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Hannover Darum dürfen Kita-Kinder die Kirche nicht besuchen
Nachrichten Hannover Darum dürfen Kita-Kinder die Kirche nicht besuchen
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00:18 27.10.2017
Von Simon Benne
„Es geht doch nicht um Missionierung“: Dorothee Schönfelder mit ihren Kindern Erik (4), Lars (3) und Hilda (10 Monate) vor der Kirche - hinter dem Zaun rechts liegt der Kindergarten. Quelle: Katrin Kutter
Hannover

Der Bürgermeister bemüht sich, die Wogen zu glätten. Es hört sich ein bisschen so an, als könnte er die ganze Aufregung auch gar nicht recht verstehen. „Religiöse Neutralität ist für uns selbstverständlich“, beteuert Claus-Dieter Schacht-Gaida im Blick auf das, was sich in der Kita von Hiddestorf derzeit abspielt. Dort hat ein religionskritisches Elternpaar ein Projekt gestoppt, bei dem Kinder regelmäßig die nahe Kirche besuchen sollten - und seither ist die Aufregung groß.

Neutralität hin oder her - Kinder hätten nun einmal Fragen zur Religion, sagt der Bürgermeister, zumal wenn eine Kirche direkt neben der Kita stehe. Warum trägt ein Pastor einen schwarzen Mantel? Warum läuten da Glocken? Was tun die Leute in so einer Kirche? „Auch Kitas ohne konfessionelle Bindung sollten die existenziellen Fragen der Kinder aufgreifen“, sagt Schacht-Gaida. Und schließlich gehe es um gesellschaftlich anerkannte Werte und Normen.

Stadt stoppt das Projekt

Die Debatte nahm ihren Anfang, als die Hiddestorfer Kita vor einigen Monaten das Projekt „Kinder und Kirche“ vorstellte. Einmal im Monat sollten die Kinder unter der Leitung von Pastor Richard Gnügge, der selbst einen Sohn in der Kita hat, die nahe Kirche besuchen. Rund 50 von 75 Kindern wurden dafür angemeldet. Dann jedoch stoppte die Stadt das Projekt: Ein Elternpaar hatte sich an die Antidiskriminierungsstelle des Bundes gewandt.

„Wer möchte, kann seine Kinder ja gerne in eine kirchliche Kita schicken“, sagt Christian Oldiges, dessen Sohn die Kita besucht. „Wir aber sind konfessionsfrei, und bei der Anmeldung haben wir uns extra rückversichert, dass in unserer Kita keine Rituale wie Beten praktiziert werden“, sagt der 44-Jährige. „Das war uns bei der Auswahl der Kita wichtig.“

Umso erstaunter sei er gewesen, als er dort eines Tages einen Aushang sah, in dem von „Gottesdiensten für kleine Leute“ die Rede war. Seiner Darstellung nach sind Gespräche bei einem Elternabend über das Thema ergebnislos geblieben. Auf eine Mail ans städtische Familienbüro habe er bis heute keine Antwort erhalten. Also wandte er sich an die Antidiskriminierungsstelle des Bundes: „Wir wollten einfach gehört werden“, sagt er.

Die Wogen schlagen hoch im Ort

Als die Antidiskriminierungsstelle die Stadt zu einer Stellungnahme aufforderte, erteilte der Bürgermeister der Kita die dienstliche Anweisung, das Projekt zu stoppen, „um im Sinne der betroffenen Kinder und Mitarbeitenden eine weitere Eskalation zu vermeiden“, wie er sagt.

Seither schlagen die Wogen in Hiddestorf erst recht hoch.

