten eher um Proteste gegen die Gentrifizierung, die Verdrängung ärmerer Einwohner durch wohlhabendere in begehrten Stadtteilen.

Inzwischen sind die Schauplätze der Punk-Randale von damals sogar zu touristentauglichen Orten der Zeitgeschichte geworden. Das Unternehmen Living Culture organisiert seit einigen Jahren alternative Stadtführungen dahin. Ein letztes Mal von sich Reden machten Punks in Hannover 2008 vor Start eines Films zu den Chaostagen. Bei Ausschreitungen zwischen Punkern und der Polizei wurden damals 22 Menschen verletzt, darunter 4 Beamte. Die Randale aber war nicht geplant wie 1995 - sie begann erst, als rund 100 Punker keinen Einlass mehr zu einem Konzert zum Filmstart erhielten.

Von Michael Evers

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!
Mehr zum Thema

Das Fährmannsfest ist aus Linden nicht mehr wegzudenken – und auch jenseits der Stadtteilgrenzen längst eine feste Größe im sommerlichen Veranstaltungskalender. Auch im 32. Jahr seines Bestehens setzt das „kleine Woodstock“ wieder auf eine Mischung aus Musik, Kultur, Feiern und Wohlfühlen auf der grünen Wiese. Ein Bericht von der Festivalwiese.

Simon Benne 04.08.2015
Panorama Hersteller überarbeitet Turnschuh - Chucks im neuen Design: Muss das sein?

Sie sind der Lieblingsschuh von Anzugträgern und Hippies – bisher. Denn nach 98 Jahren bekommen die Chucks ein neues Design. Converse will mit dem neuem Modell eine neue Ära einläuten. Muss das wirklich sein?

Sonja Fröhlich 03.08.2015
Deutschland / Welt Gewerkschaften kritisieren Polizeihelfer - Hobbysheriffs sind keine Hilfe

Sie sollen in Uniform für Recht und Ordnung sorgen - sind aber keine Beamten: Polizeihelfer. Für Polizeigewerkschaften sind die ehrenamtlichen Helfer eher untauglicher Ersatz, als sinnvolle Hilfe im Alltag.

02.08.2015
Hannover Jubiläum von Liebe-Mitarbeiterin Helga Denia - „Ich gehöre gern zum alten Eisen“

Helga Denia kümmert sich gern um die Schönheit der Hannoveranerinnen – seit 60 Jahren. Jetzt feiert die 80-Jährige aus Döhren ihr sechstes Dienstjubiläum in der Parfümerie Liebe. Das Alter ist für sie kein Thema: „Ich gehöre gern zum alten Eisen".

05.08.2015

Das Fährmannsfest ist aus Linden nicht mehr wegzudenken – und auch jenseits der Stadtteilgrenzen längst eine feste Größe im sommerlichen Veranstaltungskalender. Auch im 32. Jahr seines Bestehens setzt das „kleine Woodstock“ wieder auf eine Mischung aus Musik, Kultur, Feiern und Wohlfühlen auf der grünen Wiese. Ein Bericht von der Festivalwiese.

Simon Benne 04.08.2015

Auf dem Mascheefest geht das Eröffnungswochenende am Sonntag mit einer musikalischen Spendengala zu Ende. Das Fährmannsfest lädt noch einmal zu einem kostenlosen Besuch ein. Und Autofahrer müssen sich eine Alternative zur Fahrt über die Herrenhäuser Straße suchen. Das sind Themen, die am Sonntag in Hannover wichtig sind.

02.08.2015