„Wir sind mehr als verärgert“, sagt Michael Schönfelder, der zwei Söhne in der Kita hat: „Es geht bei dem Projekt doch gar nicht um Missionierung.“ Dass zunächst von „Gottesdiensten“ die Rede war, sei ein Fehler gewesen, sagt auch Pastor Gnügge: „Es sollte vor allem ein Angebot für Kinder sein, die Kirche zu entdecken, Lieder zu singen oder Kerzen anzuzünden.“

„Diese Kirche steht hier seit Jahrhunderten“, sagt eine Mutter aus Hemmingen. Wer in ein Dorf ziehe, müsse das akzeptieren. Längst nicht alle Eltern, die ihre Kinder angemeldet hatten, seien evangelisch: „Es erweitert auf jeden Fall den Horizont unserer Kinder.“

Kritiker fürchten Ausgrenzung

In diesem Dorfzwist geht es um sehr grundsätzliche Fragen, denn dieser rührt an das Verhältnis von Staat und Kirche: Verstößt schon ein regelmäßiger Besuch in einer Kirche gegen das Gebot religiöser Neutralität? Muss eine städtische Kita spirituell ein möglichst steriler Raum sein? Und wann schlägt der Schutz einer Minderheit um in eine Bevormundung der Mehrheit durch die Minderheit?

Die Gruppe der Konfessionslosen wächst in Deutschland stetig. Ist es also endlich an der Zeit, mehr Rücksicht auf sie zu nehmen - oder gehört es gerade angesichts des grassierenden Glaubensschwundes zum kulturellen Bildungsauftrag einer Kita, Wissen um die christliche Kultur zu vermitteln?

„Das ganze war ein rein freiwilliges Angebot“, sagt Vater Michael Schönfelder: Nur schriftlich angemeldete Kinder sollten in die Kirche gehen. „Und zusätzlich sollte jedes Kind am Besuchstag einzeln gefragt werden, ob es mitgehen oder lieber in der Kita weiter spielen wolle.“

Ein Argument, dass in den Augen von Kirchenkritiker Oldiges nicht zieht: „Auch freiwillige regelmäßige Kirchenbesuche passen nicht zum Konzept einer religionsneutralen Kita“, sagt er. Er fürchtet, dass Kinder, die nicht mit in die Kirche gegangen wären, sich ausgegrenzt gefühlt hätten: „Außerdem hätten die anderen Kinder ihnen beim Mittagessen womöglich von ihren Erlebnissen in der Kirche erzählt.“

Jetzt kommen die Kinder nachmittags

Er selbst habe schlechte Erfahrungen mit der Kirche gemacht, sagt der 44-Jährige. Er sei in einer „erzkatholischen Gegend“ aufgewachsen, in der die Kirche den Alltag prägte - und Konfessionslose bei vielen Aktivitäten fast zwangsläufig außen vor blieben.

Seinen Kindern wolle er so etwas ersparen. Seine Tochter, die bereits in der Schule sei, habe er daher vom Religionsunterricht abgemeldet: Wenn die anderen biblische Geschichten hören, sitze sie getrennt von ihren Mitschülern im angrenzenden Arbeitsraum und könne Bücher lesen oder malen. „Eine Situation, mit der wir leben können.“ Auch in der Kita will er einer schleichenden Christianisierung wehren: „Sonst fängt es mit Besuchen in der Kirche an, und am Ende wird ein Morgengebet gesprochen.“

Pastor Gnügge hat inzwischen schon zweimal Kinder in die Kirche eingeladen - nachmittags, außerhalb der Kita-Zeiten. „Das Angebot wird gut angenommen“, sagt er. Vater Oldiges ist damit zufrieden: „Es steht ja jedem frei, seine Kinder in der Freizeit zu religiösen Veranstaltungen zu schicken“, sagt er.

Vater Schönfelder hingegen will die Kooperation zwischen Kirche und Kita noch nicht aufgeben: „Wir erwarten eine ausführliche Begründung der Stadt, warum das Projekt abgesagt wurde“, sagt er. „Unser Ziel ist, dass die Aktion doch noch stattfindet.“ Hemmingens Bürgermeister hat inzwischen angekündigt, im Jahr 2018 einen neuen Anlauf für das gemeinsame Projekt von Kirche und Kita zu nehmen.

Der Kulturkampf von Hiddestorf ist noch nicht zu Ende.

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